Wirtschaft : Springer holt TV-Personal nach Berlin ProSiebenSat1-Belegschaft fürchtet Stellenabbau

Nicole Huss

München - Der Standort Berlin wird von der geplanten Verschmelzung des Springer-Konzerns mit der Pro Sieben Sat 1 profitieren. Bei der Ankündigung der Übernahme vor gut zwei Wochen hatte Springer-Chef Mathias Döpfner zwar versichert, es gebe keine Pläne, Standorte zu verlegen. Er räumte aber ein, dass am künftigen Konzernsitz in Berlin eine zentrale Dienstleistungsabteilung geschaffen werden soll, in der Verwaltungs- und Finanzbereiche wie etwa Buchhaltung und Personalwesen gebündelt werden.

Beim größten deutschen Fernsehkonzern wächst deshalb die Sorge, dass es am bisherigen Konzernsitz in München zu größerem Personalabbau kommen könnte. „Ich glaube, dass die Übernahme die Position des Standorts München langfristig deutlich schwächen wird“, sagte ein Unternehmenskenner dem Tagesspiegel. Er wies darauf hin, dass es „bei Zusammenschlüssen von solchem Ausmaß in der Medienbranche immer tief greifende personelle Konsequenzen“ gegeben habe, um Synergien auszuschöpfen. Das sei bei der – später gescheiterten – Großfusion von AOL und Time Warner der Fall gewesen wie auch bei der Übernahme der Verlagsgruppe Milchstraße durch Burda.

ProSiebenSat1 hat seit dem Zusammenbruch des Kirch-Konzerns vor drei Jahren schon einen harten Sparkurs verkraftet. Derzeit beschäftigt der TV-Konzern insgesamt 2700 Mitarbeiter, davon rund 1700 in München. In Berlin sitzen bisher nur die Beschäftigten der Sender Sat1 und N24. Fest steht, dass nach der Verschmelzung auch der Vorstand von ProSiebenSat1 in die neue Konzernzentrale nach Berlin ziehen soll.

Kathlen Eggerling von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi sagte, im Detail lasse sich der mögliche Stellenabbau bei ProSieben Sat 1 noch nicht abschätzen. Solange die Genehmigung der Übernahme durch das Bundeskartellamt ausstehe, herrsche „großes Abwarten“. Eggerling erwartet, dass Springer vorrangig in der Konzernholding von Pro Sieben Sat 1 Personal abbauen wird. Dem Vernehmen nach hat Döpfner dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) persönlich garantiert, dass ProSieben Sat1 auch langfristig am Standort München bleiben wird.

Dass sich die Übernahme auch ohne Synergieeffekte rechnen wird, wie Döpfner beteuert, bezweifeln Medienexperten. In den vergangenen vier Jahren ist der TV-Werbemarkt netto um knapp 20 Prozent geschrumpft. Für das laufende Jahr rechnet Pro Sieben Sat 1 mit einem Rückgang von rund zwei Prozent, Konkurrent RTL sogar mit vier Prozent. Dank starker Einschaltquoten im Juni und Juli rechnen Analysten aber damit, dass sich ProSiebenSat1 im ersten Geschäftshalbjahr 2005 gut geschlagen hat. ProSiebenSat1 will seine Halbjahresbilanz am kommenden Freitag vorlegen.

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