Wirtschaft : So stark wie Pippi

Unbelastet von der Schuldenkrise erlebt Schweden einen starken Aufschwung – und kommt gut ohne den Euro aus

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Exportschlager. Der Erfolg von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf gilt den Schweden als Vorbild. Foto: p-a/dpa
Exportschlager. Der Erfolg von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf gilt den Schweden als Vorbild. Foto: p-a/dpaFoto: picture alliance / dpa

Stockholm - Während sich EU-Volkswirte die Köpfe über Griechenlands Zukunft zerbrechen, gibt es für die Wirtschafts- und Haushaltslage des EU-Mitglieds Schweden nur Lob. „Schwedens Wirtschaft steht stark wie Pippi Langstrumpf“, rühmte etwa OECD-Generalsekretär José Angel Gurria das Land. Die skandinavische Nation sei „eine Insel des Wohlstandes in sehr unsicheren Gewässern“, sagte er.

Das Land hat sich nach einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 5,3 Prozent im Krisenjahr 2009 schneller erholt als andere Länder. Die Unternehmen reagierten frühzeitig mit Kostensenkungen und profitierten dabei auch von dem schwachen Kündigungsschutz. Bereits ein Jahr später wuchs die Wirtschaft wieder um 5,5 Prozent. Für 2011 rechnet die Schwedische Reichsbank mit einem immer noch deutlich über dem historischen Durchschnitt liegenden Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent.

Die Kehrseite: Die Inflation könnte in dem kleinen Währungsraum der Krone in diesem Jahr auf 3,2 Prozent steigen, erwartet die Reichsbank. In den folgenden Jahren sollte sie sich nur wenig verlangsamen. Für 2012 rechnen die Notenbanker mit 2,8 Prozent, für 2013 mit 2,7 Prozent. Inflationstreiber sind die steigenden Mieten in den Ballungsräumen um Stockholm, Göteborg und Malmö. Um gegenzusteuern, erhöhte die Reichsbank vergangenen Freitag die Leitzinsen um 0,25 auf zwei Prozent. In der Eurozone liegt der Zinssatz bei 1,25. Die Notenbanker riskieren damit, dass der Wert der Krone weiter steigt, was Exportbemühungen einheimischer Unternehmen hemmen könnte.

Doch Schwedens industrielle Basis ist stark. Das Land produziert seit jeher Stahl. Und die Autoindustrie steckt im Umbau, fertigt aber weiter: Volvo und Saab mit chinesischen Geldgebern; der Lastwagenhersteller Scania dürfte in absehbarer Zeit in einer neuen Lkw-Allianz mit MAN im Volkswagen-Konzern aufgehen. Electrolux exportiert Kühlschränke in die ganze Welt. Und mit Ikea und H&M haben zudem zwei der weltgrößten Handelskonzerne ihre Basis in Schweden.

In Krisenzeiten macht sich dieses „starke wirtschaftliche Fundament“ (OECD) bezahlt. Konjunkturempfindliche und -resistente Branchen gleichen sich aus. Dank der noch immer relativ feinmaschigen sozialen Sicherungssysteme und eines traditionellen Grundoptimismus bricht auch die Nachfrage in Krisenzeiten nicht sofort ein.

Der Staatshaushalt ist eine weitere Quelle der Stabilität: Nach der Wirtschaftskrise in den 90er Jahren wurde er konsequent konsolidiert. Bereits 2002 war der Schuldenstand der öffentlichen Hand auf 52 Prozent des BIP gesunken. Zum Vergleich: Euroländer dürfen Schulden in Höhe von 60 Prozent haben. Allerdings erreichte der Schuldenstand in der Eurozone im vergangenen Jahr 85 Prozent. In Schweden ging dagegen der Schuldenstand kontinuierlich zurück. 2010 konnte ein weitgehend ausgeglichener Haushalt erreicht werden. Für 2011 rechnet Stockholm gar mit einem Überschuss von mindestens 20 Milliarden Kronen (2,2 Milliarden Euro).

Trotz dieser Zahlen weist Schwedens wirtschaftsliberaler Finanzminister Anders Borg die Ausgabewünsche seiner Kabinettskollegen regelmäßig zurück. Auch das Kernanliegen seiner seit 2006 amtierenden Regierung, im jahrzehntelang sozialdemokratisch regierten Schweden die hohen Steuersätze schnell zu senken, will er nicht umsetzen.

Die Einführung des Euro ist in Schweden kein Thema. Zwar sprechen sich Sozialdemokraten wie auch die bürgerliche Vierparteienkoalition prinzipiell für die Einführung aus. Doch das Vorhaben hätte beim schwedischen Volk derzeit keine Chance. Schon im Jahr 2003 stimmten 56 Prozent der Schweden in einem Referendum dagegen. In der Hauptreisezeit genießen die Schweden zudem im Ausland ihre selten starke Krone: Mussten sie im Frühjahr 2009 bis zu 11,60 Kronen für einen Euro zahlen, sind es derzeit nur rund 9,20. Und mit der Leitzinserhöhung dürfte die Krone noch stärker werden. André Anwar

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