Staatshilfen : Quelle und die Zukunft

Der Staatskredit in Höhe von 50 Millionen Euro sichert das vorläufige Überleben des fränkischen Versandhauses – mehr aber nicht.

David C. Lerch

Düsseldorf - Mit einem staatlichen Kredit in Höhe von 50 Millionen Euro wird das insolvente Versandhaus Quelle am Leben erhalten – zumindest vorerst. Die rund 8000 Beschäftigten des Unternehmens reagierten am Dienstag mit großer Erleichterung auf die Entscheidung, die Vertreter der Bundesregierung sowie der Länder Bayern und Sachsen am späten Montagabend im Wirtschaftsministerium in Berlin getroffen hatten. Ihnen seien Felsen vom Herzen gefallen, sagte ein Betriebsrat. Doch was bedeutet die staatliche Stütze tatsächlich für das Traditionsunternehmen?

KEINE RETTUNG

Voreiligen Vollzugsmeldungen trat der Wirtschaftsminister bereits am Dienstagmorgen entgegen. „Quelle ist mitnichten gerettet“, sagte Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) im ZDF. Das Unternehmen habe lediglich eine Chance bekommen, die bis zum 31. Dezember dieses Jahres reicht. Dann muss der Kredit zurückgezahlt werden. Trotz der Hilfe sei es noch möglich, dass die Gesellschaft letztlich abgewickelt werde, sagte zu Guttenberg.

BEI QUELLE FLIESST WIEDER GELD

Der zugesagte Kredit dient als Sicherheit für die Valovis-Bank, um das so genannte Factoring-Verfahren mit Quelle wieder aufzunehmen. Die Bank wickelt alle Zahlungen für den Versandhändler ab. Das bedeutet, sie bezahlt Lieferanten von Quelle und sie leitet Zahlungen der Kunden an Quelle direkt weiter, auch wenn diese erst in Raten nach und nach eingehen. Nach der Insolvenz beendete Valovis die Zusammenarbeit und schnitt Quelle von allen Zahlungseingängen ab. Mit dem Staatskredit wird das Factoring wieder aufgenommen, wie eine Sprecherin der Bank bestätigte. Damit hat Quelle wieder Zugriff auf seine Konten. Auch das Geld für Waren, die bei Quelle seit Beginn der Insolvenz am 9. Juni bestellt wurden, zahlt Valovis unverzüglich aus.

Damit muss Quelle zunächst die ausstehenden Rechnungen zahlreicher Lieferanten begleichen, die mit der Aussicht auf staatliche Hilfe für das Versandhaus seit Wochen in Vorleistung gegangen sind. Wie viele Lieferanten das sind, ist nicht bekannt. Einer der wichtigsten von ihnen ist die Druckerei Prinovis, die mit dem Start des neuen Quelle-Katalogs vor mehr als einer Woche ein wirtschaftliches Risiko einging, wie der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg am Montagabend ausdrücklich lobte.

Wenn die Lieferanten bezahlt sind, wird sich der Görg um die Order neuer Waren kümmern, was er seit der Insolvenz nicht tun konnte.

BANKEN GEBEN ZUSÄTZLICHES GELD 

Der staatliche Kredit von insgesamt 50 Millionen Euro wird zur Hälfte vom Bund übernommen und von der KfW Bank bereitgestellt. Bayern, wo die meisten Quelle-Beschäftigten am Stammsitz in Fürth arbeiten, stellt 20,5 Millionen Euro zur Verfügung. Sachsen mit einem großen Versandzentrum in Leipzig beteiligt sich mit 4,5 Millionen Euro. Die EU-Kommission, die in solchen Fällen stets zustimmen muss, hat den Notkredit am Dienstagnachmittag genehmigt. Nun wird ein Kreditvertrag aufgesetzt, den Bund, Länder und der Insolvenzverwalter unterschreiben müssen. Danach werden die Zahlungen über die KfW, die bayerische Landesanstalt für Aufbaufinanzierung und die sächsische Aufbaubank angewiesen. Insolvenzverwalter Görg rechnet damit bis Ende der Woche, wie sein Sprecher versicherte.

Mit der Staatshilfe als Sicherheit erklärten sich zudem die Bayerische Landesbank, die Commerzbank und Valovis dazu bereit, zu gleichen Teilen einen Kredit über insgesamt 300 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Das erfuhr das „Handelsblatt“ aus Bankenkreisen.

Ob das Geld ausreicht, um das Geschäft bis Ende des Jahres zu erhalten und dann das Darlehen des Staates zu begleichen, ist offen. Insolvenzverwalter Görg geht davon aus, dass der nun bewilligte Kredit reicht, um die Lieferanten zu bezahlen und neue Waren für das künftige Geschäft zu bestellen. „Das wurde sorgfältig durchgerechnet“, sagte sein Sprecher. Andere bezweifeln das, besonders mit Blick auf das Weihnachtsgeschäft. Quelle muss im Herbst- und Winterhalbjahr gewöhnlich für rund 700 Millionen Euro Waren ordern.

MEHR SICHERHEIT

In den vergangenen Tagen hatte die Bundesregierung stets größere Sicherheiten für ihren Teil des Massekredits gefordert. Diesem Wunsch ist der Quelle-Mutterkonzern Arcandor offenbar nachgekommen. Am Dienstag versicherte Minister zu Guttenberg, das Darlehen werde auf alle Fälle wieder zurückgezahlt. Es sei gewährleistet, dass über den Staatskredit hinaus künftig auch weitere Mittel bei Quelle verfügbar wären, etwa aus dem Weihnachtsgeschäft. Damit stände dem Kredit letztlich eine Summe von rund 70 Millionen Euro gegenüber.

ZUKUNFT LIEGT IM INTERNET

Die Staatshilfe sichert Quelles kurzfristigen Fortbestand. Nun muss Insolvenzverwalter Görg prüfen, ob das Unternehmen auch eine langfristige Perspektive hat. Nach Aussage seines Sprechers will Görg bis zur Eröffnung des offiziellen Insolvenzverfahrens im September ein erstes Konzept erarbeitet haben. Das gleiche gilt auch für die Arcandor-Tochter Karstadt. Doch im Unterschied zu der Warenhauskette scheint es für Quelle bisher keinerlei Interessenten zu geben.

Quelle selbst hat mehrfach erklärt, wo es seine Perspektive sieht: im Internet. 2008 setzte Quelle dort mehr um als Otto und Neckermann, jedoch deutlich weniger als Ebay und Amazon. Der Konzern selbst glaubt wohl nicht mehr an die rund 1500 Quelle-Shops und auch nicht an den Katalog, dessen neue Ausgabe gerade mit Staatshilfe gedruckt wird.

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