Wirtschaft : Staatsanwalt: Esser wollte Kasse machen

Im Fall Mannesmann werden sechs Ex-Vorstände und Aufsichtsräte angeklagt – auch der Chef der Deutschen Bank

-

Berlin (fo/jz). Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass der frühere Vorstandschef von Mannesmann, Klaus Esser, und dessen Aufsichtsratsvorsitzender Joachim Funk am Ende der Übernahmeschlacht nicht mehr gegen Vodafone gekämpft und sich statt dessen um ihre Prämien in Millionenhöhe gekümmert haben. Wie der leitende Oberstaatsanwalt Hans Reinhard Henke in Düsseldorf erklärte, hätten sich Esser und Funk damit über geltendes Recht hinweggesetzt. „Das Umschwenken von Widerstand zu Befürwortung der freundlichen Übernahme war mit Geldzahlungen verbunden", glaubt Henke.

„Das lässt sich umgangssprachlich durchaus unter den Begriff Käuflichkeit fassen“, sagte Henke. Strafrechtlich lautet der Vorwurf gegen Esser und Funk auf Untreue (siehe Lexikon) in einem besonders schweren Fall. Die Staatsanwaltschaft sieht neben Esser und Funk den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann, und IGMetall-Chef Klaus Zwickel als Mittäter, weil sie die rechtswidrigen Beschlüsse im Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten nicht verhindert hätten. Esser und Funk hätten sich ausweislich verschiedener Protokolle und Aktennotizen schon Tage vor dem Ende ihres Widerstandes intensiv um ihre eigene Absicherung gekümmert. Esser erhielt neben seinen vollen Bezügen aus dem laufenden Vertrag über 14 Millionen Euro noch einmal eine so genannte „Anerkennungsprämie“ von 16 Millionen Euro. Später ließ er sich sein erst wenige Tage vor dem Ende schriftlich von Funk gewährtes lebenslanges Recht auf Büro, Auto und Fahrer noch einmal mit vier Millionen Mark ausbezahlen.

Funk erhielt ebenfalls eine Prämie über sechs Millionen und zusätzlich eine Pensionsabfindung über 2,7 Millionen Euro. Die Staatsanwälte haben Schriftstücke gefunden, die beweisen sollen, dass Esser vor diesem Schritt aus juristischen Gründen warnte, seine Bedenken aber im Zusammenhang mit seiner eigenen Prämienzahlung zurückgestellt habe. Auch im Ausschuss für Vorstandsangelegenheiten hatte ein Wirtschaftsprüfer der KPMG gegen dieses Vorgehen protestiert, Ackermann und Zwickel sollen die Vorbehalte gekannt haben. Ackermann hatte den Wünschen von Esser und Funk zugestimmt, Zwickel hat sich später enthalten. Um den Beschluss zu verhindern, hätte er mit Nein stimmen müssen wie übrigens auch sein Gewerkschaftskollege Jürgen Ladberg, der ebenfalls angeklagt wird. Daneben wollen die Staatsanwälte noch den Vorstandssekretär Dietmar Droste wegen Beihilfe zur Untreue zur Verantwortung ziehen. Nur Zwickel und Esser äußerten sich am Dienstag und wiesen die Vorwürfe zurück.

Der britische Mobilfunkkonzern Vodafone hatte im Februar 2000 Mannesmann für rund 180 Milliarden Euro übernommen. In diesem Zusammenhang sollen unrechtmäßig Abfindungen und Sonderzahlungen von mehr als 100 Millionen Euro gezahlt worden sein. Den Gesamtschaden für Mannesmann beziffert die Staatsanwaltschaft zwischen 38,9 und 56,8 Millionen Euro.

Zu einem Verfahren kommt es, wenn das Landgericht Düsseldorf den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft folgt. Diese Entscheidung kann nach Angaben eines Gerichtssprechers mehrere Monate dauern. Nimmt das Gericht die Anklage an, dürfte es zu einem der größten Wirtschaftsprozesse in der Geschichte der Bundesrepublik kommen. Untreue kann in besonders schweren Fällen mit Freiheitsstrafen bis zu zehn Jahren bestraft werden. Die Ankläger haben 61 Zeugen benannt, darunter auch Wirtschaftsprüfer der für Mannesmann tätigen KPMG.

Essers Darstellung, durch die Anerkennungsprämien hätten seine Leistungen honoriert werden sollen, sehen die Ermittler ebenso widerlegt wie seine Behauptung, auf die Festsetzung und Auszahlung der Sonderzahlungen keinen Einfluss genommen zu haben. Der frühere Mannesmann-Chef hatte seine Sonderzahlung immer wieder mit der Steigerung des Börsenkurses gerechtfertigt. Nicht zuletzt durch die Übernahmeofferte Vodafones wuchs der Wert des Unternehmens um 100 Milliarden Euro. Esser wie Funk, meint die Staatsanwaltschaft, setzten sich „über die ihnen jeweils durch das Aktienrecht zugewiesenen unterschiedlichen Zuständigkeiten hinweg“.

Abgetrennt von diesem Verfahren sind Ermittlungen gegen zwei andere Vorstandsmitglieder, die nach Angaben der Ermittler noch nicht abgeschlossen sind. Hier geht es um Sonderzahlungen an weitere Führungskräfte des Konzerns in einem Volumen von 50 Millionen Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben