Staatskredite : Empfänger unbekannt

Mit einem Staatskredit kann das Versandhaus Quelle seinen neuen Katalog drucken. Die Zukunft des Unternehmens bleibt allerdings weiterhin völlig offen.

David C. Lerch
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Düsseldorf - 82 Jahre Firmengeschichte standen auf dem Spiel, 8000 Arbeitsplätze und ein Symbol deutscher Konsumfreude. Nun stimmte ein Bürgschaftsausschuss von Bund und Länder Plänen zu, dem Versandhaus Quelle einen Kredit von 50 Millionen Euro zu gewähren – und sicherte ihm damit vorerst das Überleben. Seit Tagen ringen die Regierenden in München und Berlin um die Zukunft des fränkischen Versandhauses. Ein Traditionsunternehmen, das ohne staatliche Stütze nicht mal mehr die Basis seines Geschäfts stemmen kann: den Druck des neuen Versandkatalogs. Der sollte eigentlich schon Ende Juni erscheinen, mit neuen Herbst- und Winterangeboten. Am Wochenende erteilte der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg den Druckauftrag – nach ersten Anzeichen auf Hilfe aus der bayerischen Staatskanzlei. Ende der Woche will Quelle mit dem Versand des Katalogs beginnen.

Zu dem Massekredit über rund 50 Millionen Euro wird Bayern 21 Millionen Euro beisteuern, wie die Staatssekretärin im bayerischen Wirtschaftsministerium, Katja Hessel, am Mittwoch erklärte. Fünf Millionen kommen aus Sachsen, wo Quelle 1300 Mitarbeiter beschäftigt. Den restlichen Betrag wird der Bund aufbringen. Der Kredit könnte über die staatliche KfW-Bank finanziert werden. Allerdings hänge die Bewilligung des Kredits von einer Reihe von Bedingungen ab, hieß es. Dazu gehöre unter anderem die Zustimmung aus Brüssel. Über die genauen Modalitäten des Kredits verhandelte am Mittwochnachmittag nach Informationen des Tagesspiegels ein Gremium der Bundesregierung unter Führung von Walther Otremba, Staatssekretär des Bundeswirtschaftsministeriums.

Bereits am Dienstagabend hatte die Bundesregierung staatliche Hilfe in Form einer Bürgschaft aus dem Wirtschaftsfonds für durch die Finanzkrise angeschlagene Unternehmen abgelehnt. Das bestätigte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) am Mittwoch. Der zuständige Bürgschaftsausschuss von Bund und Ländern – unter Beteiligung auch eines Vertreters aus Bayern – habe sich einstimmig entschieden. Der Grund sei, dass bei Quelle eine Überschuldung vorliege, sagte Steinbrück. Aus Verhandlungskreisen hieß es, das Ausfallrisiko hätte quasi bei 100 Prozent gelegen, die Bürgschaft wäre sofort gezogen worden.

Vor wenigen Wochen hatte der Bürgschaftsausschuss bereits den Antrag des Quelle-Mutterkonzerns Arcandor abgelehnt. Arcandor und Quelle mussten daraufhin am 9. Juni Insolvenz anmelden.

Dass die Versandsparte schon kurz danach so dringend Geld brauchen würde, hat viele überrascht, auch den vorläufigen Insolvenzverwalter Görg, der sich nach eigener Aussage seit einer Woche quasi nur noch um Quelle kümmert.

Das hat mit der besonderen Finanzierungssituation des Arcandor-Sorgenkinds zu tun. Quelle bezahlt die Forderungen seiner Lieferanten und erhält das Geld seiner Kunden über die Essener Valovis Bank. Nach dem Insolvenzantrag stoppte die Bank die Zahlungen und kappte Quelle alle Einnahmen, wie Görg in der vergangenen Woche erklärte. Deshalb kann Quelle derzeit weder den neuen Katalog noch neue Waren selbst bezahlen. Die einzige Finanzierungsquelle ist versiegt. Damit Valovis wieder Geld überweist, fordert die Bank eine zusätzliche Sicherheit über 50 Millionen Euro, die nun offenbar in Form eines staatlichen Kredits bereitgestellt wird.

Mit dieser Zusage hat Quelle nach Angaben aus Unternehmenskreisen ausreichend Liquidität zur Verfügung, um das Geschäft trotz Insolvenz weiterzuführen. Doch wie lange das der Fall sein wird und in welcher Konstellation, ist unklar. Klaus Hubert Görg hat bereits mehrfach angekündigt, bis zur offiziellen Eröffnung des Insolvenzverfahrens keine Teile von Arcandor veräußern zu wollen. Diese Frist reicht noch bis Ende August. So lange werden auch die Löhne und Gehälter der Beschäftigten von der Bundesagentur für Arbeit getragen.

Was danach mit Arcandor passiert ist völlig offen, vor allem bei Quelle. Während sich für die Touristiktochter Thomas Cook und die Warenhäuser von Karstadt bereits mehrere mögliche Käufer gemeldet haben, scheint sich niemand für Quelle zu interessieren. Der konkurrierende Otto-Konzern hat bereits demonstrativ abgewunken.

Alleine wird es das Traditionshaus aber wohl kaum schaffen. Man braucht dringend einen finanzstarken Investor mit langem Atem, heißt es in der Branche. Besonders in Deutschland stagniert das Geschäft von Quelle. Der klassische Katalogversand bricht als Umsatzbringer immer stärker weg. Das konnte bislang durch Zuwächse im Online-Handel nicht ausgeglichen werden, auch wenn Quelle dort zuletzt deutlich zulegen konnte. Das geht aus einem Gutachten der Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers hervor. Der Konzern selbst hat bisher keine Zahlen für das seit Oktober 2008 laufende Geschäftsjahr vorgelegt.

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