Wirtschaft : Software-Industrie: Die Lizenz zum Gelddrucken ist abgelaufen

Greg Ip

Vor einem Jahr, als das Geschäft bei Inktomi Corp. blühte, pries Vorstandschef David Peterschmidt die Vorzüge der Software-Industrie. Sein Unternehmen hatte für 20 Millionen Dollar Anwendungen entwickelt, mit denen sich Inhalte des Internets in Firmen-Netzwerke transportieren lassen. Nachdem diese Kosten eingespielt waren, floss nahezu jeder weitere Dollar in den Gewinn. "Wir haben kaum noch Ausgaben - nicht einmal mehr für Disketten", schwärmte Peterschmidt. "Neben der Regierung sind wir wohl die einzigen, die Geld drucken dürfen."

Heute weiß man auch bei Inktomi, dass diese Logik ihre Kehrseite hat. Im letzen Jahr verdoppelten sich die Entwicklungskosten und verzehrten die erzielten Gewinne vollständig. Durch einen Einbruch bei den Verkaufszahlen wurde aus dem angestrebten Gewinn von einer Million Dollar ein Verlust von 58 Millionen. Die Gelddruckmaschine läuft rückwärts. Die Lage von Inktomi, die derzeit viele Unternehmen der US-Wirtschaft teilen, ist weit mehr als eine vorübergehende Technologie-Flaute. Stärker als je zuvor bestimmt sich der Wert eines Produktes heute durch seine Marke und den Benutzerkreis. Dies hat zur Folge, dass Softwareproduzenten wie Microsoft, Internetunternehmen wie Yahoo und Halbleiterproduzenten wie Intel enorme Festkosten für Forschung und Entwicklung aufbieten müssen. Dagegen sind die beim Vertrieb anfallenden Nebenkosten minimal.

Der wachsende Anteil von Unternehmen mit hohen Fixkosten und geringen Nebenkosten passt schlecht ins Bild der traditionellen Wirtschaftslehren. Einige Ökonomen glauben sogar, dass dieser Umstand die Grundstrukturen des Wirtschaftsverkehrs erschüttern könnte. Der unerwartete Einbruch bei den Unternehmensgewinnen war sicher auch ein Faktor, der bei den Verantwortlichen der US-Notenbank am vergangenen Dienstag für die erneute Senkung der Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt, auf nunmehr vier Prozent verantwortlich war. Dabei steht angesichts der relativ konstanten Konsumzahlen noch nicht einmal fest, dass die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession driftet. Zur Begründung der Zinsentscheidung verwies die Bank auf die Probleme im Unternehmensbereich, wo der Druck auf die Gewinne zu Kostensenkungen und Entlassungen führen kann. Hier sehen die Währungshüter die größte Gefahr für das Konsumverhalten der Amerikaner. Dieser Gewinndruck ist teilweise das Resultat der neuen Kostenstruktur in der New Economy. In guten Zeiten können geringe Vertriebskosten selbst bei hohen Fixkosten für eine Explosion der Gewinne sorgen. Sind die festen Ausgaben eingespielt, fließen die zusätzlichen Einnahmen fast vollständig in die Profite. Doch die vergangenen Monate haben gezeigt, dass dieser Hebel auch in die entgegengesetzte Richtung wirkt: Obwohl die Umsätze bei Yahoo in einem Quartal um 42 Prozent einbrachen, blieben die festen Ausgaben nahezu konstant. In der Folge wurde aus einem Gewinn von 87 Millionen Dollar dann im vierten Quartal ein 33-Millionen-Verlust.

Für Richard Berner, Chefökonom bei Morgan Stanley, ist dieser Kostenhebel die Achillesferse der modernen Wirtschaft. "Es werden dauernd hohe Einnahmen benötigt, selbst in Zeiten einer wirtschaftlichen Abkühlung", sagt er. Andererseits sorge der enorme Druck auf die Gewinnspannen für eine Ausgabenlast, die noch zu größeren Entlassungswellen führen wird als derzeit angenommen.

Viele Wettbewerber werden gänzlich aus dem Markt gedrängt. Ökonomen sagen schon lange voraus, dass bestimmte Bereiche der New Economy nur funktionieren, weil der Markt unter wenigen Unternehmen aufgeteilt ist. Diese müssen ihre Marktanteile zur Deckung der Festkosten schnell steigern. Haben sie eine bestimmte Größe erreicht, unterbieten sie leicht die Preise der Konkurrenz, die ihrerseits kaum noch wachsen kann. Die aktuellen Gewinneinbrüche scheinen dieses Prinzip noch anzutreiben, denn Unternehmen wie Yahoo oder Amazon.com können zusehen, wie ihre Konkurrenten reihenweise die Segel streichen. "Es werden noch eine Menge Unternehmen scheitern, da die hohen Fixkosten jedes Wachstum verhindern", sagt Henry Blodget, Internet-Analyst bei Merryl Lynch.

Für dieses Prinzip steht auch der Netzwerk-Hersteller Cisco Systems. Im letzten Quartal reichte ein Umsatzrückgang von 30 Prozent aus, um die Gewinne um 95 Prozent schrumpfen zu lassen. Dabei machten sich vor allem die enormen Fixkosten bemerkbar, die ein konstantes Wachstum vorausgesetzt haben. Dem Umsatzschwund hatte Cisco wenig entgegenzusetzen, denn die laufenden Kosten ließen sich nicht reduzieren. Cisco entschied sich, die Investition in bestimmte Produkte vollständig einzustellen. Das Phänomen hoher Festkosten bei geringen Vertriebsaufwendungen ist bereits aus anderen Industriezweigen bekannt. So geben Filmproduzenten und Arzneimittelhersteller enorme Summen für neue Produkte aus. Wird der Film oder das Medikament ein Erfolg, kostet die Herstellung weiterer Kopien oder Tabletten vergleichsweise wenig. Dagegen kann jeder Flop gewaltige Verluste bedeuten.

Diese Formel ist ein Problem für die traditionelle Wirtschaft, wo versucht wird, die Kosten eines Produkts auf seine Nebenkosten zu reduzieren. Bei steigenden Kosten im Vorfeld des Vertriebs müssen die Preise diese Aufwendungen abdecken, so dass der Wettbewerb über die Nebenkosten das Geschäft ruiniert. Insgesamt kommt die Technologie-Branche in den USA nur für 8,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf. Doch die Auswirkungen der veränderten Kostenstruktur machen sich auch in den allgemeinen Wirtschaftszahlen bemerkbar. Nach einer Studie des Wirtschaftsexperten Leonard Nakamura stiegen die Unternehmensausgaben für Forschung, Entwicklung und Vermarktung von 5,2 Prozent im Jahr 1970 auf heute sieben Prozent des Betriebsergebnisses. Zudem sind immer mehr Unternehmen darauf angewiesen, ihre Produkte über elektronische Medien zu vermarkten. Damit wird das Geschäft zwar "virtueller", aber auch kostenintensiver.

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