Wirtschaft : Springer-Finanzierung für ProSiebenSat 1-Übernahme steht

Vorstandschef Döpfner könnte Kirchs großen Traum vom „integrierten Medienkonzern“ realisieren / Das Angebot soll bei 1,5 Milliarden Euro liegen

Ulrike Simon

Berlin – Die Finanzierung einer mehrheitlichen Übernahme der ProSiebenSat 1 Media AG wäre für den Springer-Konzern kein Problem. Wie der Tagesspiegel aus Unternehmenskreisen erfuhr, hat Europas größtes Zeitungshaus die finanziellen Voraussetzungen bereits vor den Gesprächen in Los Angeles vom vergangenen Wochenende geklärt. Das Gebot soll bei 1,5 Milliarden Euro liegen. Vor rund einem Jahr hatte Springer 900 Millionen Euro für die Londoner Zeitung „Daily Telegraph“ geboten und die Finanzierung bereits auf die Beine gestellt. Springer zog aber zurück, nachdem die Kaufsumme auf 1,3 Milliarden Dollar stieg. „Für überteuerte Akquisitionen steht Springer nicht bereit,“ sagte Vorstandschef Mathias Döpfner im August zu Vorwürfen, wieder einmal schaffe Springer es nicht, ein „Global Player“ zu werden. „Ich habe keine Lust, mich in schlechte Deals reintreiben zu lassen.“

Nach dem gescheiterten Plan von Döpfners Vorgänger, die Londoner „Daily Mirror“-Gruppe zu übernehmen, startet Springer jetzt den dritten Versuch, auf einen Schlag näher an Branchenprimus Bertelsmann heranzureichen. Der weltweit operierende Gütersloher Konzern erwirtschaftet fast sieben Mal höhere Umsätze als die nur ansatzweise im Ausland aktive Axel Springer AG. Zwar verfügt Springer über nur geringe liquide Mittel. Die für 2004 zu erwartenden Gewinne haben die Kreditwürdigkeit des Verlags bei der Deutschen Bank aber sicher nicht gemindert. Hinzu kommt, dass Springer mittlerweile selbst knapp zehn Prozent seiner 34 Millionen Aktien hält; die Möglichkeit des Aktientauschs erleichtert Akquisitionen.

Zwei Wege sieht Döpfner, um Umsätze und Erlöse deutlich zu steigern: Entweder Europas größtes Zeitungshaus konzentriert sich weiterhin auf das Geschäft mit gedruckten Medien und versucht, durch Zukäufe im Ausland zu wachsen. Oder Springer versucht, Print und TV zu verknüpfen. Es stellt sich also die Frage, ob Springer seine Beteiligung von zwölf Prozent an ProSiebenSat 1 als strategische Chance nutzt oder wie ein Finanzinvestor irgendwann gewinnbringend abstößt. „Ganz oder gar nicht“, sagte Döpfner stets und lotet jetzt in Los Angeles die Möglichkeiten aus, es ganz zu machen.

Während der amerikanische ProSiebenSat1-Gesellschafter Haim Saban an seinem deutschen Engagement angeblich Gefallen findet, sind die Finanzinvestoren, die er mit ins Boot genommen hat, ausschließlich an Gewinnen interessiert. Seit Mai sinkt der Aktienwert. Derzeit würde ein Verkauf eine Rendite von etwa 100 Prozent bedeuten. „Bei so einer Gelegenheit liegt es auf der Hand, dass Springer prüft, seine Anteile auszubauen. Die Gespräche befinden sich allerdings in einer sehr frühen Phase. Im Sommer wird man klarer sehen“, heißt es in Verhandlungskreisen.

Neben Springers Anteil von zwölf Prozent der Stammaktien hält die Gesellschaft „German Media Partners“ die übrigen 88 Prozent an ProSiebenSat 1. An diesem Unternehmen sind Saban und Ehefrau Cheryl mit 24,9 Prozent beteiligt. Je 18,87 Prozent halten die Finanzinvestoren Hellman & Friedman, Bain sowie Thomas H. Lee/Putnam. Drei weitere Investoren halten zwischen 11,32 und 1,13 Prozent. Springer muss es gelingen, knapp die Hälfte der Anteile an den German Media Partners zu übernehmen. Damit hätte Springer das Sagen in der TV-Gruppe.

Wolf-Dieter Ring, Präsident der bayerischen Landesmedienanstalt, würde es begrüßen, wenn ein heimisches Medienunternehmen die Kontrolle bekäme, das sich „in der Tradition unseres Mediensystems verhält“. Es gebe allerdings weder einen Antrag noch konkrete Gespräche. Seit Monaten wird ein Treffen geplant, das nächste Woche stattfinden sollte, aber wohl verschoben wird. Daran teilnehmen sollten Ring, Döpfner und Hubertus Meyer-Burckhardt, zuletzt bei Springer und nun für Medienpolitik zuständiger Vorstand von ProSiebenSat 1. Formal sieht die KEK, die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, keine Hürden. „Wir orientieren uns bei der Prüfung an Zuschaueranteilen“, sagt Bernd Malzanini, Leiter der KEK-Geschäftsstelle. Im konkreten Fall dürfen die Zuschaueranteile 25 Prozent nicht überschreiten. Die Senderfamilie aus Pro 7, Sat 1, N 24, Kabel 1 und Anteilen an Neun Live erreicht nur gut 21 Prozent und liegt deutlich unter der RTL-Familie. „Da ist noch viel Luft“, sagt Malzanini.

Gelingt Springer der Coup, hätte Döpfner das erreicht, was Leo Kirch immer anstrebte: Der Filmhändler träumte in den 17 Jahren seines Aktionärsdaseins bei Springer von einem Medienkonzern mit den beiden Säulen TV und Print. Immer mehr Anteile, immer größeren Einfluss hatte Kirch bei Springer erlangt, bis ihn seine Schuldenberge erdrückten. Döpfner könnte nun die Kontrolle über das Herzstück des untergegangenen Kirch-Imperiums bekommen.

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