Wirtschaft : So finden Sie den richtigen Anbieter

Wie Versicherte von den neuen Zusatzangeboten profitieren

Carsten Brönstrup/Heike Jahberg

Darf es eine Körperfett-Waage sein? Oder eine Zitruspresse? Vielleicht auch eine Fahrt mit dem Heißluftballon? Oder doch eher ein Springseil mit Kalorienzähler? Dinge, die die Welt nicht braucht, sagen die einen. Das neue Zeitalter im Krankenkassen-Wettbewerb, sagen die anderen.

Mit solchen Prämien werben die Krankenkassen jedenfalls seit Jahresbeginn um neue Mitglieder. Mit einer nie gekannten Reklameflut versuchen sie, Kunden für ihre neuen Tarife zu gewinnen. Die Gesundheitsreform macht es möglich: Die gesetzlichen Kassen dürfen ihren Mitgliedern nun mehr bieten als den grauen Einheitstarif früherer Tage. Bonusprogramme, Hausarzt-Tarife, Chroniker-Programme, Selbstbehalte – mit jedem Tag wird das Tarifchaos unübersichtlicher. „Das ist Wettbewerb nicht mehr allein über den Beitragssatz, sondern auch über Ideen und Angebote“, schwärmt Norbert Klusen, Vorstandschef der Techniker Krankenkasse. „Es reicht nicht mehr, die Beitragssätze zu vergleichen“, meint auch Thomas Isenberg, Gesundheitsexperte des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (vzbv).

Die richtigen Tarife für Junge

Die neuen Tarife tragen viele unterschiedliche Namen – doch in den Grundzügen ähneln sie einander (siehe Tabelle unten). Die Bonusprogramme etwa sind ein moderner Kuhhandel: Der Versicherte betreibt Prävention, er geht also sorgsam mit seiner Gesundheit um – er besucht eine Rückenschule oder einen Raucher-Entwöhnungskurs, ernährt sich gesünder, speckt ab; er wird Mitglied in einem Sportverein oder nimmt regelmäßig an Vorsorge-Untersuchungen teil. Gerade für jüngere Versicherte, die gesund bleiben wollen, seien das grundsätzlich gute Angebote, sagt Verbraucherschützer Isenberg. Allerdings müsse man differenzieren: „Die Kostenerstattung bei Vorsorgeuntersuchungen ist sinnvoll, die Belohnung für das Sportabzeichen dagegen eher ein Marketing-Gag.“

Für jede Maßnahme bekommt der Versicherte Punkte gutgeschrieben. Die kann er gegen Sachprämien eintauschen – vom Turnschuh bis zum Laufband. Einige wenige Kassen zahlen auch Geld zurück – so etwa die BKK VBU, deren Bonusprogramm im April in Kraft treten soll. Mindestens 25 Euro pro Jahr soll es für eifrige Punktesammler geben.

Die richtigen Tarife für Ältere

Noch in den Kinderschuhen stecken indes Programme, die den Patienten die verhasste Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal ersparen sollen. Wer sich verpflichtet, bei Beschwerden immer zuerst den Hausarzt aufzusuchen, um sich dann von ihm zum Radiologen, Internisten oder Hals-Nasen-Ohrenarzt überweisen zu lassen, bekommt von der Kasse einen Bonus oder wird bei den Zuzahlungen zu Medikamenten, Heilmitteln und eben der Praxisgebühr entlastet. Wer häufiger zum Arzt geht, etwa ältere Patienten, sollte eine Kasse mit Hausarztmodell wählen, rät vzbv–Experte Isenberg. „Das kann für die Betroffenen unterm Strich günstiger und auch medizinisch sinnvoller sein als zu einer Billigkasse zu wechseln, die ein solches Modell nicht anbietet.“ Die Barmer, die DAK oder die KKH experimentieren mit solchen Modellen. Bei einigen muss der Versicherte jedoch an der „integrierten Versorgung“ teilnehmen: Die Behandlung findet dann in Gesundheitszentren statt, die die Kassen ausgewählt haben.

Ausgereifter sind dagegen die Behandlungsprogramme für chronisch Kranke. Mit Boni und Gutschriften wollen die Kassen Diabetiker oder Brustkrebs-Patientinnen zur Teilnahme an speziellen Therapien bewegen. Die Beträge, mit denen die Institute locken, gehen bis zu 100 Euro und darüber. Oft werden auch die Zuzahlungen zu Medikamenten ermäßigt.

Die richtigen Tarife für Gutverdiener

Auch für gesunde, gut verdienende Kassenpatienten hat die Gesundheitsreform neue Möglichkeiten gebracht. Was die Techniker Kasse vor einem Jahr als Pionierin begann, bieten seit Jahresanfang nahezu alle Kassen: Selbstbehaltsprogramme, bei denen die Kunden einen Teil des Kostenrisikos tragen und im Gegenzug mit Bonuszahlungen oder Beitragsrückerstattungen belohnt werden. Das Prinzip: Wer gar nicht oder selten zum Arzt geht, profitiert. Wer Pech hat und doch häufiger behandelt werden muss als erwartet, zahlt drauf – allerdings meist nur bis zu einer vorher festgelegten Höchstgrenze.

Aber Achtung: Wer die Selbstbehaltstarife wählt, kann meist nicht mit seiner Chipkarte den Arzt bezahlen, sondern bekommt wie ein Privatpatient eine Rechnung (Kostenerstattung) – abgerechnet wird dann nicht mit dem Kassensatz, sondern der Arzt kann bis zum 3,5-Fachen des Vertragssatzes verlangen. Hinzu kommt auch noch ein pauschaler Aufschlag der Kasse für ihre Verwaltungsaufwendungen. Allerdings gilt die Kostenerstattung nicht einheitlich: Bei der Technikerkasse und bei der AOK Berlin kann man auch dann mit der Versichertenkarte zum Arzt gehen, wenn man den Selbstbehaltstarif wählt.

Nach der Gesundheitsreform dürfen die Kassen Selbstbehalts- und Beitragsrückgewähr-Modelle nur freiwillig Versicherten anbieten, die über der Versicherungspflichtgrenze (3862,50 Euro brutto im Monat) liegen. Mit den neuen Modellen sollen die Kassen Instrumente an die Hand bekommen, Gutverdiener in der gesetzlichen Krankenversicherung zu halten. Nur die Allgemeinen Ortskrankenkassen scheren aus: Sie bieten auch Pflichtversicherten Bonuszahlungen an – im Rahmen eines „Modellversuchs“. In Berlin ist dieser Tarif von der Aufsichtsbehörde genehmigt, in Bayern noch nicht.

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