Wirtschaft : Sorgenkinder trotz guter Lage

„Abkrachende Straßen“ benötigen neuen Halt

Der Magdeburger Platz liegt mitten in Tiergarten Süd. Hier sitzt das Landesarbeitsgericht, aber auch das Quartiersmanagement für das Viertel, dessen Ruf vom Straßenstrich geprägt ist. Obwohl das soziale Umfeld also nicht unproblematisch ist, kann man den Kiez zwischen Lützowstraße, Gleisdreieck, Kurfürstenstraße und Lützowplatz dennoch als innerstädtische Filetlage bezeichnen.

„Unser Schlagwort lautet ‚mitten drin, mitten dran‘ “, sagt Michael Klinnert, Teamleiter des Quartiermanagements. „Wir sind hier am Rand der zentralen Einrichtungen: Potsdamer Platz, Kulturforum und Botschaftsviertel. Die direkte Nachbarschaft ist attraktiv, aber wir sind auch ein lange vergessenes Viertel.“ Mittlerweile tue sich aber einiges durch Vereine und bürgerschaftliches Engagement, wie der Familiengarten Kluckstraße oder das Stadtteilfest am 19. Juni. Und auch die Potsdamer Straße, die er eine „abkrachende Straße“ nennt, fängt sich seit ein paar Jahren wieder durch den Zuzug von Künstlern und Galerien. „Hier schließt die Neuentwicklung an eine historische an“, sagt Klinnert. „Früher war die Straße auch schon ein Ort der Literaten und Künstler.“ Ganz besonders freut es ihn daher, dass die Camaro-Stiftung, die zeitgenössische Kunst fördert, jetzt in der ehemaligen Frauenmalschule in der Nummer 98 residiert. „Das Haus ist eine bauliche Perle im Gebiet.“

Ganz ähnlich sieht Klinnert die Bauaktivitäten an der Flottwellstraße. „Da kommt eine große Sache auf uns zu“, sagt er. „Es entstehen ja gut 750 neue Wohneinheiten im mittleren bis gehobenen Segment. Das wird unsere soziale Mischung positiv anheben, ohne dass ein großer Verdrängungseffekt zu erwarten ist – im Gegensatz zu Prenzlauer Berg, wo man durch Altbausanierungen und höhere Mieten ein neues Klientel gesucht hat.“ Zwar seien auch in Tiergarten Süd steigende Mieten zu verzeichnen, doch im Vergleich zu ähnlichen Lagen in anderen Städten seien sie noch günstig. Allerdings erwartet er auch, dass die neuen Bewohner am Gleisdreieck dem Kiez einen Schub geben. „Durch neue Bedürfnisse der Familien könnte sich die Zusammensetzung der Läden auf der Potsdamer Straße positiv verändern.“

Nur die Kurfürstenstraße und die durch tote Fassaden geprägte Genthiner Straße machen ihm Sorgen. Es ginge nicht nur um den schlechten Ruf der Prostitution, sondern vor allem um die Folgeerscheinungen. „Ganz werden wir sie nicht loswerden, ein verträgliches Maß und mehr soziale Kontrolle sind daher das Ziel“, sagt Klinnert. „Problematisch ist dabei, dass die Vollzugsplätze immer weniger und öffentlicher werden, ebenso wie die elenden Hinterlassenschaften: benutzte Pariser und Taschentücher.“ Aber auch städtebaulich habe die Kurfürstenstraße noch ungenutztes Potenzial, etwa auf den Grundstücken, die Polen und Litauen gehören, um die sich keiner kümmere. Klinnert denkt beim litauischen Birkenhain an einen Biergarten und an Wettbewerbe, um die Brachen zu gestalten. Da allerdings die Straße nördlich zu Tiergarten und südlich zu Schöneberg gehört, kann es noch dauern, bis sich auch hier etwas tut. tjs

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