Wirtschaft : So schmeckt der Osten

Warum viele Ostdeutsche auch zwölf Jahre nach der Wende noch anderes essen als Westdeutsche – und Mocca Fix nicht mit Jakobs Krönung vergleichbar ist

Bernd Matthies

Die Frage ist kaum lösbar: Gibt es einen echten Ost-Geschmack – oder nur die Anhänglichkeit an vertraute Produktnamen? Das ostdeutsche Renommierprodukt schlechthin, der Rotkäppchen-Sekt, hat mit Sicherheit keinen Ost-Geschmack, denn der wäre bei diesem Produkt heute schon aus Qualitätsgründen kaum wünschenswert. Die Marketing-Leute der Firma halten zumindest den Glauben am Leben, dass Rotkäppchen doch wenigstens aus ostdeutschen Weinen stamme. Das trifft aber nur für einen kleinen Bruchteil der Produktion zu; jene Flaschen, die preisgünstig in den Supermärkten stehen, enthalten Sekt aus verschiedenen, meist südeuropäischen Grundweinen, die sich grundsätzlich nicht von denen der Konkurrenz unterscheiden.

Ganz überwiegend geht es bei der Abwägung von Ost- gegen Westprodukte um die Unterscheidung von industriell hergestellten Nahrungsmitteln, die unabhängig von ihrer Herkunft nichts mehr mit den Standards der DDR zu tun haben. Im Osten wie im Westen steuern Lebensmittelchemiker den Geschmack mit gezieltem Einsatz von Aromen, es werden Konservierungsmittel, Geschmacksverstärker und andere Chemikalien nach den aktuell geltenden Standards eingesetzt. Das heißt nicht, dass nicht doch bisweilen eine spezifische Geschmacksrichtung anvisiert wird. Bei einem vergleichenden Test für das RTL-Magazin „Money Trend“ stellte sich kürzlich heraus, dass manche typische Ost-Produkte dezidierter und klarer gewürzt sind: Die Kohlroulade Ost schmeckte klassisch nach Kümmel, die Kohlroulade West völlig diffus. Der Rotkohl Ost hatte betontes Gewürzaroma mit Nelken und Zimt, der West-Rotkohl irritierte dagegen durch dumpfe Essigsäure und wirkte eher wie eine Aufforderung zum selbstständigen Nachwürzen.

Doch dies schienen eher zufällige Funde zu sein. Vanillesaucen stechen in Ost undWest durch penetrantes Vanillearoma hervor, Fruchtkonserven durch viel Zucker. Und der heißgeliebte „Mocca Fix“ schmeckt nach Kaffee – nicht anders als die Produkte von Tchibo oder Jacobs.

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