Sponsoring : Schlechte Zeiten für gute Menschen

Konzerne kürzen ihre Sponsoren-Etats: Stiftungen und Sozialprojekte geraten in die Krise.

Kevin P. Hoffmann
Gellhorn
Frank Schneider und Bea Gellhorn von der Berliner Online-Galerie Insider Art, die behinderte Künstler vermittelt. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin - Unternehmerin Bea Gellhorn hat drei Mitarbeiter, aber kein Büro. Einmal die Woche trifft sie sich mit ihren Leuten irgendwo, wo es nett ist. Vergangenen Freitag war das im Restaurant Charly Cheese in der Bötzowstraße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Als Wein des Monats empfiehlt das Haus einen chilenischen Cabernet Sauvignon aus biologischem Anbau. Es gibt ein paar Ecken in Deutschland, wo so viele Menschen zugleich Wert auf gehobenen Stil und politische Korrektheit legen. Das Bötzowviertel ist so eine Ecke und das Cheese liegt mittendrin. „Außerdem ist es barrierefrei eingerichtet“, sagt Gellhorn.

Das ist Voraussetzung für jeden Treffpunkt, denn einer ihrer Mitarbeiter sitzt im Rollstuhl: Steffen Woischnik, ehemaliger Weltmeister und Olympiasieger, er holte Gold bei der Vier-mal-400-Meter- Staffel bei den Paralympics in Atlanta, Bronze in Sydney. Jetzt kümmert er sich um Daten- und Büromanagement bei der „Online-Galerie für Insider Art“. Diese betreibt das mittlerweile größte Forum für zeitgenössische Kunst von Künstlern mit Behinderung in Deutschland.

Das Unternehmen wuchs seit dem Start im Mai 2007 immer schneller, mittlerweile besuchen rund 80 000 Nutzer monatlich das eigene Internetforum kunst-kennt-keine-behinderung.de. Prominente wie Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) und der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, spendeten ihre freundliche Unterstützung; große Sponsoren der Industrie auch bares Geld – darunter Daimler, Arcandor und der Schraubenproduzent Würth. Gellhorns Team konnte sich bisher davon gut selbst finanzieren und Hunderten talentierter Menschen, die vorher nur wegen ihrer Behinderung keinen Zugang zum elitären Kulturzirkus fanden, ein Forum bieten, eine Perspektive. Doch dann kam die Finanzkrise...

Gellhorn spricht von einer „Schockstarre“. Sie spürt, wie Unternehmen ihre Budgets extrem kürzen, der gebeutelte Karstadt-Konzern Arcandor sprang ganz ab. „Uns trifft die Situation unerwartet und hart“, sagt sie. Ihr Team entschied sich in der Not dafür, nun offensiv an die Banken, also die Verursacher der Krise, heranzutreten mit Argumenten wie: „Gerade Sie als Experte wissen am besten, die Finanzkrise ist eine Vertrauenskrise. Rückzug aus gesellschaftlicher Verantwortung ist das falsche Zeichen. Sie müssen Stabilität und Verlässlichkeit signalisieren und dem Vertrauensverlust entgegenwirken.“ Bei einigen Bankern prallt sie mit der Masche ab, andere aber überzeugt sie damit gerade jetzt.

Viele Unternehmen beauftragen keine Agenturen, sondern betreiben eigene CSR-Abteilungen. Das steht für Corporate Social Responsibility, was man mit „unternehmerische soziale Verantwortung“ übersetzen könnte. Diese in sonnigen Zeiten für die Öffentlichkeitsarbeit wichtigen Abteilungen stecken in Krisenzeiten in einem Dilemma. Beispiel Deutsche Telekom: Der Konzern plante eine Ausstellung mit behinderten Künstlern. Aber ist eine Vernissage das richtige Signal in Zeiten, in denen man Standorte schließt? Aus der Ausstellung wurde eine abgespeckte Multimedia-Show.

Viele der ganz großen Firmen unterhalten gleich eigene Stiftungen, die direkt gesellschaftlich wichtige Aufgaben wahrnehmen (siehe Grafik). Die größte deutsche Stiftung privaten Rechts ist die Robert Bosch Stiftung, die ein Vermögen von rund 5,2 Milliarden Euro besitzt und damit jährlich Projekte im Wert von rund 70 Millionen Euro finanziert. Andere Stiftungen wie die von Hertie (investiert viel in klinische Hirnforschung) oder Körber (politische Bildung) sind heute berühmter als die Unternehmen und Unternehmer, die sie aufbauten. Doch die Krise schont auch wohltätig klingende Namen nicht: Die American Academy streicht in Berlin ihr Programm zusammen, auch die Zeit-Stiftung hat ihren Etat für das laufende Jahr um 15 Prozent kürzen müssen.

Stiftungen müssen gemäß fast aller Landesstiftungsgesetze ihr Vermögen erhalten. Das ist aber schwieriger denn je: „Wir rechnen damit, dass die Erträge aus Zinsen und Wertpapieren im Jahr 2009 um zehn Prozent zurückgehen werden“, sagte der Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, Hans Fleisch, vor wenigen Tagen. Doch diese Pflicht zur Vermögenswahrung bewahrt die Einrichtungen in Deutschland vor Zuständen wie in den USA, sagt er. Dort haben sich viele Stiftungen so stark verzockt, dass ihre Vermögen zuletzt um 20 Prozent und mehr schmolzen. Allein die Harvard-Universität machte aufgrund unsicherer Anlagen mehrere Milliarden Dollar Verlust.

Die Berliner Senatsverwaltung für Finanzen, die die gemeinnützigen Stiftungen der Hauptstadt überwacht und von der Steuer befreit, rät Stiftungen zur Vorsicht und Investitionen in Immobilien, festverzinsliche Wertpapiere oder Bundesschatzbriefe. Die gelten als seriöse Anlageformen. „Stiftungskapital in riskante Derivate zu stecken, können wir nicht empfehlen“, sagt Sprecher Clemens Teschendorf. Allerdings haben vor ein paar Jahren auch noch die Investitionen in Hedgefonds als seriös gegolten.

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