Wirtschaft : Springer zieht sich aus dem Fernsehen zurück

Kurswechsel wegen Problemen beim Post-Konkurrenten Pin: Verlagshaus verkauft seine Beteiligung an Pro Sieben Sat 1

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die Schwierigkeiten beim privaten Briefzusteller Pin AG zwingen den Axel-Springer-Konzern zu einem strategischen Kurswechsel. Springer, Mehrheitseigentümer von Pin, kündigte am Dienstag den Verkauf seiner Beteiligung am Fernsehsender Pro Sieben Sat 1 an. Damit begräbt Springer offenbar notgedrungen seine einst ambitionierten Pläne im Fernsehgeschäft. 2005 war der Berliner Verlag bei dem Versuch, Pro Sieben Sat 1 komplett zu übernehmen, am Widerstand des Kartellamtes gescheitert.

Springer wies die Vermutung zurück, der Verkauf stehe im Zusammenhang mit den Pin-Problemen. „Das hat überhaupt nichts miteinander zu tun“, sagte eine Sprecherin. „Aus unserer Sicht sind Zeitpunkt und Konditionen gut gewählt.“

Das Paket von zwölf Prozent der Stamm- und Vorzugsaktien der Pro Sieben Sat 1 AG geht an die Mehrheitseigentümer des Senders, die Investoren KKR und Permira. Sie hatten vor einem Jahr dem US-Milliardär Haim Saban die Mehrheit an dem TV-Konzern für 3,1 Milliarden Euro abgekauft und zahlen nun 509 Millionen Euro an Springer – etwa so viel, wie der Verlag im Sommer für die Mehrheit an Pin bezahlt hatte. Der Gewinn von rund 450 Millionen Euro aus dem Aktienverkauf wird im Springer-Ergebnis erst 2008 zu Buche schlagen. Minderheitsgesellschafter bei Pin ist unter anderem der Holtzbrinck-Verlag, in dem auch der Tagesspiegel erscheint. Analysten bezeichneten den Verkauf zum jetzigen Zeitpunkt als unglücklich. Hätte sich Springer-Chef Mathias Döpfner vor einem halben Jahr dazu entschlossen, hätte er weit über 100 Millionen Euro zusätzlich einnehmen können. „Das ist doch ein Panikverkauf“, hieß es am Dienstag bei einem Springer-Konkurrenten.

Über die Zukunft der angeschlagenen Pin AG will Döpfner an diesem Freitag entscheiden, wenn der Bundestag voraussichtlich der Einführung eines Mindestlohns von 9,80 Euro pro Stunde für die Postbranche zustimmt. Eine Insolvenz des Unternehmens, das 2007 gut 50 Millionen Euro Verlust machen wird und 9000 Mitarbeiter beschäftigt, wird nicht ausgeschlossen. Die Entlassung von rund 880 Mitarbeitern wurde bereits bekannt gegeben. Pin-Chef Günter Thiel will im Falle eines Ausstiegs von Springer den Postdienstleister selbst kaufen. Berichten zufolge muss Springer bis zu 600 Millionen Euro abschreiben.

Mitte des Jahres hatte Döpfner das private Briefgeschäft noch als zusätzliche Säule des Konzerns bezeichnet. Anlässlich der Veröffentlichung der jüngsten Quartalszahlen hatte der Vorstandschef versichert, ein Mindestlohn für die Briefzustellerbranche gefährde vor allem kleine Post-Konkurrenten, nicht aber Pin, die Nummer zwei im Markt. Intern hatte Springer in einem Worst-Case-Szenario einen Mindestlohn von 9,80 Euro einkalkuliert. Mit dem Ausstieg aus dem Fernsehgeschäft und dem wahrscheinlichen Rückzug aus dem privaten Briefzustellermarkt setzt Döpfner eine Reihe missglückter Expansionsversuche fort. Zwar wirtschaftet Springer im Stammgeschäft mit Erfolg. Die von Döpfner betriebene Digitalisierung birgt aber Risiken. Das Internetgeschäft, in das 2007 rund eine Milliarde Euro investiert wird, ist kleinteilig. So wurden in Deutschland das Finanzportal Wallstreet-Online, der Onlinevermarkter Zanox oder das Stadtportal Hamburg.de gekauft, in Frankreich kam das Portal Au-Feminin hinzu. Die „Bild“-Zeitung, mit Abstand größter Gewinnbringer, leidet zudem unter Auflagenverlusten. Das Boulevardblatt wird nun im Netz neu aufgestellt. Dafür hat Springer von der Telekom die Anteile am bisher gemeinsamen „Bild“-Portal übernommen. Sein größtes neues Zeitungsprojekt – eine „Bild“ für Frankreich – musste der Printkonzern beenden. Dabei wurden etliche Millionen an Entwicklungskosten versenkt. mit HB, dpa

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