Soko Wohnungsnot : Regierung und Verbände erklären die Absicht zur Absicht

Bis zu 300.000 neue Wohnungen müssten jährlich gebaut werden. Ministerin Hendricks tut sich mit der Wirtschaft zusammen. Wohnraum entsteht deshalb aber noch lange nicht.

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Runder Tisch mit Ecken. Barbara Hendricks bei ihrem Spitzentreffen am Donnerstag in Berlin.
Runder Tisch mit Ecken. Barbara Hendricks bei ihrem Spitzentreffen am Donnerstag in Berlin.Foto: dpa

Wohnen und Bauen in Deutschland sollen in Zukunft bezahlbar bleiben. Was sich die große Koalition bereits zu Beginn der Legislatur in ihren Vereinbarungen zum Ziel gesetzt hat, will Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) nun umsetzen: Ein Bündnis aus Politik und Wirtschaft soll in den kommenden Monaten günstigere Rahmenbedingungen für mehr Neubauten und den Ausbau sowie die Modernisierung bestehender Gebäude und Wohnungen schaffen.

„Die Wohnungsnot in den Zentren der Metropolen, aber auch in den Universitätsstädten nimmt zu“, sagte Hendricks bei der Unterzeichnung einer entsprechenden Absichtserklärung mit den Vertretern von Ländern, Kommunen sowie 17 Wirtschaftsverbänden am Donnerstag. „Es gibt dort nicht nur zu wenige Wohnungen, sondern auch zu wenig bezahlbaren Wohnraum.“ Nach Schätzungen von Experten müssten pro Jahr in der gesamten Republik 250.000 bis 300.000 Wohnungen fertiggestellt werden, um den Bedarf an Wohnraum zu decken, sagte Hendricks. 2013 waren es aber nur rund 213.000.

Dass es an dieser Stelle dringenden Handlungsbedarf gibt, ist laut der Ministerin in ihrem „Bau-Bündnis“ Konsens. Bei der Umsetzung konkreter Maßnahmen allerdings gehen die Vorstellungen der Unterzeichner offenbar auseinander. Die Bundesarchitektenkammer fordert etwa, beim Neubau und der Modernisierung von Wohnraum auch „die Baukultur im Blick zu haben“. Für den Zentralen Immobilien-Ausschuss (ZIA) und den Hauptverband der Bauindustrie ist dagegen ein „interdisziplinärer Ansatz“ besonders wichtig.

Ostdeutschland wird leerer, die Metropolregionen voller

Während gerade im Osten Deutschlands ganze Regionen unter dem Wegzug junger Menschen leiden, mangelt es in großen Städten an Wohnraum – auch weil Singles in größeren Wohnungen wohnen wollen. Um 700.000 Einwohner unterzubringen, müssten heute in Frankfurt am Main 380.000 Wohnungen angeboten werden, vor 50 Jahren hätten bei gleicher Einwohnerzahl 240.000 Wohnungen ausgereicht, heißt es dazu in einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. In den sieben größten Städten stieg die Bevölkerungszahl seit 2007 um 330 000, die Zahl der Haushalte um rund 180.000. Da aber nur 90.000 Wohnungen entstanden, steigen die Mieten wegen zu geringen Angebots.

In Berlin beispielsweise waren 2008 noch 5,59 Euro pro Quadratmeter zu zahlen, 2013 waren es bereits 7,57 Euro, wobei in Szenevierteln wie Kreuzberg für begehrte Immobilien schon mehr als elf Euro je Quadratmeter zu berappen waren. In München kletterte die Miete von 11,05 Euro (2008) auf 13,24 Euro je Quadratmeter (2013). Und in Hamburg legte sie von 7,97 Euro auf 10,11 Euro zu.

Degewo sieht großen Bedarf an Sozialwohnungen

Um den Wohnungsmarkt auch für Menschen mit weniger Einkommen offen zu halten, will Ministerin Hendricks unter anderem von einer Kommission prüfen lassen, wie sich die Baukosten in Deutschland senken lassen. An die Länder appellierte die Ministerin, die 518 Millionen Euro, die sie jährlich vom Bund für den sozialen Wohnungsbau erhalten, zielgerichtet zu verwenden. Der Bestand an Sozialwohnungen ist nach amtlichen Zahlen zwischen 2002 und 2012 um 40 Prozent auf 1,5 Millionen gesunken.

Berlins größte Wohnungsbaugesellschaft Degewo verwaltet rund 73.000 Wohnungen in der Stadt und bietet nach eigenen Angaben „Wohnraum für jeden Geldbeutel“. Wie eng der Markt geworden sei, zeige sich unter anderem am Kommunikationsverhalten der Kunden, sagt Elke Benkenstein, Leiterin des Kundenzentrums City der Degewo. „Je knapper der Wohnraum, desto eher kommen die Leute persönlich bei uns vorbei“, sagt Benkenstein. „Sie hoffen, dass sie im Kundenzentrum vielleicht doch noch ein Angebot finden, das nicht im Internet steht.“

Besonders groß sei dabei die Nachfrage nach „WBS-fähigen“ Wohnungen – Räumen, die gegen Vorlage eines Wohnberechtigungsscheins günstig gemietet werden können. 30 bis 40 Berliner melden sich derzeit im Schnitt pro Tag per Mail, per Telefon oder persönlich im City-Kundenzentrum der Degewo in der Hoffnung auf ein solches Schnäppchen. Viele von ihnen gehen leer aus.

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