Wirtschaft : Sonst wird der Kunde ein Tyrann (Kommentar)

Bernd Ulrich

Mickey Rourke spielt in dem Film "Angel Heart" einen Privatdetektiv, der in den feuchten Slums von New Orleans nach einem Serienmörder fahndet. Zahlreiche Verdächtige verfolgt Rourke, alle erweisen sich als unschuldig. Am gruseligen Schluss stellt sich heraus, Rourke war es. Der Fahnder war, ohne es selbst zu wissen, der Täter. Diese Art Persönlichkeitsspaltung kommt selten vor. Nur bei Gesellschaften passiert das häufiger. Beispielsweise bei den Deutschen.

Seit Jahren fahnden wir nach den Gründen für die gewachsenen Anforderungen an das Leben, forschen, woher die Beklemmungen reicher Gesellschaften stammen, suchen nach den Feinden der sozialen Gerechtigkeit. Die Aktionäre stehen unter Verdacht und die Globalisierung sowieso. Doch es ist wie in "Angel Heart". Am Schluss stellen wir fest: Worunter die arbeitenden Menschen leiden, sind die arbeitenden Menschen - allerdings in ihrer Gestalt als Kunden. Der Kunde ist nicht länger der König, er wird ein Tyrann. Er will alle Waren und Dienstleistungen zu jeder Zeit, an jedem Ort, zu niedrigsten Preisen. Er will nichts wissen von den Interessen des arbeitenden Menschen, der er selber ist.

Das kann man, zumal in Deutschland, sogar verstehen. Immerhin sind Dienstleister, Handwerker, Beamte, seit Jahrzehnten so gut geschützt, dass der Kunde der Dumme war, dass man sich als Untertan fühlte, wenn man in einen Zug stieg, und als Bittsteller, wenn man ein Klo repariert haben wollte. Das war so und ist oft noch heute so. Doch langsam aber sicher kippt das Ungleichgewicht in die andere Richtung. Jahrzehntelang muffelte der Dienstleister den Kunden an, bald muss er lächeln von morgens bis nachts. Redakteure aktualisieren die Zeitung bis nach Mitternacht, alle zwei Stunden werden die Brötchen gebacken: Der Komfort des einen ist der Stress des anderen.

Die Rache des Kunden muss, so berechtigt sie ist, gedämpft werden. Das kann nur die Politik tun. Denn der Markt gibt der Kundenmacht nach. Die Politik hat es jedoch lange versäumt, maßvoll zu deregulieren. Darum erleben wir jetzt eine Art cholerischen Reformismus, beispielsweise beim Ladenschluss. Zehn Jahre lang durfte man nur am Donnerstag zwei Stunden länger einkaufen, jetzt soll gleich das ganze Ladenschlussgesetz weg. Dagegen argumentieren die Gewerkschaften mit den Interessen der 2,8 Millionen Verkäuferinnen, denen eine Minderheit von Kunden gegenüberstehe, die abends einkaufen wolle. Wenn es so etwas wie eine Niederlagenstrategie gibt - das ist eine. Denn potenziell will jeder mal einkaufen, wann er will: 2,8 gegen 80 Millionen.

Wenn man die Entwicklung des Kunden vom Untertan über den König zum Tyrannen bremsen will, dann deshalb, weil wir zwar alle grenzenlos gierige Konsumenten sind, aber auch alle begrenzt belastbare Arbeiter. Also muss der Staat Grenzen erhalten. Da böte sich die Grenze an, die über 8000 Jahre gewachsen, die einfach ist, einsehbar und unbürokratisch: der Sonntag.

Die Politik sollte nun rasch den Ladenschluss freigeben - mit Ausnahme des Sonntags. Sonst wird der wildgewordene Kunde in der Illusion, er kämpfe nur gegen 2,8 Millionen Verkäuferinnen und nicht auch gegen sich selbst, alles hinwegfegen. Wer jetzt nicht reformiert, wird eine Revolution erleben. Und die will in Deutschland niemand, am wenigsten die Gewerkschaften.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben