Spenden im Internet : Ein bisschen Sozialismus

Mit Hilfe des Mikrobezahldienstes Flattr kann im Internet gespendet werden. Blogger und Podcaster profitieren, aber ob sich das wirklich durchsetzt, ist eine offene Frage.

Annika Waymann
Jeder Cent zählt. Das System ist für kleine Beträge gedacht. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Jeder Cent zählt. Das System ist für kleine Beträge gedacht. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin - Bis zu 2500 Euro nimmt der Podcaster Tim Pritlove mit seinen regelmäßig erscheinenden Audiodateien monatlich ein. Etwa 30 000 bis 40 000 Hörer laden seine fürs Internet produzierten Radiosendungen runter. Dafür müssen sie nichts bezahlen. Viele tun es aber trotzdem. Sie geben nicht viel pro Datei, nur einige Cents. Aber in der Summe reichte es, damit sich Pritlove ein eigenes Studio einrichten konnte, und es reicht, um ausschließlich von der Produktion seiner Audiobeiträge zu leben.

Zu verdanken hat Tim Pritlove, Veteran des Chaos Computer Clubs, das nicht nur seinen Hörern und seinem Talent, sondern auch dem Mikrobezahldienst Flattr. Das schwedische Unternehmen ermöglicht es Künstlern, Bloggern und Musikern, über Spenden Geld einzunehmen. Die Leser, Hörer oder Betrachter belohnen die Schöpfer der Webinhalte, indem sie einen Button auf ihrer Internetseite drücken. Wie viel sie pro Monat geben wollen, legen sie selber fest. Der Schnitt liegt bei 4,50 Euro. Der Betrag bleibt stabil, auch wenn man mehr als einen Button klickt. Das Geld wird nur an mehr Leute verteilt. Gibt man beispielsweise acht Euro und klickt zehn Mal einen Flattr-Button, ist jeder Klick gleichbedeutend mit einer Spende von 80 Cent. Flattr verdient an den Klicks, indem es pro Transaktion zehn Prozent einbehält.

Auch die Tageszeitung „Taz“ verwendet Flattr. Ihre Einnahmen über den Dienst veröffentlicht sie regelmäßig. Im August 2012 waren es 670 Euro – eher ein Taschengeld. Und als solches sehen es auch die meisten Blogger und Künstler, die den Button auf ihrer Seite platziert haben. Der Anwalt Udo Vetter etwa verdient mit seinem „Law Blog“ etwa 200 bis 300 Euro pro Monat.

Ein Blick auf die Liste der meistgeklickten Beiträge auf der Flattr-Homepage verrät, dass vor allem deutsche Podcaster und Blogger gutes Geld mit dem Dienst machen. „Wir Deutsche haben, was Medieninhalte angeht, den Sozialismus schon mit drin“, meint Tim Pritlove. Dass Medienunternehmen oder einzelne Publikationen wie die „taz“ den Dienst nutzen, ist allerdings eher eine Ausnahme. In der Medienbranche wird die Verwendung von Flattr kritisch gesehen. Die meisten Nachrichtenseiten wollen nicht um Spenden bitten. „Zur ,Taz’ passt es als Marke sehr gut, weil die Leser sich ja auch als politische Unterstützer dieser Zeitung verstehen“, sagt ein Branchenkenner. Netzaktivisten und Piratenpartei dagegen sehen Mikrobezahldienste wie Flattr oder das US-amerikanische Pendant Kachingle als Möglichkeit für Autoren, Musiker und Künstler, unabhängiger von der Medienindustrie zu werden, indem sie sich direkt an die Konsumenten wenden. Auch als Alternative zu verschärften Urheberrechten werden soziale Mikrobezahldienste gehandelt. „Make flattr not war“ forderten Gegner des internationalen Urheberrechtsabkommens Acta. „Die Netzgemeinde führt schon seit Jahren eine Diskussion über eine Kulturflatrate oder alternative Vergütungsformen“, sagt Pritlove. „Flattr kam vor zweieinhalb Jahren genau in diese Diskussion rein und stellte ein extrem praktikables Modell dar.“ Er glaubt generell an den Willen der Internetnutzer, für kostenlose Inhalte zu zahlen. „In dem Moment, in dem man sich über einzelne Zahlungen keine Gedanken mehr machen muss, sondern einfach nur sagt: ,Diese Person schließe ich jetzt in meine Privat-GEZ-Gebühren ein’, werden die Leute die Möglichkeit auch nutzen“, meint Pritlove.

Der Wirtschaftsinformatiker Key Pousttchi ist da nicht so optimistisch. „Ich befürchte, die menschliche Natur steht dagegen“, sagt der Leiter der Forschungsgruppe Wi-Mobile an der Universität Augsburg. Mit Flattr verhalte es sich wie mit dem Sozialismus in der DDR. „Sozialismus ist eine tolle Idee, wenn alle mitmachen – sonst wird es schwierig, weil der Ehrliche immer verliert.“

Nach einer Studie der GfK aus dem Jahr 2009 sind 47 Prozent der Internetnutzer der Meinung, dass Webcontent kostenlos und werbefrei sein sollte. Nur neun Prozent sind bereit, für Webinhalte zu zahlen. Flattr indessen träumt weiter von einer Welt voller „Flattr-Love“, in der die Medienbranche überflüssig ist und Geld zweitrangig. Doch trotz aller technischen Verfeinerungen, die das Unternehmen in den vergangenen Jahren entwickelt hat, glauben viele nicht mehr an den Durchbruch. So erklärte der Journalist Jürgen Vielmeier im September 2011 auf seinem Blog Flattr schlicht für tot.

Gut möglich, dass er Recht hat. Der Bekanntheitsgrad des Mikrobezahldienstes hält sich jedenfalls auch nach zweieinhalb Jahren am Markt noch immer in Grenzen. Über Umsatz und Nutzerzahlen macht Flattr keine Angaben. Lediglich, dass der Dienst schon über eine Million Mikrozahlungen abgewickelt hat, verriet Mitbegründer Linus Olsson. Wie viel Geld über Flattr gespendet wird, kann nur geschätzt werden. Im September 2011 nahmen 20 Nutzer mehr als 100 Euro über Flattr ein, wie der Dienst auf seinem Blog berichtet. Die Top Fünf verdienten über 1000 Euro.

„Flattr hat bewiesen, dass es in bestimmten Nischen ganz hervorragend funktionieren kann“, sagt Pritlove. Außerhalb dieser Nischen scheint der Dienst allerdings bedeutungslos zu sein. Annika Waymann

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