"Sozialbericht für Deutschland" : Einmal arm, immer arm

Der neue „Sozialbericht für Deutschland“ zeigt, dass sozial Schwache weniger Aufstiegschancen haben als früher.

von
Statistik aus der Suppenküche. Wer in der untersten Einkommensgruppe angekommen ist, kommt deutlich schwerer wieder hinaus als vor 30 Jahren, heißt es im Bericht. Foto: dpa
Statistik aus der Suppenküche. Wer in der untersten Einkommensgruppe angekommen ist, kommt deutlich schwerer wieder hinaus als vor...Foto: dpa

Berlin Dass Faktoren wie Bildung, Erwerbsarbeit und Einkommen sich auf Gesundheit und Lebenserwartung auswirken, wird oft behauptet. Das statistisch zu belegen ist ungleich komplizierter. Der neue „Datenreport – Sozialbericht für Deutschland“, der am Dienstag in Berlin vorgestellt worden ist, liefert konkrete Daten dazu: Wer gut gebildet und vermögend ist, klagt auch viel seltener über Krankheiten und lebt im Schnitt bis zu zehn Jahre länger, heißt es dort etwa.

Alle zwei Jahre gibt das Statistische Bundesamt gemeinsam mit namhaften Sozialforschern den Datenreport heraus. Unter Fachleuten gilt der Bericht als „die Bibel der Sozialforschung“. In zwei Bänden mit zusammen knapp 450 Seiten haben die Mitarbeiter auch die wichtigsten bereits erhobenen Daten und Fakten zusammengetragen. Die Zahlen beleuchten die objektiven Lebensverhältnisse und das subjektive Wohlbefinden der Bürger.

Eine Familie zu haben, mache glücklich, gibt die Mehrheit der Deutschen etwa an. Insofern mag Deutschland glücklich sein, arm ist es jedoch auch. 2009 waren 16 Prozent der Bevölkerung hierzulande armutsgefährdet. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 929 Euro im Monat (nach Zahlung der Sozialleistungen) zur Verfügung hat. Insbesondere die hohen Wohnkosten sind belastend, fast jeder dritte Armutsgefährdete war nicht in der Lage, sich zumindest jeden zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder entsprechenden vegetarischen Zutaten zu kochen. Einmal arm, immer arm, lautet der Trend.

„Die Armut stagniert auf hohem Niveau“, sagte Sozialforscher Roland Habich vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Zugleich gelingt es immer weniger Menschen, der Armut wieder zu entrinnen. Während in den 80er Jahren 57 Prozent der Betroffenen auch dauerhaft im untersten Einkommensbereich der Gesellschaft verharrten, sind es heute 65 Prozent. „Das heißt, weniger Menschen gelingt es, ihre Einkommenssituation wieder zu verbessern“, sagte Habich. Andererseits gelingt es immer mehr Wohlhabenden, ihre einmal erreichten Spitzeneinkommen auch dauerhaft zu sichern.

Deutschland hält viele Hürden parat. Die Bildungsbiografie ist eine davon. So bleiben Gebildete hierzulande gern unter sich: 2009 kamen nur zehn Prozent der Gymnasiasten aus Familien, in denen die Eltern einen Hauptschulabschluss oder gar keinen allgemeinen Schulabschluss vorweisen konnten. Haben die Eltern hingegen studiert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder einen ähnlichen Weg einschlagen werden, sehr hoch.

Mehr als zwei Millionen Menschen waren im Wintersemester 2009/2010 an deutschen Hochschulen eingeschrieben – so viele wie nie zuvor. Trotzdem liegt Deutschland laut aktuellem OECD-Bericht von 36 Nationen auf Platz 30, was die Qualität eben jener Abschlüsse betrifft. Das heißt: Trotz überfüllter Hörsäle gibt es zu wenige hochqualifizierte Arbeitskräfte. „Bildung wird nicht wertgeschätzt“, kritisierte Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug 2009 6,8 Prozent. „Das ist zu wenig, um der ökonomischen Relevanz von Bildung gerecht zu werden.“ Neben dem BIP steigert Bildung die aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben jedes einzelnen. Immer mehr Frauen haben die Möglichkeit dazu: 2009 erreichte ihr Anteil an den Studierenden 50 Prozent.

Sie stehen nun vor der Frage: Kind oder doch lieber Karriere? In Deutschland bekommen Akademikerinnen im Schnitt weniger Kinder. Fast jede dritte Frau, die einen akademischen Grad hat und zwischen 40 und 75 Jahre alt ist, ist kinderlos.

Weniger scheint das neue Mehr zu sein. Das gilt auch bei Ehepaaren. In den vergangenen zehn Jahren hat sich deren Zahl verringert. Dafür ist die Zahl der Lebensgemeinschaften angestiegen. Immer mehr Menschen sind zudem alleinstehend oder alleinerziehend.

Autor

70 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben