Sparkassen-Präsident Haasis : "Wer zurückzahlen kann, bekommt bei uns Kredit"

Sparkassen-Präsident Heinrich Haasis über den Ausfall seiner eigenen EC-Karten, die Kreditvergabe und die Lage der deutschen Landesbanken.

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Heinrich Haasis will die Landesbank Berlin weiter ausbauen. -Foto: Thilo Rückeis

Herr Haasis, hat Ihre EC-Karte am Neujahrstag und in den Tagen danach funktioniert?



Nein. Ich war im Ausland, da haben zwei meiner Karten nicht funktioniert. Ich hatte aber glücklicherweise noch eine dritte, die keine Probleme hatte. Die Hotelrechnung konnte ich aber auch mit einer manuellen Eingabe der Kartendaten und mit meiner Unterschrift bezahlen.

Dann können Sie den Ärger Ihrer Kunden also gut nachvollziehen.

Ja, das war auch für uns sehr ärgerlich. Die Kunden haben zum größten Teil verständnisvoll reagiert, aber wir hatten viele Nachfragen. In Deutschland haben alle Sparkassenkarten schon am 1. Januar an den Geldautomaten funktioniert, an den Händlerterminals nach einer Woche.

Wie können Sie diesen Fehler erklären?

Das können wir nicht. Im ersten Augenblick war ich auch der Meinung: Das kann doch gar nicht sein. In der ganzen Branche hat niemand damit gerechnet, dass so etwas passieren könnte. Auch der verantwortliche Hersteller ist überrascht worden. Das muss aufgearbeitet werden.

Wenn man Geld hat und nicht an das Geld kommt, ist das ärgerlich. Fatal ist es, wenn man keines mehr bekommt. Der Mittelstand hat Angst, dass die Banken bald keine Kredite mehr vergeben. Bekommen wir eine Kreditklemme?

Eine Korrektur: Jeder hat Geld bekommen, nur teilweise auf anderen Wegen. Die Kreditsituation wird öffentlich teilweise schlechter geredet, als sie ist. Fakt ist, dass die Sparkassen im Jahr 2009 mehr Kredite vergeben haben als im Boomjahr 2008. Wir haben die Zusagen an Unternehmen und Selbstständige um 5,5 Prozent erhöht, als die Wirtschaft um fünf Prozent gesunken ist. 62 Milliarden Euro sind neu zugesagt worden. Abgerufen worden ist etwas weniger. Es gibt sogar noch Kreditmittel, die die Unternehmen nicht in Anspruch genommen haben.

Sie meinen, die Kreditklemme ist frei erfunden?

Sicher gibt es auch Institute, die ihre Kreditvergabe eingeschränkt haben. Die Auslandsbanken haben sich aus dem deutschen Markt zurückgezogen. Auch die Geschäftsbanken haben ein Minus zu verzeichnen. Im Augenblick gibt es aber keine Kreditklemme.

Warum können die Sparkassen mehr Kredite vergeben als die Privaten?

Weil wir so hohe Einlagen von Kunden und ein ordentliches Eigenkapital haben. Und weil wir es als unsere Kernaufgabe ansehen, vor Ort den Mittelstand mit Krediten zu versorgen und nicht mit reinen Finanzprodukten zu spekulieren. Diese Solidität zahlt sich jetzt aus.

Jetzt legen die Unternehmen noch die Zahlen von 2008 vor. Was ist, wenn die 2009er Bilanzen verhagelt sind? Kriegen diese Firmen noch Kredit?

Keiner kann alles vorhersagen. Klar ist aber: Nur wenn es den Firmen in der Region gut geht, geht es auch den Sparkassen gut. Ein Vorteil unserer dezentralen Organisation ist, dass jede Sparkasse selbst entscheidet, wem sie einen Kredit gibt. Wer Gewähr dafür bietet, dass er zurückzahlen kann, bekommt bei der Sparkasse einen Kredit. Dass wir aber genau hinsehen müssen, steht außer Frage, schließlich setzen wir hier Kundeneinlagen ein, die unsere Anleger zurückhaben möchten.

Die Unternehmen klagen auch darüber, dass die Kredite teurer werden.

Seit September 2008 sind die Unternehmenskredite um rund drei Prozentpunkte günstiger geworden. Es gab seit Jahrzehnten nicht so günstige Zinsen. Die Basel-II- Regeln schreiben uns aber auch vor, Kredite risikoorientiert zu bepreisen. Je höher das Ausfallrisiko, desto teurer der Kredit. Wir müssen mögliche Ausfälle verkraften und unser Geld verdienen. Ein Wachstum im Kreditbereich von über fünf Prozent können wir nur fortführen, wenn wir weiter Eigenkapital aufbauen.

Der Vorschlag, einen Eigenkapitalfonds zu gründen, kam ursprünglich von Ihnen. Jetzt hört man nur noch von dem Ackermann-Fonds, der Ende des Quartals an den Start gehen soll. Wann kommt Ihr Fonds?

Es ist gut, wenn die Deutsche Bank auch was macht. Die Sparkassen haben 2009 über 300 Millionen Euro an neuen Eigenkapitalfinanzierungen vergeben. Und neue Kreditfinanzierungen machen wir 300 Millionen Euro pro Tag. Ich bin aber dafür, im Eigenkapitalbereich noch mehr Anstrengungen zu unternehmen. Viele Firmen haben im Krisenjahr 2009 Eigenkapital verbraucht. Die brauchen jetzt erst mal Eigenkapital, damit sie überhaupt an Kredite kommen. Deshalb empfehlen wir den Sparkassen, Eigenkapitalfinanzierungen zu vergeben. Das läuft schon.

Wann soll der Fonds kommen und wie groß wird er sein?

Priorität hat das, was die Sparkassen selbst vor Ort machen. Das läuft und reicht derzeit aus. Wir arbeiten gerade daran, Mittel von Sparkassen zusammenzubringen, um größeren Unternehmen zu helfen, deren Bedarf die Kraft einer einzelnen Sparkasse überfordern würde. Das ist technisch nicht ganz leicht. Deshalb benötigen wir für die Umsetzung noch die Zeit bis zum Frühjahr.

Die Sparkassen haben also alles richtig gemacht. Ihre Leute haben aber in den Aufsichtsgremien der Landesbanken gesessen, die sich zum Teil schwer verspekuliert haben und viel Geld verloren haben. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?

Das Problem ist, dass wir einen Zusammenbruch der Finanzmärkte insgesamt hatten. Davon sind fast alle international tätigen Banken betroffen – private Großbanken und auch einige Landesbanken. Den einen Schuldigen allein gibt es nicht, auch wenn ich das Suchen danach verstehe. Man kann nicht sagen, dass nirgends Fehler gemacht worden sind. Wichtig ist, die Kreditwirtschaft wieder mehr zu erden. Das bedeutet weniger reine internationale Finanzgeschäfte, mehr Geschäfte mit realen Kunden vor Ort.

Übernehmen die Sparkassen eine Mitverantwortung für die Zockerei der Landesbanken?

Problematische Geschäfte lasse ich gelten, Zockerei nicht. Und wir haben auch Landesbanken, denen es in dieser Krise gut geht. Aber dort, wo hohe Verluste aufgetreten sind, haben das auch die Sparkassen nicht verhindern können – das ist wahr. Die Sparkassen haben schon Verantwortung übernommen. Sie haben Eigentumsrechte verloren, sie mussten Geld nachschießen. Aber lassen Sie mich bitte auch einmal auf eines hinweisen: Bei keiner privaten Bank-AG haben die Aktionäre Geld nachgeschossen. Das haben nur die Sparkassen bei den Landesbanken gemacht.

Ein Konsolidierungsprozess bei den Landesbanken ist überfällig. Warum kommt er nicht in Gang?

Die Sparkassen sind der Meinung, dass die Landesbanken spekulatives internationales Geschäft abbauen und sich mehr auf die Betreuung realer Kunden konzentrieren sollten. Dazu ist ein Konzentrationsprozess notwendig. Eigentümer sind aber Länder und Sparkassen. Umsetzen können wir unsere Vorstellungen nur, wenn sich alle Eigentümer darauf verständigen.

Wofür brauchen Sie die Landesbanken und: Wie viele brauchen Sie?

Sparkassen sind in der Region tätig. Daneben müssen wir zentrale Leistungen gemeinsam erbringen, Dienstleistungen im Ausland etwa, wie Währungsabsicherungen. Ob man das in zwei oder drei Einheiten organisiert, ist zweitrangig. Wir brauchen aber nicht so viele selbstständige Einheiten, wie wir sie im Augenblick haben.

Die Landesbank Berlin gehört dem Sparkassenverbund. Welche Rolle könnte sie bei der Konsolidierung spielen?

Die Landesbank Berlin ist vor allem die größte Sparkasse Deutschlands. Sie kann aber noch mehr. Wir möchten, dass die LBB stärker zu einem Dienstleister und Produktlieferanten für die Sparkassen wird. Sie arbeitet bereits mit über 200 Sparkassen in ganz Deutschland zusammen, das wird zunehmen. Sie wird aber wegen ihrer starken eigenen Verankerung im Sparkassengeschäft nicht die zentrale Landesbank Deutschlands werden.

Im Verband der privaten Banken gibt es die Überlegung, den Einlagensicherungsfonds zu reformieren und die Sparkassen mit einzubeziehen. Was halten Sie davon?

Die Sparkassen garantieren wie die Volksbanken die Existenz jedes einzelnen Instituts aus eigener Kraft. Die Kunden haben nie einen Ausfall erleiden müssen und der Staat hat nie einspringen müssen. Wenn eine Bank wie die deutsche Lehman Brothers pleite geht, warum sollen die deutschen Sparkassen dafür bezahlen? Wir haben überhaupt kein Interesse an einer Veränderung.

Das Interview führte Miriam Schröder


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ZUR PERSON

DER PRÄSIDENT

Heinrich Haasis (64) stammt aus dem Schwabenland. Der Diplom-Verwaltungswirt saß fast 20 Jahre für die CDU im Landtag von Baden-Württemberg, zugleich war er Mitglied und später Präsident des Landessparkassenverbands. Seit 2006 ist er Präsident des DSGV. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.

DER VERBAND

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) ist der Dachverband für 438 Sparkassen, sieben Landesbanken und andere Finanzinstitute.

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