Wirtschaft : Spekulationswellen bedrohen Asiens Aufschwung

KLAUS C.ENGELEN (HB)

HONGKONG .Zwei Jahre nach Ausbruch der Asienkrise hellt sich der fernöstliche Konjunktur-Horizont auf.Das ist insbesondere an den Börsenindices der Region abzulesen.Hongkongs Hang-Seng-Index ist bezeichnend für den tiefen Fall und die schnelle Erholung mancher asiatischer Aktienmärkte: Am 7.August 1997 erreichte er mit 16 673,27 Punkten den Höchststand, ein Jahr später stürzte er auf 6660,42 Punkte ab und Ende dieser Woche Woche notierte er bei rund 12 370 Zählern.

Von der Jahrestagung der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) in Manila und vom Finanzministertreffen der Apec in Langkawi, Malaysia, kommt eine frohe Botschaft: Die Bedrohung des Weltfinanzsystems durch den Wirtschaftseinbruch in den aufstrebenden asiatischen Volkswirtschaften sei vorüber, hieß es.Doch die Hauptgeschädigten der Krise bestehen auf größeren Mitspracherechten, wenn es um die Reform der globalen Finanzarchitektur geht.Konkret verlangen die in der Asia-Pacific Economic Cooperation (Apec) mitwirkenden Länder, daß sie bei der Regulierung von Hedge-Fonds, von Offshorezentren und kurzfristigen Kapitalströmen im globalen Maßstab ein Wort mitreden können.

Dabei nehmen besonders erfolgreiche Krisenmanager wie Josef Yam, der Chef der Hongkonger Währungsbehörde, kein Blatt vor den Mund.Er wirft den USA vor, daß sie wirksame Kontrollen über Hedge-Fonds und Offshorezentren mit Rücksicht auf die mächtigen Wall-Street-Häuser verhindern wollen.Der Hongkonger Währungshüter sucht Unterstützung bei den Europäern, die Reformarbeiten an der globalen Finanzarchitektur auch im Interesse der von der Asienkrise betroffenen Länder voranzubringen.Die Asiaten wollen über das Forum für Finanzmarktstabilität, das von den G-7 initiiert wurde und sich am 14.April auf der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank in Washington konstituierte, größeren Schutz gegen Hedge-Fonds und spekulative kurzfristige Kapitalzuflüsse durchsetzen.

Wo immer in diesen Tagen Asiens Finanzprominenz die Zukunftsaussichten auslotet, tauchen neue Bedrohungen auf."Kommt es zu hohen Kapitalzuflüssen bei immer noch nicht reformierten Strukturen", warnt der für Asien-Pazifik verantwortliche Krisenmanager des IWF, Hubert Neiss, "kann das sehr gefährlich werden."

Akira Nagashima, der frühere Vize der japanischen Notenbank, pflichtet ihm bei.Angesichts der krassen Unterschiede in der Marktkapitalisierung der Börsen in den USA, Europa und Asien "kann schon die Wiederaufnahme der üblichen Anlagediversifizierung bedeutender institutioneller Anleger aus den USA und Europa in den asiatischen Märkten neue Turbulenzen auslösen".

Nach David Dodwell, Direktor des Investmenthauses Jardines Flemings, "hat Asien die Angst vor der hohen Börsenkapitalisierung der USA, aber auch Europas, im Nacken".Seit Asiens Aktienbörsen abstürzten und während die Börsen in den USA, aber auch in Europa, auf neue Rekordhochs stiegen, schreibt der Hongkonger Investmentbanker die Entwicklung der Marktkapitalisierung für die drei großen Weltregionen USA, Europa und Asien fort.Diese reicherte er durch die Marktkapitalisierung einzelner US-Firmen und des Mammutblocks der US-Pensions- und Investmentfonds an.

"Einschließlich Japan ging Asien mit einer Börsenkapitalisierung von 4659 Mrd.Dollar in die neunziger Jahre", so Dodwell.Mit einer Marktkapitalisierung von 4298 Mrd.Dollar im Mai 1999 blicke Asien auf ein verlorenes Jahrzehnt zurück.Da schnitt Europa - mit einer Marktkapitalisierung von 2346 Mrd.Dollar im Januar 1990 und 7798 Mrd.Dollar im Mai 1999 - erheblich besser ab.Doch der Höhenflug der Kurse an den US-Aktienbörsen - ihre Kapitalisierung stieg von 2819 Mrd.Dollar im Januar 1990 auf 12 554 Mrd.Dollar im Mai 1999 - gibt Amerikas börsennotierten Banken und Unternehmen sowie den Pensions- und Investmentfonds einen gewaltigen Hebel für den Kauf von Finanzwerten.Dodwell: "Für US-Käufer und Anleger sind Asiens Märkte derzeit so billig wie noch nie."

Wenn US-Pensions- und Investmentfonds, die derzeit rund 5768 Mrd.Dollar an Vermögen verwalten, "auch nur ein Prozent ihrer Mittel in die gedrückten asiatischen Märkte lenken, würde das für wilde Kurssprünge an Asiens Börsen sorgen", so der Direktor von Jardine Flemings."Gemessen am Börsenwert liegt General Electric heute höher als die addierte Marktkapitalisierung von vier Ländern: Südkorea, Malaysia, Thailand und Indonesien", sagt Dodwell.

Robert N.McCauley, der mit Sitz in Hongkong die Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in der Region Asien-Pazifik vertritt, weist auf Arbeiten der BIZ zur Problematik volatiler Marktkapitalisierung, insbesondere für aufstrebende Volkswirtschaften im Zeitalter von Deregulierung und Globalisierung hin.Die BIZ hatte mit Blick auf Kapitalisierung, Volatilität und Ergebnisse die aufstrebenden Volkswirtschaften in Asien und Lateinamerika für den Zeitraum 1990 bis 1996 untersucht, dabei jedoch auch die Börsenkursentwicklung der USA, Japan, Deutschland, Großbritannien und der sonstigen europäischen G-10 Länder als Referenzwerte daneben gestellt.Dabei zeigte sich, daß die Aktienmärkte in den Entwicklungs- und Schwellenländern - gemessen am Anteil der Aktienmarktkapitalisierung vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) - in den 90er Jahren meist kräftig expandierten.Gemessen am Verhältnis der Börsenkapitalisierung zum BIP ließen sich viele aufstrebende Volkswirtschaften mit jenen europäischer Länder vergleichen.Doch wies die BIZ am Vorabend des Ausbruchs der Asienkrise auf die Kehrseite des stark gestiegenen Interesses der Anleger in den Industrieländern hin: So überstieg vor Ausbruch der Asienkrise die Marktkapitalisierung zahlreicher asiatischer Schwellenländer die für den deutschen Aktienmarkt gemessene Kapitalisierung von 29,4 Prozent vom BIP.So konnten Indien (35,1 Prozent), Indonesien (41,2 Prozent), Philippinen (97,5 Prozent), Thailand (54 Prozent) sowie erst recht die asiatischen Finanzplätze Hongkong (280,8 Prozent) und Singapur (169 Prozent) eine deutlich höhere Kapitalisierungsquote am BIP vorweisen.

In welchen Größenordnungen in den aufstrebenden Volkswirtschaften Asiens seit dem Sommer 1997 seitens privater Anleger und Investoren Verluste auftraten, ist nur zu schätzen.Das von den großen Banken und Investmenthäusern getragene Institute of International Finance (IIF) geht von 350 Mrd.Dollar aus.Hinzu kommen weitere 60 Mrd.Dollar, die westliche Banken in der Krisenregion verloren.Um im Bild des Höhenflugs an der Wall Street zu bleiben: Diese Summen würden der Marktkapitalisierung von Microsoft entsprechen.

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