Spenden : Warten auf milde Gaben

Die Finanzkrise könnte vielen Deutschen die Lust aufs Spenden verderben. Und das ausgerechnet zur Weihnachtszeit.

Maren Peters
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Mehr als Sport. Das Kinderhilfswerk Plan International unterstützt in Ghana Fußballprojekte für junge Mädchen. -Foto: dpa

Berlin - Es waren furchtbare Bilder, die in den Weihnachtstagen 2004 in die Wohnzimmer fluteten und die Gänsebraten-Gemütlichkeit brutal beendeten. Mehr als 200 000 Menschen in Südostasien riss der Tsunami in den Tod. Der gigantischen Flut folgte eine beispiellose Spendenwelle: Mehr als 670 Millionen Euro gaben die Deutschen für die Opfer – die höchste Summe, die jemals nach einer Katastrophe gespendet wurde. „Wenn große Katastrophen passieren und auch noch Kameras die Bilder übertragen, können wir uns viel Werbung sparen“, sagt Gottfried Baumann vom kirchlichen Hilfswerk Misereor, so makaber das ist.

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So gesehen, sind die Voraussetzung für ein gutes Spendenjahr 2008 eigentlich perfekt. Der Tsunami, der in diesem Jahr wütet, heißt Finanzkrise. Die Bilder werden weltweit übertragen. Und das Ausmaß übertrifft alles, was bisher dagewesen ist. Nur Tote gibt es glücklicherweise nicht. Aber ob der Dezember – traditionell der mit Abstand spendenfreudigste Monat des Jahres – deshalb einen neuen Spendenrekord bringt, das glaubt aus naheliegenden Gründen eigentlich niemand. Im Gegenteil: Bei den Hilfsorganisationen ist die Sorge groß, dass wegen der Finanzkrise ein harter Winter bevorsteht.

„Wir hoffen natürlich, dass die Unsicherheit, die wir in vielen Telefonaten spüren, nicht auf das Spenden durchschlägt“, sagt Rainer Damm, Sprecher von SOS-Kinderdorf, das zu den fleißigsten Sammlern mit Spendensiegel in Deutschland gehört (siehe Grafik). Doch wer weiß das schon, die Spenden-Hochsaison hat ja gerade erst begonnen.

Bislang hat das Jahr für Organisationen wie Misereor, Adveniat oder das Kinderhilfswerk Plan International keine bösen Überraschungen gebracht. „Mit rund 2,8 Milliarden Euro ist das Spendenaufkommen im Vergleich zum Vorjahr relativ stabil“, berichtet Jan Borcherding, der beim Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid für den Spendenmonitor verantwortlich ist. Er erhebt die Daten jeweils für ein Jahr bis Ende Oktober. Allerdings sind die Menschen etwas knausriger geworden. Jeder Spender gab durchschnittlich nur noch 102 Euro statt zuvor 107 Euro. Dafür stieg die Zahl der Spender. Statt 40 Prozent (der Deutschen über 14 Jahre) gaben zuletzt 42 Prozent der Deutschen Geld für gute Taten, zeigt der Spendenmonitor.

Die Tendenz können viele Hilfsorganisationen bestätigen. „Wir haben bisher ein ganz gutes Jahr hinter uns“, sagt Misereor-Sprecher Baumann. Bis Ende Oktober seien vier Prozent mehr als im Vorjahr für Projekte in Lateinamerika gespendet worden. „Die Leute, die unter dem Zusammenbruch von Immobilienfonds leiden, sind nicht unsere Klientel“, erklärt Baumann.

Bei den Glaubensbrüdern von Adveniat gab es dagegen bis Ende Oktober einen leichten Rückgang. Vier Fünftel der Spenden von zuletzt knapp 54 Millionen Euro werden allerdings per Weihnachtskollekte in den katholischen Kirchen eingesammelt, da ist also noch alles drin. Miserabel läuft es dagegen bei Unicef Deutschland, aber das hat andere Gründe. Nach Vorwürfen der Verschwendung von Spendengeldern war das Kinderhilfswerk im Frühjahr wochenlang in den Schlagzeilen, am Ende trat die Geschäftsführung zurück. Doch der Skandal wirkt nach: Ende Oktober lag die Summe der Spenden um 25 Prozent unter dem Vorjahreswert. Vor allem in den ersten Monaten habe es deutliche Rückgänge geben, sagt Sprecher Rudi Tarneden, erst nach dem Sturm in Birma lief es wieder etwas besser. Das könnte durch die Finanzkrise allerdings gestoppt werden, befürchtet Tarneden. „Die Frage, ob die Rezession kommt, beschäftigt die Menschen schon sehr.“

Einer, der die Entwicklung sehr gelassen sieht, ist Michael Urselmann, Professor für Sozialmanagement an der FH Köln. Er beobachtet schon seit 1996 die 100 größten Spendenorganisationen in Deutschland. „Bislang spricht wenig dafür, dass die Organisationen sich in diesem Jahr ernsthafte Sorgen um ihre Einnahmen machen müssen“, sagt er. Die Mehrheit der privaten Spender lasse sich von konjunkturellen Schwankungen glücklicherweise nicht beeindrucken. „Ich glaube daher nicht, dass die beginnende Rezession in diesem Jahr schon einen deutlichen Effekt haben wird.“ Allerdings habe es eine Finanzkrise dieses Ausmaßes auch noch nie gegeben.

Größere Einbrüche könnte es auf mittlere Sicht allerdings bei den Firmenspenden geben, befürchtet Urselmann. „In den kommenden Wochen wird sich in einem Lackmustest zeigen, ob die Unternehmen auch in der Krise zu ihrer Corporate Responsibility stehen.“ Mit anderen Worten: Ob sie auch weiter Geld für Gutes spenden oder nur darüber reden.

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