Wirtschaft : So weit die Schuhe tragen

Ein Viertel der Verbraucher läuft regelmäßig – ein riesiger Markt. Bei der Ausrüstung setzt sich immer mehr High-Tech durch

Maurice Shahd

Ganze 286 Läufer rannten 1974 beim ersten Berlin-Marathon durch den Grunewald. Immerhin 244 kämpften sich nach 42,195 Kilometern ins Ziel. Noch sechs Jahre später war das Starterfeld mit 363 Meldungen recht bescheiden. Doch 1981, noch ein Jahr darauf, als der Berlin-Marathon erstmals durch die Innenstadt West-Berlins führte, verzehnfachte sich die Zahl der Starter auf einen Schlag. Inzwischen ist aus den verrückten Trimm-Dich-Jüngern der 70er Jahre eine Massenbewegung geworden. Am Sonntag geht in Berlin die Rekordzahl von 35 000 Läufern an den Start.

Nach einer Studie im Auftrag des Fachmagazins „Runners World" joggten im vergangenen Jahr mehr als 16 Millionen Menschen über 14 Jahre in Deutschland regelmäßig. 1998 waren es noch 13,5 Millionen gewesen. „Der Vorteil des Laufens liegt in seiner Einfachheit. Läufer sind nicht an einen Ort oder eine Zeit gebunden, und sie brauchen keine schwere Ausrüstung", sagt Adidas-Sprecher Jan Runau. Adidas ist in Deutschland vor dem japanischen Konzern Asics und dem US-Hersteller Nike Marktführer. Obwohl ein Läufer außer Schuhen, Sporthose, Hemd und im Winter einer Jacke kaum etwas zum Laufen braucht, ist der Running-Markt für die Sportartikelindustrie ein wichtiges Geschäft. Zwar hütet die Industrie die Größe des Laufschuhmarktes wie ein Staatsgeheimnis, aber Branchenexperten schätzen ihn in Deutschland auf rund 450 Millionen Euro pro Jahr. Aber: „Nach einem Boom vor zwei bis drei Jahren flacht das Wachstum jetzt etwas ab", sagt Dietmar Brandl vom Marktforschungsinstitut Sports Tracking Europe. Zwar erwartet die Branche auch in diesem Jahr ein leichtes Wachstum von fünf Prozent, der Markt sei aber fast schon gesättigt.

Der Preis spielt keine Rolle

Bei der Auswahl des richtigen Laufschuhs steht bei den Kunden nach Ansicht von Brandl immer noch die Funktion des Sportschuhs im Vordergrund, und nicht etwa Optik oder Preis. In der Vergangenheit versuchten die Hersteller, vor allem die Dämpfung und die Stabilität der Schuhe zu verbessern. Inzwischen konzentrieren sich viele Neuerungen auf eine bessere Belüftung des Schuhwerks. So verarbeiten Asics nach dem „H2O-Konzept" und Adidas mit „Climacool" atmungsaktive Materialien, die einerseits mehr Luft an den Fuß lassen, andererseits aber wetterfester sind als herkömmliche Stoffe.

Grundsätzlich lassen sich drei Arten von Laufschuhen unterscheiden. Neben normalen Trainingslaufschuhen gibt es festere Cross-Schuhe mit ausgeprägter Profilsohle. Diese eignen sich für Jogger, die häufig im freien Gelände oder im Winter auf matschigen Strecken unterwegs sind. Spezielle Wettkampfschuhe sind mit rund 150 Gramm pro Paar sehr leicht, dafür aber weniger strapazierfähig. Daneben gibt es besonders stabile Schuhe für sehr schwere Läufer. „Wer sich einen Laufschuh kauft, mit dem er regelmäßig joggen will, braucht eine Beratung", sagt Derk Beggerow, Inhaber des Fachgeschäfts Lang und Laufladen in Berlin. Dabei werde beide Füße zunächst genau vermessen. „Dann schaut sich der Verkäufer, idealerweise auf einem Laufband, den Laufstil des Kunden an." Die Laufsportkette Runners Point bietet dafür in ihren Geschäften sogar eine Videoanalyse an.

Da die meisten Menschen leichte X- oder O-Beine haben, rollt der Fuß nicht ganz sauber ab. Speziell verstärkte Schuhe gleichen das bei rund 75 Prozent aller Läufer vorhandene Einknicken nach innen (Überpronation) aus. „Gerade Laufanfänger sollten auf gutes Schuhwerk achten, weil die Muskeln die Fehlstellung der Füße noch nicht ausgleichen können", sagt Beggerow. Sonst drohen Verletzungen an Knie- oder Hüftgelenken. Wer regelmäßig läuft, sollte daher mindestens 90 Euro für ein Paar guter Laufschuhe einkalkulieren. Übrigens ist bei einem normalen Schuh nach rund 1000 Kilometern die Dämpfung hinüber. „Von außen ist das kaum zu erkennen", warnt Beggerow.

Anfertigung nach Maß

Eine Besonderheit hat Adidas mit seinem Programm „Mi Adidas" im Angebot. Auf Wunsch fertigt der Sportartikelkonzern seine Laufschuhe nach Maß. Dabei wird der Schuh den individuellen Bedürfnissen des Kunden angepasst und erst dann produziert. „Der Läufer kann sich außerdem die Farbe aussuchen und seinen Namen auf den Schuh sticken lassen", sagt Adidas-Sprecher Runau. Allerdings wird für diesen Service ein Aufpreis fällig. Statt 130 Euro für das Adidas Top-Modell „A3“ kostet der Schuh dann 220 Euro.

Während der Laufschuhmarkt schon fast gesättigt ist, sehen Branchenexperten im Markt für Laufbekleidung noch viel Potenzial. „Viele Läufer greifen noch zu Jogging-Anzug und T-Shirt", sagt Kai Neidiger von Laufsport Andreas, der eine eigene Running-Kollektion produziert. „Atmungsaktive Kleidung aus Kunstfasern klebt dagegen nicht am Körper und schützt besser bei nassem oder kaltem Wetter." Für Herbst und Winter hat Neidiger eine spezielle „Sauwetter-Jacke" im Angebot, die aus zwei Stoffschichten besteht und daher besonders gut den Schweiß ableitet.

„Laufbekleidung muss inzwischen nicht nur funktionell, sondern auch schick sein", meint Thomas Laitsch vom Modekonzern Esprit. Besonders Frauen wollten auch beim Sport gut aussehen. Im Frühjahr brachte Esprit eine eigene Running-Kollektion auf den Markt, die nach Angaben von Laitsch nach wenigen Wochen ausverkauft war. Dabei werden die beinlangen Tights, eng anliegende Laufhosen, zunehmend von den pfiffigeren Dreiviertel-Tights abgelöst. „Auch Lauf-Shirts ohne Ärmel liegen im Trend", sagt Laitsch. Nach dem Erfolg der ersten Serie wird Esprit die Frauenkollektion erweitern und im kommenden Frühjahr eine Männerkollektion auf den Markt bringen.

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