Wirtschaft : Spielerisch reich

Der chinesische Basketballspieler Yao Ming wird „Held der Arbeit“ – er verdient Millionen in den USA

Edward Cody

Zwischen der Ära von Parteiführer Mao und dem modernen Sportstar Yao liegt eine gewaltige Entwicklung Chinas. Für viele Chinesen ist das noch lange kein Grund zur Freude. Nachdem die kommunistische Partei den in Amerika spielenden Basketballstar Yao Ming für den Titel „Held der Arbeit“ nominiert hatte, entbrannte die Kontroverse, was im China des Jahres 2005 unter einem guten Arbeiter zu verstehen ist.

Der 2,30 Meter große Yao Ming spielt für die Houston Rockets in der amerikanischen Basketball-Profiliga. Er wohnt in einem stattlichen Anwesen in Texas und verdient inzwischen Millionen. Gleichwohl haben ihn die Parteigewerkschaft und die Regierung auf die Liste der verdienten Arbeiter gehoben, die alle fünf Jahre bei den Staatsfeiern zum 1. Mai ausgezeichnet werden. Seit den revolutionären Tagen von Mao war Ehrung eigentlich anderen vorbehalten: Der Titel ging häufig an eifrige Arbeiter, die sich den Ruhm am Fließband verdienten, oder an Landschullehrer, die Lesen, Schreiben und sozialistische Gesinnung in abgelegene Dörfer brachten. Für viele Chinesen passt Yao daher nicht in die Tradition des chinesischen Vorzeige-Arbeiters.

Da hilft es auch nicht, dass er vor kurzem mit seiner Mutter ein chinesisches Restaurant in Houston eröffnet hat. Stärken am Basketballkorb vertragen sich schlecht mit den rühmlichen Eigenschaften der kommunistischen Arbeitshelden. Sie sind zum Beispiel kein Vergleich zu den Taten eines Wang Jinzi. Der hatte sich 1960 den Titel der Legende nach dadurch verdient, dass er in ein Fass mit frischem Zement sprang und dann furios Arme und Beine bewegte, weil seine Abteilung keine Betonmischer hatte. „Der einfache Arbeiter hat seinen Glanz verloren“, klagt Liu Jingqui, ein 45-jähriger Taxifahrer in Peking.

Das China, in dem Leute wie Wang einst bewundert wurden, hat sich nach den wirtschaftlichen Umwälzungen und dem Rekordwachstum der letzten zwei Jahrzehnte radikal gewandelt. Deng Xiaoping, der einstige Staatsführer, der die Reformen in Gang setzte, gab die Devise aus, dass persönlicher Reichtum ein rühmliches Ziel ist. Und die vom früheren Präsidenten Jiang Zemin eingeführte Parteidoktrin der „Drei Repräsentanten“ hieß nichts anderes, als dass der Klassenkampf vorbei ist und die Partei auf die reichen Kapitalisten zugehen soll.

Kaum etwas spiegelt diesen Wandel besser wider als die von Provinz- und Stadtbehörden eingereichten Listen der nominierten Arbeitshelden. Zum ersten Mal fanden sich unter denen auch wohlhabende Geschäftsleute und im Ausland arbeitende Chinesen. Da war es nur ein kleiner Schritt zu einem professionellen Basketballspieler. Nicht zuletzt wurde Yaos Nominierung vom Gewerkschaftsbund seiner Heimatstadt Shanghai vorangetrieben. In Chinas boomendem Wirtschaftszentrum sind das große Geld und zur Schau gestellter Reichtum schon lange den Idealen von Mao gewichen – selbst innerhalb der Gewerkschaften.

In einer offiziellen Erklärung zeigt sich der 24-jährige Yao zufrieden mit der Ehrung. Er erkennt aber auch, dass in einem Land mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet 773 Euro einige Menschen damit ein Problem haben. „Ich dachte immer, der Titel des vorbildlichen Arbeiters beschreibt die einfachen Arbeiter, die schwer arbeiten und denen es nicht auf das Geld ankommt“, wird Yao zitiert. „Dass jetzt auch besondere Wanderarbeiter wie ich die Ehrung erhalten können, zeigt die Entwicklung der Gesellschaft.“

Allerdings macht die Fülle der Kommentare, die derzeit auf den Straßen und den Internetseiten eingefangen werden, deutlich, wie schwer sich die Chinesen mit der Ehrung des Sportstars tun. Für viele ist Yao, der für seinen vierjährigen Profi-Vertrag fast 18 Millionen Dollar kassiert, kein Wanderarbeiter. Denn als solche gelten traditionell die Bauern, die millionenfach in die chinesischen Großstädte kommen, um für fünf Dollar am Tag auf Baustellen zu schuften. „Vorbildliche Arbeiter sollten ein gutes Beispiel sein, dem auch die einfachen Leute durch schwere Arbeit nacheifern können“, heißt es in einem Beitrag im populären Internetforum sohu.com.cn. „Jetzt verschwimmen die Kriterien für den vorbildlichen Arbeiter. Es sollte nicht zu einer Star-Parade werden.“ Der 47-jährige Zhao Yongcheng aus Peking hätte lieber, dass die Ehrungen an einfache Leute aus der Arbeiterklasse gehen, denen die jungen Chinesen nacheifern können. „Als Vorbild ist Yao viel zu weit vom Volk entfernt“, erklärt er. „Heutzutage wandern zu viele Auszeichnungen in die Taschen von berühmten Menschen.“ Auch in Shanghai halten Leute die Auszeichnung für fehl am Platz. „Mit der Ehrung von Yao sind sie etwas zu weit gegangen. Sein Bereich ist eher das Showgeschäft“, sagt Zhou Yang, Ausbildungs-Beraterin für eine Computerfirma.

Doch der gesamtchinesische Gewerkschaftsbund steht hinter der Entscheidung. Man betont, dass Yao nicht zu den 2111 Chinesen gehört, denen in diesem Jahr der Titel „Vorbildlicher Arbeiter“ verliehen wird, sondern dass er als einer der 845 „Helden der Arbeit“ geehrt wird. Dies müssen nicht immer Fabrik- oder Landarbeiter sein, obwohl viele Chinesen dieser Unterscheidung anscheinend nicht folgen können. „In den letzten Jahren hat er das Land in zwei olympischen Begegnungen vertreten und an Basketballspielen auf der ganzen Welt teilgenommen“, sagte Yin Weimin, der Vizechef des gewerkschaftlichen Organisationskomitees auf einer kürzlich durchgeführten Pressekonferenz. „Wir glauben, dass Yao alle Anforderungen für eine Nominierung erfüllt.“ „Alles Quatsch“, sagt Taxifahrer Liu. „Es kümmert mich nicht mehr, ob jemand nun Held der Arbeit oder Vorbildlicher Arbeiter ist. Diese Arbeiter sind ohnehin nicht mehr das, was sie mal waren.“

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