Diese jungen Menschen haben sich für einen sozialen Dienst entschieden

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Soziales Engagement : Freiwillig statt Arbeitslos
von und Lisa Splanemann

Nach dem Abitur war sich Alissa Nogli noch nicht sicher, was sie studieren möchte. Um sich zu orientieren und einen Einblick in den Arbeitsalltag zu erhalten, hat sie sich für den Bundesfreiwilligendienst entschieden, den sie in einer Kita in Berlin-Friedenau absolviert hat. Genau das Richtige, weil sie gerne mit Kindern arbeiten wollte und hier Aufgaben einer Erzieherin kennenlernte. Alissa spielte und lernte mit den Kindern, sang mit ihnen, brachte sie ins Bett und wickelte die Kleinen.

Alissa Nogli hat Freiwilligendienst im Kindergarten geleistet.
Alissa Nogli hat Freiwilligendienst im Kindergarten geleistet.Foto: privat

Kindergarten: „Es fühlt sich nicht wie Arbeit an“

„Eine Erzieherin kann eine ganze Kindergruppe nicht alleine betreuen. Da konnte ich gut unterstützen und mit auf die Kleinen aufpassen“, sagt Alissa. Vor allem ihr jugendliches Alter habe ihr bei der Arbeit geholfen. „Da ich einfach noch näher dran bin, kann ich mich besser in die Kinder reindenken“, meint Alissa. „Das fühlt sich gar nicht wie Arbeit an.“ 

Durch die Kita ergaben sich Beziehungen zu den Eltern – sie hat sogar außerhalb ihres Dienstes auf die Kinder aufpassen dürfen. Alissa hat die Arbeit mit kleinen Kindern so gut gefallen, dass sie Grundschullehrerin werden möchte und sich um einen Studienplatz beworben hat. „Bewegt hat mich dazu vor allem ein Moment, als eine Mutter im Kindergarten auf mich zukam und meinte, ihr Sohn würde ständig von mir erzählen. Sie sagte, ich sei ja wirklich seine große Liebe.“

Zora Alber hat einen Monat im Krankenhaus in Tansania gearbeitet.
Zora Alber hat einen Monat im Krankenhaus in Tansania gearbeitet.Foto: privat

Klinik in Tansania: „Die Unterschiede sind enorm“

Einmal bis ans Ende der Welt. In eine arme Region reisen, die Menschen kennenlernen und vor Ort helfen. Das hatte sich Zora Alber vorgenommen. Im Internet stieß sie auf „Projects Abroad“. Nach eigenen Angaben ist die Privatorganisation führender Anbieter von Freiwilligenarbeit und Praktika weltweit. Geboten werden Jobs in mehr als 25 Ländern, beispielsweise in den Bereichen Naturschutz und Medizin. Die jungen Leute müssen den Auslandaufenthalt selber zahlen, ein dreimonatiges Praktikum kostet rund 2500 Euro. Darin enthalten sind Unterkunft und Verpflegung. Zora hat sich für ein einmonatiges Medizinpraktikum in einem Krankenhaus in Tansania entschieden. Sie konnte dort die verschiedenen Stationen durchlaufen. „Schnell wurden mir die Unterschiede zwischen deutschen und afrikanischen Krankenhäusern bewusst“, sagt Zora. Männer und Frauen seien separat untergebracht und die Hygienevorschriften meist nicht so streng. In Tansania lernte sie viel über ein Leben in einem völlig fremden Land, über die Arbeit im Krankenhaus und über Menschen, denen es schlecht geht. „Als ich in der Geburtenstation aushalf, drückte mir eine junge Mutter ihr Neugeborenes in den Arm und sagte, ich solle doch einen Namen aussuchen. Das war für mich ein ganz besonderer Moment.“

Sandra Hörth hat ihr FSJ im Obdachlosenrestaurant in Berlin absolviert.
Sandra Hörth hat ihr FSJ im Obdachlosenrestaurant in Berlin absolviert.Foto: privat

Obdachlosenhilfe: „Das war ein Weltenwechsel“

Nur ein paar Meter vom Ku’damm entfernt befindet sich das Obdachlosenrestaurant „City Station“. Eigentlich kein Ort, wo junge Menschen freiwillig hingehen. Die 18-jährige Sandra Hörth hat dort ein Jahr gearbeitet und ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolviert. Dafür ist sie aus einer schwäbischen Kleinstadt nach Berlin gezogen. „Das war natürlich ein Weltenwechsel für mich“, sagt Sandra. „Vor allem die Kommunikation mit den Leuten, die zum großen Teil aus Osteuropa kommen, war schwierig.“ Aber sie arbeitete sich schnell ein, weil sie den Wunsch hatte, den Menschen zu helfen. Es habe für sie viele tolle Momente in der City Station gegeben, etwa, „wenn einer der Besucher einen neuen Job bekommen hat“.

Wichtig sei für die Obdachlosen, eine feste Struktur im Alltag zu erhalten. Teil des Programms waren deshalb Kochkurse, einen davon hat Sandra geleitet. „Wir haben auf Pünktlichkeit geachtet und gezeigt, was man aus einfachen Lebensmitteln zaubern kann.“ Sandra hat auch bei der täglichen Essensausgabe geholfen und den Ablauf in der Station koordiniert. Durch die Arbeit kam sie ins Gespräch mit den Bedürftigen. „Die Gründe für Obdachlosigkeit sind meist Beziehungen, die kaputtgegangen sind. Durch den Dienst habe ich viel über das Leben auf der Straße gelernt.“

Vera Stenzel hat in Bolivien Nachhilfe gegeben. Hier ist sie neben einem Kollegen zu sehen.
Vera Stenzel hat in Bolivien Nachhilfe gegeben. Hier ist sie neben einem Kollegen zu sehen.Foto: privat

Hort in Bolivien: „Ich hatte keine Sprachkenntnisse“

Vera Stenzel musste erst einmal einen Blick auf die Weltkarte werfen, um zu sehen, wo das Land liegt, in dem sie ein Jahr leben würde. Sie war zuvor noch nie außerhalb Europas und wollte deshalb vor dem Studium etwas von der Welt sehen. Ihr entwicklungspolitisches Freiwilliges Soziales Jahr hat Vera mit der staatlichen Organisation „weltwärts“ in Bolivien absolviert. Der Freiwilligendienst kommt für 75 Prozent der Aufenthaltskosten auf. Allerdings wird von den Teilnehmern ein „solidarischer Beitrag“ von rund 2000 Euro erwartet. Mit den privaten Geldern finanziert weltwärts die Vermittlung einer Gastfamilie und ein monatliches Taschengeld.

In Oruro, der fünftgrößten Stadt Boliviens, hat Vera in einem Hort Kindern Nachhilfe gegeben und sie in Workshops über Hygiene aufgeklärt. „Ich hatte keine Spanischkenntnisse, das war hart“, erinnert sie sich. „Aber dadurch habe ich schnell gelernt und konnte mich schon nach drei Monaten verständigen.“ Besonders schwierig sei es gewesen, mit dem Projekt an die älteren Kinder heranzukommen. „Sie halfen den Eltern meist auf dem Feld, deshalb haben wir auch Freizeitaktivitäten wie Fußballspielen angeboten.“ Neben der Sprache, dem Einblick in ein ganz anderes Leben und der Verantwortung für junge Menschen hat Vera viel von der Kultur des Landes mitbekommen. „Ich durfte sogar beim Karneval Volkstanz mitperformen.“

Seniorenheim: „Die größte Motivation ist es, wenn die Patienten Danke sagen“

Funda Paker wollte gleich nach der Schulzeit unbedingt arbeiten. Das Seniorenheim Grüntal bot ihr einen Bundesfreiwilligendienst als „Schnupperjahr“ in der Altenpflegebranche an. Sie nahm das Angebot an und hat jetzt sogar Übernahmechancen: Wenn Funda ihren Dienst im August beendet hat, kann sie eine Ausbildung anschließen.

„Ich wollte unbedingt mein eigenes Geld verdienen, um auch meine Eltern zu entlasten“, erklärt Funda ihre Motivation zum Freiwilligendienst. Sie arbeitet im Schichtdienst, vor allem die Frühschicht ab 7 Uhr sei anstrengend, da die älteren Menschen morgens gewaschen und sehr Pflegebedürftige gefüttert werden müssten. „Vor allem das Heben der Menschen geht auf meine Gesundheit. Die Patienten haben mit uns Pflegern aber Mitgefühl und helfen, wo sie nur können.“

Sie und ihre Bufdi-Kolleginnen seien eine große Unterstützung für die vollen Pflegekräfte, die die Arbeit ohne die jungen Leute meist gar nicht bewerkstelligen könnten. „Die größte Motivation ist es, wenn ich helfen kann und die Patienten Danke sagen“, sagt Funda. Sie wollte schon immer mit älteren Menschen zusammenarbeiten. Lange Zeit war sie Einzelkind und könne sich deshalb gut in Erwachsene hineindenken. „Es ist spannend, wenn die Bewohner über ihre Vergangenheit sprechen. Eine alte Dame beschreibt mir immer, wie es war, früher in Berlins Bädern schwimmen zu gehen.“

Ein großes Problem für Funda und die anderen Beschäftigten ist es, wenn ein älterer Mensch stirbt. „Das erste Mal hatte ich Tränen in den Augen, die Traurigkeit habe ich mit nach Hause getragen“, sagt Funda. Das gehöre leider zum Alltag, aber die Kollegen hätten immer ein offenes Ohr, man könne miteinander reden und sich damit gegenseitig helfen.

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