Wirtschaft : SPD will Arzneiversand ermöglichen

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Der SPD-Gesundheitsexperte Martin Pfaff hat sich dafür ausgesprochen, den Versand von Medikamenten auch in Deutschland zuzulassen, um die gesetzlichen Krankenkassen zu entlasten. "Das Einsparpotenzial liegt mittelfristig bei 500 Millionen Mark, langfristig sogar doppelt so hoch", sagte der Bundestagsabgeordnete dem Tagesspiegel am Dienstag. Damit könnte der Versandhandel einen erheblichen Beitrag zur Senkung der steigenden Gesundheitskosten in Deutschland leisten. Zum Vergleich: Das Einsparvolumen aus dem aktuellen Sparpaket von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) wird auf rund 900 Millionen Mark geschätzt.

In Deutschland ist der Versandhandel mit Medikamenten noch verboten. Doch spätestens seit der Verabschiedung der europäischen E-Commerce-Richtlinie, die einen grenzüberschreitenden Handel zulässt, gibt es eine heftige Diskussion zwischen Apotheken, Krankenkassen und Verbrauchern über die Zulässigkeit des Versandhandels. Forciert wurde der Streit durch die niederländische Internet-Apotheke Doc Morris, die seit Juni 2000 auch deutschen Kunden Medikamente zu deutlich günstigeren Preisen verkauft als stationäre deutsche Apotheken.

Mehrere deutsche Gerichte hatten Doc Morris den Versandhandel in Deutschland untersagt. Das Landgericht Berlin hatte dagegen der Internet-Apotheke Recht gegeben. Endgültig entschieden wird der Streit jetzt vor dem Europäischen Gerichtshof. In den Niederlanden, der Schweiz und Großbritannien ist der Arzneiversand bereits erlaubt, Schweden folgt Anfang 2002.

Der SPD-Gesundheitsexperte Pfaff geht davon aus, dass der Versandhandel über kurz oder lang auch in Deutschland zugelassen wird. "Der Versandhandel kommt, daran besteht überhaupt kein Zweifel", sagte der Parlamentarier. Es könne nicht sein, dass der Gesetzgeber durch Oligopole in Form gesetzlich festgelegter Handelsspannen die Preise künstlich hoch halte. Pfaff sagte, der Versandhandel würde vor allem chronisch kranken und älteren Patienten zugute kommen, die über einen langen Zeitraum auf Medikamente angewiesen sind. Der Abgeordnete fordert, schon Anfang des Jahres die Voraussetzungen für einen "Modellversuch Pharmaversand" zu schaffen.

Die deutschen Apotheker, die die Konkurrenz auf ihrem bislang gut abgeschirmten Markt fürchten, lehnen das ab. Hans-Günter Friese, Präsident der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände, warnt vor "Rosinenpickerei". Es könne nicht angehen, dass Versandapotheken sich auf besonders teure und häufig verschriebene Medikamente für chronisch Kranke konzentrierten, während die stationären Apotheker die niedrigpreisigen Arzneien übernehmen sollten. Im Übrigen, sagt der Apotheker-Präsident, seien nur stationäre Apotheken in der Lage, Patienten kompetent und umfassend zu beraten.

Das sei "nichts als Panikmache", sagt dagegen Thomas Isenberg, Gesundheitsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin. Die Apothekendichte in Deutschland sei ohnehin die dichteste in Europa, sagt er. Es sei nicht zu befürchten, dass die gesamte Apotheken-Infrastruktur gleich zusammenbreche, wenn der Versandhandel zugelassen werde.

Das glaubt auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt nicht: In einem gerade vorgelegten Eckpunktepapier für eine große Gesundheitsreform hat sie angekündigt, den Arzneiversand auf die Tagesordnung zu setzen, allerdings nicht mehr in dieser Legislaturperiode. Unterstützung kommt auch von den Betriebskrankenkassen. Neun von ihnen haben gerade zugesagt, in Zukunft auch Direktabrechnungen des niederländischen Arznei-Versandhändlers Doc Morris zu akzeptieren.

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