Sonnenstrom aus der Wüste : "Die Hand des Staates kann hilfreich sein"

Bernd Utz, Leiter des Desertec-Projektes bei Siemens, spricht mit dem Tagesspiegel über seine ersten Erfahrungen mit dem Aufbau des Wüstenstromnetzes.

Auf Sonnenkraftwerken in der Wüste, hier in der Nähe von Las Vegas in den USA, ruht große Hoffnung für die Stromversorgung der Zukunft.
Auf Sonnenkraftwerken in der Wüste, hier in der Nähe von Las Vegas in den USA, ruht große Hoffnung für die Stromversorgung der...Foto: dpa

Herr Utz, was hat sich in dem ersten Jahr seit Gründung der Desertec Industrieinitiative bei Siemens getan?

Wir haben hausintern begonnen, die Technologien zu bündeln, um Desertec-artige Projekte näher an die Umsetzung zu bringen. Dazu habe ich viele Abteilungen in unserem Konzern besucht, um herauszufinden, was Siemens beisteuern kann.

Was denn zum Beispiel?

Für Desertec brauchen wir Anlagen zur Stromerzeugung mit Sonne und Wind, andere zur Einspeisung in Netze aber auch Stromautobahnen, um die Energie ins europäische Netz zu bringen. All diese Technologien haben wir bei Siemens, aber verteilt über viele Bereiche. Ich nehme die Fäden innerhalb unserer Organisation auf und führe sie zusammen.

Das heißt, sie waren noch nicht länger in der Wüste, um dort an ersten Kraftwerken zu schrauben.

Nein, auch wenn der Eindruck entstanden sein mag, als das Desertec-Projekt vor gut einem Jahr einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Da stürzten sich viele auf die 400 Milliarden Euro, die innerhalb von Jahrzehnten investiert werden sollen. Viele haben die Summe wie einen monolithischen Block gesehen. Das ist sie nicht. Desertec ist ein Konzept, um im großen Stil Strom aus erneuerbaren Quellen in der Mena-Region, also im Mittleren Osten und Nordafrika zu erzeugen und damit diese Region und Europa mit sauberem Strom zu versorgen. Das Konzept ist bis 2050 angelegt. Wer jetzt hofft, schon im nächsten Jahr überall große Kraftwerke zu sehen, dem muss man sagen: Das wird technisch und organisatorisch nicht möglich sein.

Wo gab es noch Missverständnisse?

Wir mussten viel Energie darauf verwenden, den deutschen Anstrich loszuwerden, den die Desertec-Initiative zunächst zweifellos hatte. Aber über die Monate konnten wir Partner aus Spanien, Italien, Frankreich und Nordafrika hinzugewinnen. Das hilft der gemeinsamen Sache.

Die Franzosen sind trotzdem nervös.

Gut, im Sommer hat sich die Initiative Transgreen gegründet, die trägt einen französischen Federstrich. Das Projekt hat vor allem die Stromnetze im Blick. Mittlerweile arbeiten die Unternehmen von Dii und Transgreen sehr gut zusammen. Wir begrüßen das ausdrücklich. Siemens ist auch bei Transgreen Mitglied.

Wie gehen Sie jetzt weiter vor?

In zwei Stoßrichtungen: In Europa müssen wir darauf hinwirken, dass die Politik einen regulativen Rahmen setzt, in dem überhaupt erlaubt wird, dass erneuerbar erzeugter Strom über Grenzen hinweg transportiert und vergütet werden kann. Und in Nordafrika müssen wir um Unterstützung werben, indem wir erklären, was da für Chancen in dem Projekt stecken, wie die Technik funktioniert und dass das Projekt heute bereits machbar ist und nicht erst in 20 oder 30 Jahren.

Das heißt, Sie sind derzeit mehr Kaufmann und Lobbyist als Techniker.

Ich sitze jedenfalls nicht an einem Projekt und rechne dort irgendwelche Dinge aus. Zunächst müssen wir alle Seiten für das Thema gewinnen – durch Argumentation. Wir als Technologielieferant sagen: Wir kennen uns mit den benötigten Techniken aus, wir erklären und zeigen sie den Interessenten.

Wo fällt die Überzeugung schwerer. In Europa oder Afrika?

Beide Seiten sind gleich stark interessiert, aber mit unterschiedlichem Informationsbedarf. In der Mena-Region ist es Neugier auf die Technik: Wie funktioniert sie? Wie können wir den Strom vor Ort nutzen? Wie können wir in der Region Wertschöpfung generieren und Jobs schaffen? Auf der europäischen Seite stellt man eher die Frage: Wie passt diese Form der Energieerzeugung in die einzelnen Energiekonzepte? Und wo sind die besten Standorte?

Und wo fängt man an?

Mit einem Referenzprojekt, in dem man demonstrieren kann, wie man Strom aus Sonnenenergie produzieren und nach Europa transportieren kann. Dass es geht, daran habe ich keinen Zweifel, aber man muss das einmal für alle sichtbar dokumentieren.

Sie meinen die erste Anlage für Marokko, die derzeit diskutiert wird.

Die könnte sehr gut in Marokko stehen, aber das ist noch nicht in Stein gemeißelt. Das Land ist nicht nur politisch stabil, sondern hat – was wir in Europa bisher kaum wahrnehmen – einen sehr ambitionierten nationalen Solar-Plan aufgelegt. Man möchte Anlagen mit insgesamt 2000 Megawatt installieren. Das entspricht der Leistung von zwei Großkraftwerken. Und dort gibt es bereits die einzige Stromleitung nach Europa, die derzeit noch Strom von Spanien nach Süden transportiert. Die Leitung funktioniert natürlich auch in die andere Richtung.

Bernd Utz. „Am Anfang gibt es immer Unsicherheiten“
Bernd Utz. „Am Anfang gibt es immer Unsicherheiten“Foto: promo

Abgesehen von dem Referenzprojekt. Wo liegen die größten Hemmnisse?

Eines besteht in den rechtlichen Barrieren in den EU-Mitgliedsstaaten, die die Durchleitung von erneuerbarem Strom über Staatsgrenzen hinweg noch nicht vorsehen. Die EU-Kommission ist da schon weiter. In ihrer Erneuerbaren-Energien-Direktive findet sich bereits ein Artikel zu einer entsprechenden Flexibilisierung.

Wenn die sich durchsetzt, zahlen deutsche Verbraucher für Windräder und Solaranlagen im Ausland.

Das wäre tatsächlich ein Novum. Denn bisher vergütet das EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz, nur in Deutschland erzeugten Strom. Der Umstand führt dazu, dass auch hier bei uns vor allem in Süddeutschland Solaranlagen aufgebaut werden, und nicht in sonnengünstigen Lagen Südeuropas oder Afrikas.

Kritiker haben schon früh gewarnt, Desertec werde ein Milliardengrab. Staaten könnten Investoren enteignen, Anlagen seien gute Terrorziele.

Natürlich kann man sich derartige Bedenken konstruieren. Aber wenn man auf die Sektoren Öl und Gas zum Beispiel schaut, dann stellt man fest, dass Europa seit einem halben Jahrhundert enge Energiehandelsbeziehungen mit Nordafrika pflegt, die sogar in Krisen und unter ganz unterschiedlichen Regierungen gut funktioniert haben. Ich glaube nicht an diese Instabilität, ich sehe in unserem Projekt vielmehr eine weitere Möglichkeit zur Diversifizierung der Energieversorgung. Auf dem Gebiet wird es immer gegenseitige Abhängigkeiten geben.

Aber der Charme der Erneuerbaren ist doch, dass man unabhängig von Importen wird. Den Vorteil gäbe man auf.

Nein, Desertec kann nicht bedeuten, dass wir die Erzeugung mit erneuerbaren Energien in Deutschland aufgeben. Das wäre der falsche Schluss. Aber man muss schon abwägen zwischen dem Bedürfnis nach Autarkie und möglichst großer Kohlendioxideinsparung hierzulande auf der einen Seite und der Optimierung von Energiesystemen auf der anderen. Das bedeutet, die Techniken dort einzusetzen, wo sie Sinn machen. Wenn wir das nicht tun, erkaufen wir uns Energieunabhängigkeit und CO2-Minderung zu volkswirtschaftlich unnötig hohen Kosten.

Womit wir wieder beim Geld sind. Wenn Sie und Ihre Partner doch alle so überzeugt von dem Projekt sind, warum soll der Staat Risiken mit Bürgschaften absichern, Anschubfinanzierungen leisten?

So habe ich den Ruf aus der Industrie noch nicht gehört. Aber ganz generell: Siemens ist Technologielieferant. Wir bauen Kraftwerke, besitzen aber selbst keine. Es ist eine Folge von Projekten angedacht. Und am Anfang gibt es natürlich noch Unsicherheiten. Die drücken sich in erhöhten Finanzierungshürden aus.

Die Banken sind also noch vorsichtig.

Es gibt keine grundsätzlichen Zweifel, aber es ist ein neues Terrain. Und da kann eine stützende Hand des Staates hilfreich sein.

Das Interview führte Kevin P. Hoffmann

DER MANAGER

Bernd Utz (43) hat Physik an der TU München studiert. Mit 30 Jahren trat er bei Siemens als Entwicklungsingenieur ein und befasste sich mit strategischen Fragen der Energieerzeugung. Seit April 2010 ist er der Leiter des Gesamtprojektes Desertec Initiative für Siemens.

DER KONZERN

Siemens ist mit mehr als 400 000 Mitarbeitern in 190 Ländern und einem Jahresumsatz von fast 77 Milliarden Euro einer der größten Technologiekonzerne der Welt. Allein in Deutschland ist Siemens an 125 Standorten präsent.

DAS PROJEKT

Bei dem 2003 entwickelten Desertec-Konzept geht es darum, im großen Stil Sonnenstrom in der Wüste zu erzeugen. Dazu müssten bis 2050 rund 400 Milliarden Euro investiert werden. Die Desertec Industrial Initiative (Dii) wird mittlerweile von 18 Gesellschaftern und 25 assoziierten Unternehmen aus Europa und Nordafrika getragen. Ende Oktober findet in Barcelona der erste Desertec-Kongress statt.

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