Spekulation : Die Gier im Blut

Grenzenlose Habsucht ist kein Phänomen des postmodernen Kapitalismus: Sie liegt in der Natur des Menschen, lehrt die Literatur

David Hugendick

Die Literatur ist kein Abbild der Wirklichkeit, aber sie kann uns zuweilen eine Menge über sie erzählen. Besonders in schweren Zeiten befällt viele die Sehnsucht, jemand möge ihnen beantworten, warum wir nichts mehr zu lachen haben. Das ist nur allzu verständlich – wir stecken in der Finanzkrise.

Doch hören wir zunächst jenen zu, deren täglich Brot es ist, uns die Welt stückweise mit den unbestechlichen Werkzeugen der Wissenschaft zu erläutern. Kürzlich war das Wesen der Finanzjongleure an der Reihe. Es ist nämlich so: Forscher an der Uni Bonn haben angeblich ein Gier-Gen entdeckt.

Das wäre zutiefst menschlich. Es gäbe dem viel gescholtenen Gierschlund einen tragischen Charakter: Er kann nichts für seinen Makel. Die Habsucht wohnt ihm inne als ein angeborenes Defizit. Sie wird stimuliert und, hoppla, kommt es zum Knall.

Die Weltliteratur kennt in der Tat viele solcher Geschichten. Unzählige Werke schöpfen daraus ihren Reiz: Die Verlockung des Reichtums kommt ins Spiel, und plötzlich ist alles anders. Ohne Schande und Tod geht das selten ab. Wie in Friedrich Dürrenmatts Stück Der Besuch der alten Dame (1956): Eine steinreiche Greisin verspricht einem Dorf eine Milliarde, falls es den Mann ermordet, der sie einst schwängerte. Zu Beginn sträuben sich die Bewohner. Am Ende liegt der Mann erschlagen in einer Gasse, und die Alte stellt den Scheck aus.

Tatsächlich ist es bemerkenswert, wie wenig sich in den Jahrhunderten verändert zu haben scheint. In der Zeit des kalifornischen Goldfiebers erzählte der amerikanische Schriftsteller Frank Norris davon, wie das schnelle Geld Menschen den Kopf verdreht, im Jahr 1899 in seinem Roman McTeague, einem zu Unrecht vergessenes Buch eines jung verstorbenen Schriftstellers. Sein Held McTeague liebt Trina, Trina gewinnt 5000 Dollar, und das Unglück bricht über das Paar herein: Bald sind sie beide dem Geld verfallen; McTeague raubt Trina aus, tötet sie und verendet schließlich beim Showdown in der Wüste, angekettet an seinen ebenfalls toten Nebenbuhler.

Die Gierigen und Geizigen müssen scheitern. So erfordern es die Gesetze der Literatur. In Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten steht der vormals reiche Spekulant Sherman McCoy am Ende der Geschichte verarmt und ganz alleine da. Als Tony Buddenbrook entgegen der Familienprinzipien, aus bloßer Spekulation, einem Adligen die Jahresernte bis "auf den Halm" abkauft, verhagelt ihr ein Gewitter den Gewinn. In Balzacs Eugénie Grandet geht die Familie an der Gier des Vaters zugrunde. Und König Midas, der erste Nimmersatt der Literaturgeschichte, wünschte sich von Dionysos, dass alles, was er berührte, zu Gold werden solle – darob wäre er fast verhungert.

All diese Figuren spüren die Pathologie der Gier am eigenen Leib, nicht selten reißen sie andere mit hinunter in der Abgrund. Wie die Habsucht aber im Einzelnen über sie kam, darüber geben die Geschichten selten Aufschluss. Oft überwältigt sie ihre Helden wie ein Naturereignis. Wie viele haben sich in den vergangenen Jahrhunderten den Kopf zerbrochen! Der Ökonom John Stuart Mill schrieb einst: Das "Verlangen, reicher zu werden", sei die "Leidenschaft derer, die keine andere kennen".

Dem Schriftsteller Gottfried Keller war es rätselhaft, warum mancher es zu Reichtum bringt und andere leer ausgehen. Im Grünen Heinrich schreibt er vage, es handle sich dabei offensichtlich um einen Tick, den man im rechten Moment erwischen müsse.

Und ein paar Jahrzehnte später, als Fanny Mae und Freddy Mac noch allenfalls Charaktere eines nie geschriebenen Jane-Austen-Buchs waren, veröffentlichte der Schriftsteller Émile Zola den Roman Das Geld. Das war 1891. Eine Geschichte vom Spekulanten Saccard, der auf durchtriebene Art und Weise rafft und lügt und betrügt und natürlich hart auf den Boden der Tatsachen fällt. Geläutert wird er dadurch keineswegs. Und geradezu lapidar lautet die Erklärung: "Das liegt ihm im Blut."

Im Blut also. Fast anderthalb Jahrhunderte später soll es uns nun in den Genen liegen, und wir sind wenig schlauer als Zola. Der eigentlichen Ursprung der Gier bleibt rätselhaft. Immerhin: Wer immer noch glaubt, entgrenzte Habsucht sei eine Erfindung unseres postmodernen Kapitalismus, den könnte die Literatur eines Besseren belehren. Die Kunst der vergangenen Jahrhunderte hat uns schon greifbar gemacht, was wir tatsächlich jetzt erfahren.

Was uns die Einsicht bringt? Ein paar Stunden sehr unterhaltsamer Lektüre, die man mit kleinen und großen Krisen verbringen kann. Da darf man gierig zugreifen. Ausnahmsweise. Wir leben in schweren Zeiten.
 

Quelle: ZEIT ONLINE

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben