Wirtschaft : So entkommen Privatpatienten der Prämienspirale

Die privaten Krankenversicherer haben zu Jahresbeginn erneut ihre Beiträge erhöht / Mit einigen Tricks können Versicherte jedoch gegensteuern

Andreas Kunze,Heike Jahberg

Von Andreas Kunze

und Heike Jahberg

Erneut sind zu Jahresbeginn viele Tarife privater Krankenversicherungen (PKV) deutlich teurer geworden. Doch es gibt Möglichkeiten entgegenzusteuern, ohne Leistungsansprüche einzubüßen.

Die „Privaten" plagen Probleme: So macht die 2003 deutlich angehobene Pflichtversicherungsgrenze den Unternehmen zu schaffen (siehe Artikel oben). Im Juni vergangenen Jahres verordnete die Finanzaufsicht, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, den Unternehmen außerdem, sie müssten kurzfristig die neue „Sterbetafel 2004" bei der Kalkulation berücksichtigen. Der Grund: Die Lebenserwartung ist erneut gestiegen – im Prinzip eine gute Nachricht. Doch alte Leute verursachen die höchsten Krankheitskosten. Die höheren Leistungsausgaben und Krankheitskosten müssen die Versicherer in den Tarifen nun entsprechend berücksichtigen. Der Geschäftsführer des Verbandes der privaten Krankenversicherung, Christian Weber, beziffert die Prämienerhöhungen, die durch die neue Sterbetafel ausgelöst wird, auf zwei bis vier Prozent. Der Versicherungs-Sachverständige Peter Schramm hat jedoch errechnet: „Für 40-jährige Männer, die bereits zehn Jahre versichert sind, betragen die zusätzlichen Beitragsanpassungen nur aufgrund der Einführung der neuen PKV-Sterbetafel bereits bis zu 8,5 Prozent."

Hinzu kommen noch Erhöhungen aus anderen Gründen, etwa wegen der seit Jahren massiv steigenden Kosten für Arzneien und Verbandmittel. „Weil ihre Ausgaben steigen, sind die privaten Krankenversicherer gezwungen, die Prämien zu erhöhen“, sagt PKV-Geschäftsführer Weber. Denn anders als die gesetzlichen Krankenkassen seien die „Privaten“ durch die Gesundheitsreform bei den Ausgaben nicht entlastet worden. Die neuerlichen Prämienerhöhungen werden wohl nicht das Ende der Fahnenstange sein, räumt Weber ein. „So lange die Kosten im Gesundheitswesen steigen, kommt die PKV auch nicht umhin, Beitragserhöhungen vorzunehmen“. Doch für Versicherte gibt es Wege, der Prämienspirale zu entkommen:

Anbieterwechsel: Zwar sind von der neuen Sterbetafel alle Anbieter gleichermaßen betroffen, dennoch wird es weiterhin Gesellschaften geben, die viel günstiger sind als der Schnitt. Mehrere Hundert Euro Ersparnis sind möglich. Nachteil: „Der Kunde verliert seine Alterungsrückstellung; er kann sie nicht auf den neuen Versicherer übertragen lassen", warnt der gerichtlich zugelassene Versicherungsberater Michael Kronenberg.

Die Alterungsrückstellung ist eine Art internes Sparbuch, mit dem die Prämienerhöhungen im Alter gedämpft werden sollen. Geht sie verloren, kann das im Alter besonders teuer werden. Kronenberg: „Ist der Kunde schon älter als 45, macht der Wechsel deshalb fast nie Sinn." Wer dennoch zu einer anderen Gesellschaft will: Die Kündigungsfrist beträgt zumeist drei Monate. Auf ein außerordentliches Kündigungsrecht von einem Monat kann der Versicherte aber pochen, wenn die Versicherung die Prämien oder die Selbstbeteiligung erhöht.

Tarifwechsel: Schon seit 1994 haben Privatpatienten das Recht, in einen anderen Tarif innerhalb derselben privaten Kasse zu wechseln – ihre Alterungsrückstellung können sie dabei mitnehmen. Die Anbieter haben im Haus oft deutlich billigere Tarife, mit denen Neukunden gelockt werden. Die Altkunden können dorthin ohne Zuschläge wegen inzwischen schlechterer Gesundheit wechseln, wenn die Leistungen gleich bleiben. Bei der Suche nach einem günstigeren Tarif mit gleichen Leistungen kann – gegen Gebühr – unter anderem das auf Versicherungsvergleiche spezialisierte Unternehmen FSS-Online (www.fss-online.de) behilflich sein. „Anhand der letzten Beitragsrechnung errechnen wir innerhalb von zwei Wochen den günstigsten Tarif", sagt Vorstand Karl-Heinz Reimer.

Höhere Selbstbeteiligung: Eine wirksame Methode, die Prämienlast zu senken, ist ein Selbstbehalt für die Kosten ambulanter Behandlung. Das lohnt sich immer dann, wenn die jährliche Prämienersparnis insgesamt höher ist als das, was der Kunde maximal zusätzlich selbst zahlen muss. Beispiel: Die Selbstbeteiligung von 1000 Euro bringt jährlich eine Prämienersparnis von 1500 Euro. Bei Arbeitnehmern geht die Rechnung in diesem Beispiel allerdings nur dann auf, wenn die Prämienersparnis mehr als 2000 Euro beträgt. Denn nur die Hälfte spart der Arbeitnehmer, die andere der Arbeitgeber. Allerdings ist noch die Beitragsrückerstattung zu berücksichtigen: Wer 1000 Euro und mehr im Jahr selbst an Arztkosten zahlt, kann darauf spekulieren, für diesen Tarif überhaupt keine Leistungen in Anspruch nehmen zu müssen. Bekommt er dann, wie bei manchen Gesellschaften üblich, drei Monatsbeiträge zurückerstattet, verringert das seinen Gesamtaufwand weiter.

Rückkehr in die Gesetzliche: Die Rückkehr in die gesetzliche Kasse ist grundsätzlich für jeden Privatpatienten möglich, der noch keine 55 Jahre ist. Voraussetzung: Er hat sich bislang nicht von der Versicherungspflicht befreien lassen und ist nach seinem Wechsel von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in die PKV wieder versicherungspflichtig geworden. Die Versicherungspflicht tritt zum Beispiel dann ein, wenn das Einkommen unter die Versicherungspflichtgrenze gerutscht ist – etwa durch Teilzeitarbeit. Wer mindestens zwölf Monate als Pflichtmitglied wieder in einer Kasse war, kann danach auch als freiwillig Versicherter mit höherem Einkommen dort bleiben.

Wechsel in den Standardtarif. Ältere Versicherte können unter bestimmten Umständen verlangen, in den so genannten „Standardtarif" zu wechseln. Der darf – bei verringerten Leistungen ähnlich der gesetzlichen Kassen – nicht mehr kosten als eine durchschnittliche gesetzliche Kasse. Die Versicherung darf das nicht ablehnen, wenn der Kunde das 65. Lebensjahr vollendet hat und mindestens zehn Jahre privat krankenversichert ist, oder der Kunde das 55. Lebensjahr vollendet hat, mindestens zehn Jahre privat krankenversichert ist und sein Einkommen unter der Pflichtversicherungsgrenze liegt.

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