SOMMERMÄRCHEN TEIL II : Und dann kam der Aufschwung

Was bringt die EM der deutschen Wirtschaft? Alle Jahre wieder wird über die Effekte von sportlichen Erfolgen spekuliert. Auf die Euphorie folgt die Kauflust – vielleicht. Aber: Eine Packung im ersten Spiel und die Stimmung ist dahin.

Alfons Frese,Stefan Kaiser

Auf Seite sechs der brandaktuellen Studie der Deka-Bank zur EM steht das wichtigste Ergebnis der Analyse. „Wenn eine Erkenntnis im Zusammenhang mit Fußball klar ist, dann die: Fußball schauen macht durstig.“ Eine Aussage, mit der sich die Experten dem Zusammenhang von Fußball und Konjunktur, Toren und Konsum, Siegen und Investitionen nähern. Dieter Hundt, langjähriger Präsident der deutschen Arbeitgeber, in jungen Jahren giftiger Mittelstürmer bei den Grashoppers in Zürich und heute Oberaufsichtsrat des VfB Stuttgart, weiß aus jahrzehntelanger Erfahrung: „Ein Zusammenhang zwischen Erfolg im Fußball und wirtschaftlicher Entwicklung ist historisch betrachtet nicht zu leugnen.“ Man denke nur an 1954, als wir nach Bern wieder wer waren. Oder an 2002, als das Abschneiden der japanischen Kicker mit dem Aufstieg Japans zu einer führenden Industrienation verglichen wurde.

Statistisch nachweisbar ist der Zusammenhang zwischen Auftreten und Abschneiden der Nationalmannschaft sowie dem Wirtschaftswachstum auf der anderen Seite zwar nicht. „Trotzdem gibt es positive Effekte“, ist sich Marco Bargel sicher. Der Chefvolkswirt der Postbank hatte bereits die wirtschaftlichen Auswirkungen des Sommermärchens 2006 untersucht: „Das hat uns im Ausland einen erheblichen Imagegewinn gebracht“, sagt Bargel. Und: „Damals kam der Aufschwung.“

Auch zwei Jahre später hält er einen Stimmungsumschwung bei den knauserigen Verbrauchern für möglich. Wenn die deutsche Mannschaft gut abschneide, würden die Leute womöglich auch wieder mehr Geld ausgeben. „Die realen Bedingungen dafür sind jedenfalls gut. Wir erwarten, dass die verfügbaren Einkommen in diesem Jahr um durchschnittlich 3,5 Prozent steigen.“ Hoffentlich, denn die Preise steigen derzeit um rund drei Prozent. Die Mehrausgaben vor allem für Energie und Lebensmittel sowie die Angst vor höheren Belastungen haben dazu geführt, dass die Bürger einen immer größeren Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante legen. In den ersten drei Monaten des Jahres waren es 14,8 Prozent – so viel wie seit Jahren nicht mehr.

„Es herrscht die paradoxe Angst, später zu wenig Rente zu bekommen“, meint Alfred Gebert, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule des Bundes Münster. „Die Leute verzichten zu oft.“ Rolf Drees allerdings, Research-Leiter der WGZ-Bank, weist auf die Sparquote in den 70er Jahren hin: „Damals hatten wir die beste Mannschaft aller Zeiten, und trotzdem lag die Sparquote bei 15 Prozent.“ Und dennoch ist auch für Drees „nicht völlig ballaballa, das es einen Einfluss des Fußballs auf Stimmung und Konsum gibt“. Das Ergebnis müsse stimmen, aber auch die Art und Weise, wie es zustande kommt. Erfolgreicher Mauerfußball bringe also nicht viel für die Konjunktur. Das erklärt womöglich den Befund der Deka-Bank über die Folgen der letzten beiden Turniere. „Weder der Weltmeisterschaftstitel 2006 in Italien noch der Sensationsgewinn der Europameisterschaft 2007 in Griechenland hoben die Laune der Konsumenten in signifikanter Weise.“

Der Wirtschaftspsychologe Gebert glaubt dagegen an die EM als Anstoßgeber für Großzügigkeit und Konsumfreude. Ein erfolgreiches Turnier könne eine kollektive Jubelstimmung im Land erzeugen. „Das ist wie beim eigenen Geburtstag. Da achtet man auch nicht auf jeden Euro.“ Ein Beispiel dafür hat Gebert schon gesichtet: „Die Leute machen sich sogar Deutschland-Fahnen an ihr Auto, obwohl dadurch der Spritverbrauch steigt.“ Der Wirtschaftspsychologe setzt vor allem auf das Gruppengefühl, das während der EM entstehen kann. „So eine Jubelstimmung ist ansteckend“, schwärmt Gebert. Jeder spreche plötzlich mit jedem. „Das reißt sogar diejenigen mit, die sich sonst gar nicht für Fußball interessieren. Da kann ein großer Optimismus entstehen.“

Doch der EM-Trubel hat auch Schattenseiten, fürchten Ökonomen. Obwohl es keine Nachmittagsspiele gibt und die Partien frühestens um 18 Uhr beginnen. „Wenn die Leute Fußball gucken, arbeiten sie nix“, sagt WGZ-Analyst Drees. Mit der Produktivität sinkt auch die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft insgesamt, die Konjunktur schwächelt, es wird weniger eingestellt, die Laune verschlechtert sich, keiner kauft mehr ein.

Ein schreckliches Szenario, an das eine Woche vor dem ersten Spiel niemand glauben mag. Schon gar nicht Gebert: Mitarbeiter, die auch mal während der Arbeitszeit ein Spiel schauen dürften, zahlten dies mit höherer Leistungsbereitschaft und größerer Produktivität zurück, meint der Wirtschaftspsychologe.

Besorgnis löst vor allem eine schwere Hypothek aus dem Sommermärchen 2006 aus: „Die Erwartungshaltung ist in diesem Jahr viel größer“, spürt Postbank-Volkswirt Bargel. „Da wird es schwieriger, für eine positive Überraschung zu sorgen.“ Und hoffentlich geht der Anfang nicht schief, das Spiel gegen Polen in einer Woche. „Es wäre das Allerdümmste, wenn wir uns beim ersten Spiel gleich eine Packung holen“, sagt Wirtschaftspsychologe Gebert.

Und wenn es doch schiefgeht auf dem Platz und keine Aufbruchstimmung und Euphorie helfen gegen die hohe Inflation, den teuren Euro, eine schwächere Weltwirtschaft und die Finanzmarktkrise, dann sollte man sich auf den guten Rat der Experten der Deka-Bank besinnen: „Ein Grund zum Trinken findet sich immer – sei es um zu feiern oder um zu vergessen.“

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