Wirtschaft : Spekulationen über den Mann an der Spitze

ROLF OBERTREIS

FRANKFURT/MAIN .Bundesbank-Vizepräsident Jürgen Stark kann wohl schon vier Wochen nach seiner Berufung, seine Hoffnungen auf den Chefsessel der Bundesbank begraben.Nach dem Wahlsieg der SPD und der Grünen ist unter Beobachtern in Frankfurt so gut wie sicher, daß der frühere Finanzstaatssekretär und CDU-Parteigänger trotz seiner unbestrittenen fachlichen Qualifikation den jetzigen Bundesbank-Präsidenten Hans Tietmeyer nicht beerben wird.Tietmeyer scheidet in elf Monaten aus Altersgründen aus der Bundesbank aus.Als heiße Anwärter auf den Chefsessel gelten der hessische Landeszentralbank-Präsident Ernst Welteke und Bundesbank-Direktoriumsmitglied Edgar Meister.Beide waren SPD-Minister.Allerdings gibt es noch keinerlei konkrete Hinweise, wie sich die Führungsspitze der Bundesbank im nächsten Jahr verändert.Allerdings war es in der Vergangenheit in der Regel so, daß die jeweilige Bundesregierung, wenn denn in ihrer Amtszeit der Bundesbank-Chefsessel neu zu besetzen war, einen Mann mit ihrem Parteibuch an die Spitze der Notenbank gebracht hat.

Michael Heise, Chefvolkswirt der DG Bank und einer der renommierten Frankfurter "Bundesbank-Watcher" erwartet Welteke oder Meister als neuen Bundesbank-Chef.Er würde beiden auch zutrauen, aufgrund ihrer politischen Erfahrung, die sie als Finanzminister in Hessen und Rheinland-Pfalz gemacht haben, daß sie die Bundesbank auf internationaler Ebene gut vertreten.Einen Sozialdemokraten an der Spitze der Bundesbank betrachtet Heise nicht als Risiko."Die regulierende Kraft der Bundesbank wurde schon in der Vergangenheit unterschätzt.Sie hat ein gefestigtes Rollenverständnis und eine sehr eindeutige Zielsetzung.Einzelne Personen können die Richtung dieser Institution kaum verändern." Auch Uwe Angenendt, Chef-Volkswirt der BHF-Bank, hält Welteke, seit 1994 Chef der LZB Hessen, fachlich für den Chefposten der Bundesbank geeignet.Bei der Deutschen Bank Research zweifelt man ebenfalls kaum an den Qualifikationen Weltekes, trotzdem will man offiziell zu den Spekulationen keine Stellung nehmen.Dort würde man es der SPD allerdings groß anrechnen, wenn die neue Regierung Bundesbank-Vize Stark trotz seines Parteibuches berufen würde.

Wenig Chancen werden in Frankfurt den anderen Personen eingeräumt, die ebenfalls als möglicher neuer Bundesbank-Präsident gehandelt werden.Dies gilt sowohl für Heide Simonis, die Ministerpräsidentin von Schleswig-Hostein und für die SPD-Finanzexpertin Ingrid Matthäus-Meier.Sie wären seit langem die ersten weiblichen Mitglieder des Bundesbank-Direktoriums und die erste Präsidentin der Notenbank überhaupt.Auch die Aussichten für Heiner Flassbeck, dem Konjunkturexperten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin gelten als gering.

Mit Skepsis, aber auch mit Gelassenheit betrachtet man in Frankfurt die Äußerungen von SPD-Chef Oskar Lafontaine zur künftigen Geldpolitik der Bundesbank."Schon frühere sozialdemokratische Regierungen sind damit gescheitert, ihre Ansätze in die Bundesbank hineinzutragen", sagt Heise.Im übrigen verliert die Bundesbank am 1.Januar 1999 mit dem Beginn der Europäischen Währungsunion ihren überragenden Einfluß auf die Geldpolitik.

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