Spielzeug : Aufgeholt: Märklin soll bald wieder Gewinne machen

Das schwäbische Traditionsunternehmen ist wieder im Kommen. Die Umsätze steigen, aber noch sind die Kosten zu hoch. Jetzt macht der Eigentümer Druck.

Heike Jahberg
Märklin Diesellok
Fährt auch im Garten: Die US-Diesellok F7 von Märklin besteht aus zwei Teilen und ist einen Meter lang. -Foto: dpa

Berlin - Kleine Jungs wollen Lokführer werden. Vielleicht nicht mehr unbedingt bei der Deutschen Bahn, seitdem die Lokführergewerkschaft GDL aller Welt verkündet hat, was für ein mieser Job der vermeintliche Traumberuf in Wirklichkeit ist. Nein, dann schon eher so wie in Lummerland, wo Lukas der Lokomotivführer seine „Emma“ mit sicherer Hand über die Schienen lenkt.

Wer kein Lokführer ist, kann sich zumindest wie einer fühlen. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft bietet der Modelleisenbahnbauer Märklin einen ICE mit eingebauter Kamera und Cyberbrille an. Der Bahnfan sieht sein Wohnzimmer dann so, wie es sich vom Führerstand seines ICEs aus darstellt. Und wenn man will, kann man sich via Internet mit der weltweiten Märklin-Community verlinken. „Sie können in Australien oder in den USA fahren“, schwärmt Märklin-Sprecher Roland Gaugele. Knapp 900 Euro kostet der Spaß, der dem Käufer einen Blick in fremde Stuben ermöglichen und Märklin endlich aus den roten Zahlen herausbringen soll.

Das wird auch Zeit, meinen viele. Seit gut zwei Jahren gehört das schwäbische Traditionsunternehmen den Finanzinvestoren Kingsbridge und Goldman Sachs. Sie haben Europas größten Modelleisenbahnbauer – Jahresumsatz 2007: 126 Millionen Euro – übernommen, als er kurz vor der Pleite stand. Die Investoren zahlten die Familie des Firmengründers Theodor Friedrich Wilhelm Märklin, der 1859 mit der Fabrikation von Puppenküchen angefangen hatte, aus und begannen mit der Sanierung.

Der Standort Sonneberg in Thüringen wurde geschlossen, hunderte Jobs fielen weg. Aber die neuen Eigentümer investierten auch und gaben Geld für Zukäufe. Vor einem Jahr übernahm Märklin den Nürnberger Gartenbahnhersteller LGB. In diesem Jahr schoss der Londoner Investor Kingsbridge erneut mehr als fünf Millionen Euro nach. Doch obwohl der Umsatz steigt, wird Märklin wohl auch in diesem Jahr rote Zahlen schreiben.

Aber jetzt tritt der Investor auf die Kostenbremse. Er will 2009 in die Gewinnzone. Und das geht nur, wenn die Kosten sinken, vor allem die Ausgaben fürs Personal. Die liegen derzeit bei 50 Millionen Euro und sollen um fünf Millionen Euro gedrückt werden. Die Gespräche mit dem Betriebsrat laufen.

Kingsbridge meint es ernst. Im August verkündete Geschäftsführer Axel Dietz seinen Rücktritt. Aus „persönlichen Gründen“, wie er selbst sagt. Weil Kingsbridge zwar mit der Umsatz-, nicht aber mit der Kostenentwicklung zufrieden war, heißt es dagegen im Umfeld des Unternehmens. Zudem habe der Harley-Davidson-Fahrer nicht so recht zum schwäbisch-bescheidenen Göppingen und zur Tüftler-Firma Märklin gepasst. „Die Firma besteht nur aus Enthusiasten“, sagt ein Branchenanalyst, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, „und Dietz ist kein Bahnfreak“. Jetzt führen Thomas Bauer und Dietmar Mundil, die vorher mit Dietz zusammengearbeitet hatten, die Geschäfte ohne ihn weiter.

Andreas Köhle ist froh, dass Dietz weg ist. Der Berliner verkauft seit ewigen Zeiten Modelleisenbahnen, darunter auch Märklin. „Jetzt geht alles wieder seinen geregelten Gang“, sagt Köhle, der Geschäftsführer und Miteigentümer der Breyer Modellbahn GmbH ist. Die Ware werde wieder zuverlässig geliefert, die Technik sei besser geworden. Die Kunden, die lange unzufrieden gewesen seien, seien endlich wieder gut auf Märklin zu sprechen.

Das größte Problem sind aber die Kinder. „Das ideale Einstiegsalter für die Modelleisenbahn ist die Einschulung“, sagt Köhle. Aber heute kommen vor allem Erwachsene in die Läden, die ihre Sammlung ausbauen wollen. Das liegt zum einen am Preis: Rund 350 Euro muss man nämlich ausgeben, um eine vernünftige Märklin-Anlage mit Schienen, zwei Loks, Waggons und digitalem Dekoder anzuschaffen. Wer auf billigere Anbieter wie Piko aus Sonneberg ausweicht, kommt schon mit 200 Euro hin. Jetzt hat Märklin reagiert: Die Schwaben bieten für 99,95 Euro ein Starterset an, in dem ein historischer Zirkus, Schienen, eine kleine Lok und ein Steuerungsgerät enthalten sind.

Zweites Problem: Modelleisenbahnen sind altmodisch. „Ein historischer Zirkus, eine Modelllok, da werden die Zehnjährigen ihre Nintendos und Playstations sofort in den Müll werfen“, höhnt der Branchenanalyst. Die Eisenbahn sei gestrig, meint er, verstaubt und uncool. Und selbst die Vierzigjährigen hätten heute keine Lust mehr, sich im Keller einzusperren und Häuser zusammenzuleimen.

Die Umsatzzahlen sprechen aber eine andere Sprache. Im ersten Halbjahr kletterte der Märklin-Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 22 Prozent auf 47 Millionen Euro. Wie das Gesamtjahr ausfallen wird, hängt ganz wesentlich vom Weihnachtsgeschäft ab, und das läuft gerade. Ein leichtes Umsatzplus werde aber wohl erzielt werden können, heißt es bei Märklin. Auch Thomas Kohnen, Produktmanager für Eisenbahnen bei der großen Spielzeughandelskette „Idee+Spiel“, ist sicher: „Die Marke Märklin wird nicht untergehen“, sagt er.

Auch der Investor hält zu Märklin. „Märklin ist eine der besten Marken Deutschlands und hat beträchtliches Potenzial“, sagte Kingsbridge-Chef Matthias Hink dem Tagesspiegel am Sonntag. „Wir unterstützen das Unternehmen dabei, einen erfolgreichen Kurs einzuschlagen. Ein Verkauf ist nicht geplant.“ Auch kein Notverkauf. Kingsbridge, so heißt es, sei gut finanziert und leide anders als viele andere Finanzinvestoren nicht unter den Turbulenzen an den Finanzmärkten. Und vielleicht hat die Finanzkrise sogar ihr Gutes: „Viele Manager packen jetzt wieder ihre Eisenbahnen aus und denken an die guten Jahre“, sagt Märklin-Sprecher Gaugele. Und vielleicht schauen sie sich dann dazu auch noch die Augsburger Puppenkiste an.

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