Wirtschaft : Spekulationen um den zukünftigen DIW-Präsidenten

JOBST-HINRICH WISKOW

BERLIN .In diesen Tagen fällt die Vorentscheidung: Wer wird im kommenden Jahr der neue Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin? Wer wird Nachfolger von Lutz Hoffmann, der am 30.September 1999 sein Büro räumen will? Am Sonnabend endete die Bewerbungsfrist, am kommenden Freitag tagt die Berufungskommission.Deren Mitglieder werden sich verständigen müssen, wie viele der Bewerber sie aussortieren und wie viele sie zum persönlichen Vorstellungsgespräch nach Berlin einladen werden.

Der Posten des DIW-Chefs gilt als attraktiv.Schließlich ist der Präsident zugleich ordentlicher Professor in der höchsten Gehaltsstufe an einer Berliner Universität.Zudem hat das DIW seine Reputation in den vergangenen Jahren stetig verbessern können: Der Wissenschaftsrat bescheinigte den Berlinern, sie leisteten "seit mehreren Jahrzehnten einen wichtigen und anerkannten Beitrag" für die Wirtschaftsforschung.Unter den sechs führenden Instituten rangiert es auf dem zweiten Platz - hinter dem Kieler Institut für Weltwirtschaft unter seinem Präsidenten Horst Siebert.

Während das DIW der Qualität der Norddeutschen nacheifern dürfte, will es den politischen Abstand gegenüber dem Wettbewerber wahren.Denn das Institut für Weltwirtschaft gilt als deutlich liberaler, es glaubt überwiegend an die Überlegenheit marktlicher Prozesse.Dagegen überwiegt im DIW das Mißtrauen gegenüber dem Markt und ein gewisses Vertrauen in die staatliche Steuerung, was es gemeinhin als linker erscheinen läßt.Eine Neupositionierung soll es unter einem neuen Präsidenten nicht geben.Hoffmann jedenfalls, der auch in der Berufungskommission sitzt, wünscht sich einen Nachfolger, der die gewamtwirtschaftliche Analyse in DIW-Tradition fortsetzt.In der Landschaft der Wirtschaftsforschungsinstitute ist der Schwerpunkt des DIW nach Auffassung von Hoffmann die notwendige Ergänzung für das, was die anderen betreiben."Die Analyse des gesamtwirtschaftlichen Kreislaufs darf in Deutschland nicht verloren gehen."

Im Kern findet diese Forschung in der Konjunkturabteilung des DIW statt.Doch diese ist derzeit führungslos.Seit nämlich Abteilungsleiter Heiner Flassbeck ins Bundesfinanzministerium wechselte, um Oskar Lafontaine (SPD) als Staatssekretär beizustehen, ist der Posten des Konjunkturchefs vakant.Auch hier sucht das DIW nach einem neuen Mann.Der Wissenschaftsrat sähe es gerne, wenn ein Hochschulprofessor dieser wichtige Abteilungsleiter wäre - eine Qualifikation, die Vorgänger Flassbeck nicht hatte."Das Gewicht der Konjunkturabteilung hängt von ihrem Leiter ab", konstatiert Hoffmann.Und das Gewicht der Konjunkturabteilung wiederum bestimmt einen großen Teil der Bedeutung des ganzen Instituts.Deswegen wäre es wünschenswert, wenn der neue DIW-Präsident sich seinen Konjunktur-Chef aussuchen könnte, sagt mancher im Institut.Doch dann, so Hoffmann, wäre die wichtige Abteilung zu lange ohne Leiter.Denn frühestens im April dürfte sich herauskristallisieren, wen die Berufungskommission zum DIW-Präsidenten machen will.Noch herrscht die Qual der Wahl.Aus den Bewerbungsschreiben hat die Kommission bisher vier bis fünf Namen ausgewählt.Ein Name steht dem Vernehmen nach ganz oben auf der Liste.Was sogleich Spekulationen auslöste, wer denn das sein könnte.

Immer wieder tauchte der Name von Rudi Dornbusch auf.Der Wissenschaftler gilt als einer der wenigen deutschen Ökonomen mit weltweitem Ruf.Seit 1975 ist er am Massachusetts Institute of Technology im amerikanischen Cambridge tätig, seit 1984 als Professor.Schwerpunkt seiner Forschung sind die Außenwirtschaft und die Konjunktur - was zum DIW passen würde.Es wäre geradezu sensationell, sollte er wirklich nach Deutschland zurückkehren und zum DIW kommen.Zu den Vermutungen, er könne sich beworben haben, ist derzeit in DIW-Kreisen nichts zu erfahren.Auch Dornbusch selbst war am Dienstag nicht zu erreichen.Zwei Kandidaten, deren Namen immer wieder gefallen sind, werden wohl nicht DIW-Präsident.Michael Burda von der Humboldt-Universität und Klaus F.Zimmermann vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn wären zwar allgemein geachtete Kandidaten.Aber sie haben einen großen Nachteil: Sie gehören selber zur Berufungskommission, die jetzt entscheidet.

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