Solarenergie : Saubere Geschäfte

Alexander Voigt ist Solarunternehmer aus Überzeugung. Die von ihm gegründete Solon AG zählt zu den Erfolgreichsten der Branche.

Dunja Batarilo
Solon
Glänzende Aussichten für die Solon AG -Foto: Keystone

BerlinAlexander Voigt ist ein Pionier. Er hat die Berliner Solon AG mitbegründet – und das lange bevor wirklich ein weltweiter Markt für Solarenergie in Sicht war. Mittlerweile zählt Solon zu den erfolgreichsten deutschen Unternehmen der Branche. Voigts Siegeszug spielt sich ab zwischen Hinterhof und Weltmarkt, Ölpreis und Klimawandel.

Jede große Erfolgsstory braucht ihre Gründungslegende. Alexander Voigt, 42, sitzt in Schlabberwollpulli und Designerbrille bei einem Italiener am Potsdamer Platz. Seine Legende erzählt er so:

1986 hatte ihn sein Vater nach Norwegen zum Angeln mitgenommen. Der Vater wollte dabei dem partyfreudigen Sprössling, der an der FU Berlin zwar mit Leichtigkeit, aber doch orientierungslos durch sein Physikstudium trudelte, ins Gewissen reden. Die Rechnung ging auf, aber anders als gedacht: Ein wildfremder Amerikaner, der die Vater-Sohn-Gespräche mit angehört haben musste, warf dem 22-Jährigen mit den Worten „Read this!“ einen Stapel Blätter ins Zimmer und verschwand. Es war eine interne Studie eines amerikanischen Rüstungskonzerns. Thema: die Zukunft der Solarbranche. „Glasklar argumentiert“, erinnert sich Voigt. „Mir war sofort klar: Das ist ein Riesending.“ Die ersten Solaranlagen baute er für Angelfreunde seines Vaters, die in ihrer Hütte gerne Fußball gucken wollten. Das Material musste er in den USA bestellen. Die ersten Fotovoltaiks reichten immerhin für die Sportschau.

Später schloss sich Voigt dem Ingenieurkollektiv „Wuseltronik“ im Kreuzberger Mehringhof an. Selbstverwaltet und unabhängig wurde hier gearbeitet – oft bis zum Umfallen. „Bei den Wuslern anzukommen war der Wahnsinn. Die waren alle von derselben Sache beseelt.“ Und zwar von Fotovoltaikanlagen, die aus Sonne Strom machen.

Voigt schiebt sich die wirren Locken aus der Stirn und dann genüsslich eine Garnele in den Mund. „Das war das Geilste auf der Welt. Man konnte Vollgas geben in dem Gefühl: Wir sind auch noch die Guten.“ Damals war der Klimawandel noch nicht wahlkampftauglich, an der Energiefrage polarisierten sich grundlegende politische Einstellungen. Wer sich für Solarstrom starkmachte, war für die andere Seite automatisch ein langhaariger Bombenleger. Lange Haare hatten die Wusler in der Tat, als sie Solon gründeten, um im großen Stil Solarmodule zu bauen und zu verkaufen. Voigt selbst war damals nicht explizit politisch. Nach der Niederlage im Kampf um die Frankfurter Startbahn West hatte er sich aus allem Politischen enttäuscht zurückgezogen.

Der Boden der Tatsachen war hart. 1995 waren keine Solarmodulbauteile mehr zu bekommen, ein großes Elektrifizierungsprogramm in Mexiko hatte den Markt leergeräumt. „Da war klar: Wir müssen das selbst in die Hand nehmen.“ Wer Solarmodule produzieren will, braucht Maschinen. Neun Millionen Mark mussten her. Aber welche Bank verteilt schon Kredite an Öko-Spinner, die von einem riesigen Markt überzeugt sind, der weit und breit nicht zu sehen ist? Noch kostete ein Barrel Öl 15 Dollar, vom Klimawandel sprachen nur ein paar Schwarzmaler.

Einziger Ausweg schien der Börsengang zu sein. „Die haben uns für verrückt erklärt“, erinnert sich die Mitgründerin Birgit Flore. Es war damals neu, dass kleine Unternehmen an der Börse Geld bekommen konnten. Ein Abenteuer also – und ein intelligentes Mittel, um die junge Firma bekannt zu machen.

Im Oktober 1998 war es soweit. Der Börsengang brachte die erforderlichen neun Millionen Mark. Das war zwei Wochen vor der Wahl. Die rot-grüne Regierung kam – und mit ihr das 100 000-Dächer-Programm, das bundesweit Solaranlagen auf die Dächer von Privathäusern bringen sollte. Was verheißungsvoll klingt, war für die Branche kurzfristig ein Desaster. Denn die Kommunen stoppten ihre Solarprogramme: Sollte doch der Bund zahlen. „Es war der Horror“, sagt Voigt. „Jeden Tag, wenn ich ins Büro kam, lagen da 20 Zentimeter hoch die Faxe: alles Stornos.“ Doch Voigt gab nicht auf. Wäre er der Typ, der sich Sprüche ins Büro hängt, würde da stehen: Geht nicht gibt’s nicht. „Der ist ein Überbrückungsstratege“, sagt Birgit Flore über ihn.

Voigt ist einer, der Leute überzeugt. Weil er selbst überzeugt ist von dem, was er tut. Dazu hat er das Glück, dass der Weltmarkt und die politische Lage ihm Rückenwind geben. Mit dem Ölpreis stieg in den späten Neunzigern auch die Einsicht in die politische Notwendigkeit, sich nach Alternativen auf dem Energiesektor umzusehen. Das wiederum half der Solarbranche aus der Aktivistenecke heraus.

Heute boomt alles, was ein „Solar“ im Namen hat. Mit einer Bruttoexportsumme von zwei Milliarden Euro ist Deutschland Vizeweltmeister im Solarexport, nach Japan. Im Binnenmarkt wird die Branche seit 2000 durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) subventioniert. „Subventioniert“, bei diesem Wort rötet sich Voigts Gesicht und er knallt sein Weinglas auf den Tisch. „Das mit dem freien Markt ist doch eh eine Illusion. Gemeinschaftlich beschlossene Industrieförderung müsste das heißen.“ Erneuerbare Energien zu fördern, sei eine politische Entscheidung. Eine, an der Voigt nicht ganz unbeteiligt ist.

Viele Mittagessen lang haben er und seine Leute Parlamentarier aller Fraktionen von der Wichtigkeit des EEGs überzeugt. Mit Erfolg: Seit dem Jahr 2000 bekommt jeder, der Solarstrom ins Netz einspeist, Geld. 47 Cent pro Kilowattstunde sind es derzeit. „Das war genial. Da hatte ich endlich wieder das Gefühl: Ich kann was mitgestalten in diesem Land.“

Ganz im Reinen ist Voigt jedoch nicht mit den Deutschen und ihrer Politik. Die Deutschen seien sehr risikoscheu und machten aus jedem kleinen Genehmigungsvorgang ein Politikum. Und sie hätten ein gestörtes Verhältnis zum Erfolg. „Die Leute hier werden grün vor Neid, wenn jemand Geld verdient.“ Über sein eigenes möchte er daher auch nicht sprechen. Mit seiner italienischen Frau und den drei Kindern ist er vor Jahren nach Rom gezogen und lebt dort „immer noch basic, wie Anfang der Neunziger auch“.

Für Solon ist es seit dem EEG steil bergauf gegangen. Umsatz wie Belegschaft verdoppeln sich im Jahrestakt. Derzeit beschäftigt Solon rund 600 Mitarbeiter, in den ersten neun Monaten des Jahres setzte das Unternehmen 333,9 Millionen Euro um. Doch Voigt wurde sein eigenes Unternehmen irgendwann zu lauwarm. Mit Leuten, die einfach ihren Job machen wollen, langweilt er sich. „Es macht nur so lange wirklich Spaß, wie man an einen Tisch passt.“ Den Solon-Vorstandsposten hat er 2003 an Thomas Krupke abgegeben, seitdem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter der I-Sol Ventures GmbH. Die Firma investiert in Solarlösungen, die von politischen Vorgaben weniger abhängig sind. Denn der derzeitige Rückenwind für die Solarindustrie kann jederzeit abflauen. Mit I-Sol Ventures will Voigt die Segel anders setzen: weniger Tanz auf dem politischen Vulkan Energiemarkt, hin zu Solar-Konsumgütern. Hier kann er wieder Pionier sein und in Visionen investieren – zum Beispiel in thermische Kollektoren, die aus Hitze Kälte machen für Klimaanlagen. Oder den serienreifen Solarscooter. Geht nicht gibt’s eben nicht.

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