Wirtschaft : Spiele im Sand

Die Freizeitsport-Branche ist klein. Geld verdienen kann man trotzdem. Ein Besuch auf dem vergessenen Markt

Christian Hönicke

Wenn die letzte Eiskugel aufgeleckt ist und die Sonne die Meerwassertropfen auf der Haut getrocknet hat, wird der Moment kommen. Jemand wird aufstehen und so einen seltsamen Ausdruck von Tatendrang in seinen Augen haben. „Lasst uns doch was spielen“, wird er sagen, und fast alle werden zustimmend nicken.

Das ist der Augenblick, auf den ein Wirtschaftszweig das ganze Jahr gewartet hat, den es eigentlich gar nicht gibt: die Sport- und Freizeitspielebranche. Sie wabert undefinierbar zwischen Spielwaren und Sportartikeln umher, hat keinen Verband, keine Marktführer, keine Lobby. In welchem Fachhandel man welches Produkt bekommt, ist oft Glückssache. Sie wollen Boule spielen? Auf ins Spielzeuggeschäft. Lust auf Federball? Könnte im Sporthandel erhältlich sein. Mal was Neues ausprobieren? Vielleicht werden Sie bei Tchibo, in Tankstellen oder im Internet fündig. Wohl kaum ein Markt ist so schlecht zu umreißen wie der der Freizeitspiele.

Kein Wunder. „Er besteht zum Großteil aus No-Name-Abfallprodukten von Sportartikelherstellern oder Kunststofffabrikanten“, erklärt man bei Sport-Thieme in Grasleben, einem der wenigen Händler, der auf der vagen Linie zwischen Spielzeug und Sportgeräten balanciert. Nicht viel häufiger finden sich Firmen, die sich auf die Herstellung von Freizeitspielen spezialisiert haben. Ein Beispiel ist die Firma Vic-Fun aus Elmshorn, die ganze Strandsets mit Fußbällen, kleinen Spielsets und Federballschlägern anbietet.

Die Branche, die es nicht gibt

Denn der Markt, obwohl er eigentlich gar nicht existiert, ist auch schon so gut wie ausgereizt. „Der Bereich Sport- und Freizeitspiele fällt in kaum einer Erhebung ins Gewicht“, sagt Peter Thürl vom Verband Deutscher Sportfachhandel (VDS). Die wenigen Analysen, die es gibt, gehen von einem jährlichen Marktvolumen zwischen 30 und 40 Millionen Euro in Deutschland aus. Das große Geld wird hier nicht gemacht.

Auch auf der soeben zu Ende gegangenen Ispo in München, der größten Freizeitmesse der Welt, musste man lange nach Innovationen auf dem Spielesektor suchen. Die Hersteller stürzen sich in der Regel auf Produkte im Lauf- und Fitnessbereich. Einzig Paddle-Tennis ist erwähnenswert, eine Kreuzung aus Squash und Tennis. In Südamerika spielt man das allerdings schon seit Jahrzehnten.

Die wenigen Neuentwicklungen wie Speedminton (eine schnelle, Effekt heischende Variante von Badminton) werden zwar als große Sensation angepriesen, landen aber meist so schnell wieder bei den Restposten, wie sie gekommen sind. „Der Lebenszyklus wird immer kürzer“, sagt Frank Klähr, Einkäufer bei der Spielwarenkette Vedes. „Die Leute kaufen etwas, und wenn sie davon genug haben, schmeißen sie es weg und wollen etwas Neues.“ Viele Produkte haben diese Trendjagd bisher in der Tat nicht überlebt. Wer nicht auf Kisten mit unausgegorenen Spielen sitzen bleiben will, setzt deshalb auf Klassiker wie Boule, Tischtennis oder Federball, die seit Jahrzehnten gut laufen.

Allerdings heißt das nicht, dass sich in diesem Sektor gar kein Geld verdienen lässt. Vedes etwa verzeichnet momentan im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 13 Prozent bei den Freizeitspielen, trotz der starken Konkurrenz durch Computer– und Videospiele. „Durch den tollen Frühsommer hat sich das Geschehen nach draußen verlagert“, sagt Klähr. Außerdem glaubt er, dass die Jugendlichen die in den vergangenen Jahren dominierenden Elektronikspielzeuge langsam satt haben.

Und wer genau hinschaut, erkennt zumindest bei den Kindersportspielen nachhaltige Veränderungen. Das Ziel der meisten neuen Spiele ist nicht mehr das Gewinnen, sondern einfach Spaß oder Aggressionsabbau. Der Belly-Bumper (ein Gummireifen, den man sich über die Hüfte zieht, um damit andere anzurempeln) fällt zum Beispiel in diese Kategorie der „New Games“. Sie sollen vermeiden helfen, dass Kindern durch ständiges Verlieren ihr Selbstvertrauen abhanden kommt.

Ein weiterer Trend: Es kommt nicht darauf an, was man spielt, sondern wo man es spielt. Das Präfix „Beach“ haucht selbst den ausgelutschtesten Sportarten wie Volleyball, Basketball oder gar Handball neues Leben ein. Jede Kreisstadt hat mittlerweile ihren eigenen Strand, im vergangenen Monat wurden allein nach Berlin mehrere Tausend Tonnen Sand für ein Volleyball-Turnier und den Bundespressestrand gekarrt.

Der Strand macht’s

Die Beach-Welle spült mit großem Erfolg alte Bekannte zurück ans Land. Sie kennen das Spiel mit dem Ball, den man auf tellergroße Scheiben wirft, an denen er kleben bleibt? Der Spieledino heißt jetzt Catch-Ball und ist angeblich der Renner der Saison. Wer kein altes Set mehr in einer verstaubten Kiste im Keller findet, kann sich ein neues schon für 5,99 Euro kaufen. Ob Catch-Ball diesen Sommer überleben wird, muss man sehen. Nur wenige Neuheiten können sich halten, vor allem dann, wenn man sie im weitesten Sinne als Sportarten bezeichnen kann. Disc-Golf etwa, ein Bastard aus Golf und Frisbee, erarbeitet sich langsam, aber stetig einen Fankreis. Der Hacky Sack, ein belastbares Stoffbeutelchen, wird schon seit Jahren jonglierenderweise per Fuß malträtiert. Und auch Tamburello wird immer wieder gern hervorgekramt, wenn sich jemand erhebt und seine Augen einen merkwürdigen Ausdruck voller Tatendrang haben.

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