Solarwirtschaft : Im Schatten der Politik

Die deutschen Solarmodulhersteller stecken in der Krise – trozt Energiewende. Die Berliner Firma Solon kämpft ums Überleben.

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Luftschloss. Im Jahr 2007 baute Solon eine neue Zentrale in Adlershof. Damals ging es für die Firma noch steil bergauf. Foto: David Heerde
Luftschloss. Im Jahr 2007 baute Solon eine neue Zentrale in Adlershof. Damals ging es für die Firma noch steil bergauf. Foto:...Foto: David Heerde

Es klang fast, als habe der Architekt Heinrich Schulte-Frohlinde ein Luftschloss gebaut. „Hier verschwinden die Grenzen zwischen Hightech und Natur, zwischen innen und außen, zwischen Arbeit und Selbstverwirklichung.“ Er sagte diese Worte vor gut zwei Jahren anlässlich der Einweihung der Zentrale des Berliner Solarmodulherstellers Solon. Das spektakuläre Gebäude mit dem geschwungenen Rasendach steht am Rande des Forschungsparks Adlershof. Grundsteinlegung war zwei Jahre zuvor, 2007. Damals kannten Firmen wie Solon nur einen Weg: bergauf. Der Kurs der Aktie steuerte von 40 auf seinen Höchststand bei 85 Euro zu. Heute ist das Papier keine zwei Euro mehr wert. Die Zentrale wirkt nun zwei Nummern zu groß.

Stefan Säuberlich, der vor eineinhalb Jahren von außen als Vorstandschef ins Unternehmen einrückte, deutete Investoren im vergangenen Geschäftsbericht bereits an, dass man sich von der Immobilie trennen könnte – um sie dann zurückzumieten. Rund 47 Millionen Euro hatte der Bau gekostet. An dem Verkauf führt jetzt wohl kein Weg vorbei: Rund 400 Millionen Euro Schulden drücken das Unternehmen bei einem angepeilten Jahresumsatz von nur noch 500 Millionen für 2011. Vor drei Jahren war mal die Milliardenschwelle im Blick. Jetzt kämpft Solon ums Überleben, weltweit bangen 800 Mitarbeiter um ihre Jobs. Und der Berliner Senat bangt um einen höheren zweistelligen Millionenbetrag, weil er Solon vor einem Jahr eine Ausfallbürgschaft des Landes gewährt hat. Ginge Solon pleite, hätte das weitreichende Folgen – auch politische.

Berlins Regierender Klaus Wowereit (SPD) und Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) hatten sich lange im Glanz des Unternehmens gesonnt. Sie führten das Wachstum der gesamten Branche als Beleg für ihre gelungene Standortpolitik an. Sie wetterten gegen die Bundesregierung, sobald es um Kürzung von Fördersätzen für Sonnenstrom ging. Denn es geht um viel: Rund 40 Prozent aller in Deutschland gefertigten Solarmodule stammen aus der Hauptstadtregion. Der Sektor beschäftigt in Berlin und Brandenburg laut Unternehmensverbänden 5000 Mitarbeiter direkt und rund 40 000 bei Zulieferern, Entwicklern, Handwerksbetrieben oder Speicherbatterieherstellern.

Doch was, wenn alles nur eine Blase ist? Manches erinnert ein wenig an das Ende des Neuen Marktes der Internetfirmen vor gut zehn Jahren. Die Aktienkurse sind schon im Keller, jetzt stellt sich die Frage, ob Solarfirmen hierzulande überhaupt noch wachsen können. Jede Woche kommen neue schlechte Nachrichten aus der Branche. Neben Solon haben auch Conergy aus Hamburg und die US-Firma First Solar, die beide Werke in Frankfurt (Oder) betreiben, die Ausblicke fürs laufende Jahr gedämpft – genau wie die deutschen Branchengrößten Solarworld aus Bonn und Q-Cells. Über diesen ehemaligen Weltmarktführer aus Thalheim in Sachsen-Anhalt schrieb ein Analyst von Warburg Research vergangene Woche: „Selbst wenn wir eine signifikante Belebung des deutschen Solarmarktes im zweiten Halbjahr erwarten, ist zu bezweifeln, dass sich die Situation von Q-Cells damit wesentlich verbessert“. Er stufte das Papier daher auf „Verkaufen“ herab.

Die Hersteller, die Module auf Basis von kristallinem Silizium herstellen – das ist die überwiegende Mehrheit – kämpfen mit dem Verfall der Preise. Die für Wafer, aus denen die Zellen hergestellt werden, fielen im zweiten Quartal um mehr als 40 Prozent, die für fertige Module um 20 Prozent. Hintergrund ist, dass in vielen EU-Ländern, zuletzt in Italien, Fördersätze radikal gekürzt worden sind, was natürlich die Nachfrage schrumpfen lässt. Q-Cells-Werke sind aktuell nur zu 50 Prozent ausgelastet, schrieb der Analyst. Bei Solon zu 60 Prozent, hört man.

In China dagegen brummt das Geschäft. Suntech, LDK und Yingli Green Energy, die drei größten Hersteller kristalliner Siliziummodule, sitzen dort und fluten den Weltmarkt mit günstigen Modulen. 2010 stammte mehr als die Hälfte der in Deutschland installierten Solarmodule aus China. Und wo die Deutschen Hersteller noch hinwollen, sind die Chinesen schon längst. In Griechenland zum Beispiel, das, wie Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) am Mittwoch nach seinem Treffen mit 20 Verbandschefs erklärte, große Chancen für die Branchen der erneuerbaren Energien bietet. Einen Tag später gab Yingli bekannt, dass man dort nun die bisher größte Solaranlage des Landes aufbauen wird.

Wie sollen Mittelständler aus Berlin und Brandenburg in der Liga mithalten? Durch Spezialisierung zum Beispiel: Die Berliner Hersteller Inventux aus Marzahn und Sulfurcell setzen auf grundlegend andere Techniken als die Marktführer. Sie entwickeln und fertigen Dünnschicht-Module, die vielfältiger einsetzbar sind.

Timon Meyer, Geschäftsführer des Vereins Berlin Solar Network mit 37 Mitgliedsunternehmen, glaubt, dass der Markt sich weiter konsolidieren wird. Er verweist auf Übernahmen wie die von Ersol aus Erfurt durch den Weltkonzern Bosch, der nun erfolgreich in dem Geschäft mitmischt. Zugleich werde „nicht jedes deutsche Solarunternehmen die nächsten Jahre überleben“, sagt Meyer.

Die aktuelle Krise ausgelöst habe das Hickhack der Bundesregierung bei der Förderpolitik, das der Branche die Planungssicherheit genommen habe. Meyer glaubt, dass die noch junge Industrie in der Region die Krise überwinden kann. Bund und Länder müssten aber helfen. „Deutschland hat in den letzten Jahren mit dieser Branche so viel aufgebaut. Es wäre dramatisch, wenn man jetzt auf halbem Wege aufhört und den Asiaten den Markt überlässt.“ Wie Hilfe konkret aussehen könnte, sagt er auch: „Berlin zum Beispiel hat noch so viele ungenutzte Dächer. Wenn das Land die Installation von Anlagen aus regionaler Produktion finanziell fördern würde, wäre allen geholfen.“

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