Wirtschaft : Später Ladenschluß enttäuscht

Gewerkschaften und Arbeitgeber sprechen von Flop - keine Mehrumsätze
DÜSSELDORF (aho).Eine vernichtende Bilanz der neuen Ladenöffnungszeiten haben nach knapp sechs Monaten Arbeitgeber und Gewerkschaften gezogen.Die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) präsentierte am Mittwoch eine Umfrage unter Betriebsräten, wonach die neuen Öffungszeiten keinen Mehrumsatz und keine neuen Arbeitsplätze gebracht hätten."Unsere Befürchtungen sind eingetroffen", sagte HBV-Vorstandsmitglied Franziska Wiethold.Ähnlich klang es beim Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandel (HDE), Hermann Franzen.Im Deutschlandradio Berlin sagte er: "Wir können nicht feststellen, daß in dem letzten halben Jahr die Umsätze aufgrund des verlängerten Ladenschluß gestiegen sind ­ eher im Gegenteil." Dagegen hatte das Bäckerhandwerk am Dienstag von Umsatzzuwächsen von bis zu 2 Prozent und einem Plus von 5000 Stellen berichtet. In ihrer Untersuchung hatte die Gewerkschaft etwa 300 Betriebsräte von Einzelhandelsfirmen befragt.Danach haben die meisten Betriebe ihre Läden länger geöffnet, doch nur ein Siebtel beschäftigt mehr Arbeitnehmer.Zwei Fünftel der neuen Stellen haben Geringverdiener inne ­ also Arbeitnehmer unterhalb der Sozialversicherungsgrenze von 610 DM.Nur etwa ein Fünftel der neuen Stellen sind Vollzeitarbeitsplätze.HBV-Vorständlerin Wiethold: "Trotz einer durchschnittlich 15prozentigen Ausdehnung der Öffnungszeiten ist der versprochene Personalanbau vollständig ausgeblieben." Dazu würden in den Läden weiterhin Jobs abgebaut, die neuen Öffnungszeiten hätten lediglich das Tempo verringert. Zu einem ähnlichen Ergebnis war kürzlich das Statistische Bundesamt gekommen.Danach lag die Beschäftigtenzahl im November um 1,2 Prozent und im Dezember um 0,1 Prozent über dem Vorjahreswert - vor allem wegen mehr Teilzeit-Jobs.Laut Gewerkschaft sind zwischen 1992 und 1996 156.000 Vollzeitastellen weggefallen, derzeit arbeiten in den 450.000 Betrieben 2,6 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Neben dem ausgebliebenen Stellenzuwachs sieht die HBV weitere Negativ-Folgen.So hätten die neuen Öffnungszeiten die Strukturprobleme der Branche weiter verschärft.Nutznießer seien vor allem die Einkaufszentren auf der "grünen Wiese", die Filialen in den Großstadt-Citys und die SB-Warenhäuser, dagegen profitierten mittelständische Einzelhändler und Innenstadtlagen kleiner und mittlerer Städte kaum.Hauptsächlich hätten sich die Umsätze nur verlagert, die Kunden griffen mehr am frühen Abend und am Samstag zu den Waren.Für die Beschäftigten schaffe der späte Einkauf viele Probleme.Die Bus-Unternehmen hätten oft nicht ihre Fahrpläne umgestellt, und auf dem Heimweg fühlten sich die Verkäufer am späten Abend oft unsicher.Wiethold forderte einen "geordneten Rückzug" bei den Lädenöffnungszeiten.Nur in den Lagen und Geschäften, wo es sinnvoll sei, sollten die Läden länger offenbleiben: "Statt verbandspolitischer Durchhalteappelle muß sich endlich die betriebwirtschaftliche Vernunft und die Rücksicht auf die Beschäftigten durchsetzen." Ansonsten hofft sie, daß eine SPD-Regierung die neuen Öffnungszeiten wieder rückgängig macht.Dagegen setzt HDE-Präsident Franzen auf eine bessere Konsumkonjunktur, die früheren Regelungen seien im internationalen Vergleich ohnehin reformbedürftig gewesen. Ungeachtet der Ladenschlußzeiten blicken die Einzelhändler weiter düster in die Zukunft.Nach Angaben des Münchener ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung hat sich ihre Geschäftslage im März im Westen Deutschlands weiter verschlechtert.Im Osten beurteilten die Firmen kaum weniger negativ als im Vormonat.Auch die Zukunft malten viele in immer düsteren Farben und reduzierten ihre Bestellungen.Insbesondere die Händler mit Hausrat und Wohnbedarf meldeten schlechtere Ergebnisse wie auch Möbel- und Autofirmen, nur die Fahrradgeschäfte beurteilten ihre Situation wieder günstiger.Im ostdeutschen Gebrauchsgüterhandel geht der Negativtrend über alle Sparten, bei Fahrzeugen, Maschinen und Büroeinrichtungen sind die Firmen noch unzufriedender mit den Erlösen als im Vorjahr.Eine Aufwärtsentwicklung sei nicht in Sicht.

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