Wirtschaft : Spekulationen über Emissionspreis der Direktbank - Zeichungsfrist der Aktien vom 23. Mai bis 2. Juni

ro

Noch stehen die genauen Emissionsdaten nicht fest. Aber klar ist: Der Börsengang der Commerzbank-Tochter Comdirect wird einer der größeren in diesem Jahr. Und einer der erfolgreichen, glauben jedenfalls Analysten. Dafür sprechen mehrere Gründe: Mit rund 480 000 Kunden gilt die Commerzbank-Tochter als führende Direktbank und führende Direkt- Wertpapierbank - neudeutsch: Direktbroker - in Europa. Auch das Angebot und die auf europaweite Expansion ausgerichtete Strategie gefällt den Experten. Und sie verweisen auf die saftigen Kursgewinne der Konkurrenten, die im vergangenen Jahr an die Börse gegangen sind: Die ConSors-Aktie und die Aktie der Direkt-Anlage-Bank haben jeweils um rund 270 Prozent zugelegt, die Quelle-Tochter Entrium um rund 170 Prozent. Derzeit liegen Experten-Schätzungen für den Emissionspreis der Comdirect-Aktie bei etwa 33 Euro.

Am 22. Mai will die Commerzbank die genauen Daten des Börsengangs ihrer 1995 gegründeten Tochter bekannt geben. Die Zeichungsfrist der Aktien läuft vom 23. Mai bis 2. Juni. Am 5. Juni soll die Comdirect-Aktie zum ersten Mal am Neuen Markt in Frankfurt notiert werden. 29 Prozent der Aktien sollen nach der mit dem Börsengang verbundenen Kapitalerhöhung abgegeben werden. Die Commerzbank wird mindestens 51 Prozent behalten, gut 20 Prozent liegen bei T-Online.

Orientierungsgröße für die bisherigen Schätzungen des Emissionspreises sind die Kundenzahlen. Die Direktbroker werden von vielen Analysten mittlerweile nach den Kunden bewertet. Dies lässt Rückschlüsse zu auf die zu erwartenden Erträge der Institute. So werde Consors mittlerweile, so Analyst Metahan Sen vom Bankhaus Sal Oppenheim, pro Kunde mit 16 000 Euro eingestuft. 10 000 bis 12 000 Euro seien es bei der Direkt-Anlage-Bank. Bei Comdirect vermutet Sen eine Spanne zwischen 9000 und 15 000 Euro. Multipliziert mit der derzeitigen Kundenzahl der Comdirect von 480 000 ergäbe dies einen Börsenwert zwischen 4,3 und 7,2 Milliarden Euro.

29 Prozent der Anteile will die Commerzbank abgeben. Das Emissionsvolumen läge dann zwischen 1,25 und gut zwei Milliarden Euro. In der Commerzbank selbst kursieren Schätzungen über den Unternehmenswert der Tochter zwischen 2,5 und 7,5 Milliarden Euro.

Die Commerzbank, sagt Michael Harms, Analyst beim Bankhaus Delbrück, sollte bei der Preisermittlung der Aktie höchstens 75 Prozent des Unternehmenswertes ansetzen, um nach der Notierung nicht einen Kurssturz zu riskieren. Auch Sen hält die Comdirect für eine interessante Aktie, wenn der Emissionspreis nicht zu hoch liegt. Zum einen, weil das Internet und ganz besonders das Geschäft der Direkt-Broker über das Internet noch auf eine einige Zeit von starkem Wachstum geprägt ist. Zum anderen ist Comdirect hierzulande Marktführer. Dies vor allem ist die Voraussetzung für weiter lukrative Geschäfte. "In Europa gibt es bereits 80 Discount- Broker. Da wird nicht jeder überleben. Auf den Marktführer zu setzen ist allerdings eine sichere Bank." Nur Größe sichert in dieser Branche Skaleneffekte. Dies wahrt die Chance, rasch noch größer zu werden. Nach Ansicht von Harms wird der Comdirect auch die Tatsache Schwung verleihen, dass die Commerzbank im Privatkundengeschäft ihre Expansion im Ausland auch über ihre Direktbank vorantreiben will.

Tatsächlich hat die Commerzbank-Tochter, deren Zentrale in Quickborn bei Hamburg sitzt, eine erstaunliche Erfolgsgeschichte hinter sich. 1998, drei Jahre nach der Gründung, wurde erstmals Gewinn erzielt. Im vergangenen Jahr kletterte der Gewinn von 2,2 um mehr als das Sechsfache auf 13,7 Millionen Euro. Die Zahl der Kunden ist im Laufe dieses Jahres geradezu explodiert: Zählte die Comdirect Ende Dezember noch 277 000 Kunden, so waren es Ende April 480 000. Nichts zeigt besser die Dynamik des Geschäftes. Vor kurzem hat Comdirect Partnerschaften mit T-Online und mit der ProSieben Digital Media AG verkündet. T-Online ist zudem mit 25 Prozent an Comdirect beteiligt.

Dass die Comdirect in Spitzenzeiten von ihren Kunden zum Teil nur schwer erreicht werden konnte, betrachten Analysten nicht als Nachteil. "Das ist nur ein temporäres Problem", sagt Harms. Um die Engpässe abzustellen hat die Comdirect seit Jahresanfang rund 400 neue Mitarbeiter eingestellt und vor zwei Wochen ein zweites Call-Center in Kiel eröffnet. Ein weiteres wird derzeit gebaut.

Berichte, dass angeblich nur Kunden der Comdirect Aktien erwerben könnten, weist Commerzbank-Sprecher Peter Pietsch als falsch zurück. Jeder Anleger könne Comdirect-Aktien zeichnen. Sollte es allerdings zu einer Überzeichnung kommen, hätten die Kunden der emissionsführenden Banken, in diesem Fall Commerzbank und Comdirect, die besten Chancen. "So wie bei anderen Börsengängen auch", betont Pietsch. Gratisaktien oder ähnliche Anreize für Neukunden der Comdirect wird es nicht geben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben