Wirtschaft : Sparpolitik verunsichert ostdeutsche Industrieforscher

"Aufschwung gefährdet" / Luckenwalde erhält Gründerzentrum

BERLIN (mot).Der ostdeutschen Industrieforschung drohen nach der Streichung von Bonner Fördermitteln in Höhe von 70 Mill.DM Entlassungen und Wettbewerbseinbußen.Aufgrund der vom Bundesfinanzminister im Juli verhängten Haushaltssperre stünden rund 1600 innovativen Unternehmen in den neuen Ländern in diesem Jahr 30 Prozent weniger Fördermittel für Forschung und Entwicklung (F + E) zur Verfügung, erklärte der Vorstandsvorsitzende des Verbandes innovativer Unternehmen (VIU), Christian Wegerdt, am Montag in Berlin.Der Verband mit Sitz in Dresden vertritt die Interessen von 140 in der Industrieforschung tätigen Ost-Unternehmen."Die Forschung ist unterbrochen und die Verunsicherung groß", faßte Wegerdt die Situation zusammen.Von der Mittelkürzung betroffen sind unter anderem die Sonderprogramme des Bundeswirtschaftsministeriums "Marktvorbereitende Industrieforschung" und "F + E-Personalförderung Ost".Im Haushalt 1997 waren vor der Sperre 330 Mill.DM für die ostdeutsche Industrieforschung vorgesehen. Die Unternehmen, zumeist kleine und mittelständische Betriebe mit hochqualifizierten Mitarbeitern, hätten sich im vergangenen Jahr erstmals seit der Wende beim Umsatz und der Beschäftigung stabilisiert, so Wegerdt.Die Zahl der im verarbeitenden Gewerbe Ostdeutschlands tätigen Forscher und Entwickler sei von 1994 bis 1996 wieder von 12 000 auf insgesamt 13 600 gestiegen.1989 waren in der Branche noch über 75 000 Menschen tätig.Die durchschnittliche Förderquote der Unternehmen liege bei lediglich 16 Prozent. Die Blockierung der Fördermittel komme einer Katastrophe gleich, sagte Peter Lenk, Geschäftsführer der Ardenne Anlagetechnik GmbH, Dresden, die über 130 Mitarbeiter beschäftigt und 50 Prozent ihres Umsatzes (45 Mill.DM) im Export erwirtschaftet.Die Betriebe hätten sich auf den Fortbestand der Förderung verlassen, Gelder eingeplant und neue Projekte vorbereitet."Wir verlieren den Anschluß", warnte Klaus Wagner, Geschäftsführer der Berliner EAW Relaistechnik GmbH.Wie Wagner berichteten auch andere Firmenvertreter von zahlreichen Kontakten zu Unternehmen in China, aus dem arabischen Raum und im europäischen Ausland.Insgesamt haben die Unternehmen laut VIU Kooperationsbeziehungen zu 10 000 Industrieunternehmen.Nach Angaben der Berliner Forschungsagentur, die eine Studie für das Bundeswirtschaftsministerium zur Entwicklung der ostdeutschen Industrieforschung erstellt, weisen Ost-Unternehmen mit F + E-Aktivitäten im Schnitt eine Exportquote von mehr als 20 Prozent auf, gut acht Prozent mehr als die Industrie in den neuen Ländern insgesamt. Unterdessen wurde am Montag im brandenburgischen Luckenwalde ein neues Biotechnologie- und Gründerzentrum eröffnet, das laut Wirtschaftsminister Burkhard Dreher größte Technologiezentrum des Landes.Es entstand auf einem früheren russischen Militärgelände.Die Einrichtung sei ein weiterer Baustein zur Profilierung Berlin-Brandenburgs als Biotechnologie-Region, sagte Dreher bei der Eröffnung.Biotechnologie sei eine Schlüsseltechnologie des 21.Jahrhunderts, stehe aber noch am Anfang der Entwicklung.Deutschland dürfe diesmal "den Zug nicht verpassen".In Luckenwalde sollen junge Firmen und Existenzgründer für ein Engagement in der Zukunftsbranche gewonnen werden.Ihnen stehen Labors auf höchstem technischen Niveau, Wasseraufbereitung, Chemikalienlager, ein Konferenz- und Kommunikationszentrum sowie ein Beratungsservice zur Verfügung.Mit neun Firmen wurden bereits Verträge abgeschlossen, mit weiteren acht laufen Gespräche.

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