Wirtschaft : Stabilität ist seine Mission

Jean-Claude Trichet wird Chef der Europäischen Zentralbank

Sabine Heimgärtner

Paris. Er gilt als geradezu versessener Anhänger der Stabilität. Den „Ayatollah des starken Franc“ nannten ihn die französichen Medien einmal. Nun soll der Franzose Jean- Claude Trichet über die Stabilität des Euro wachen. Am 1.November wird der langjährige Gouverneur der Bank von Frankreich das Präsidentenamt der Europäischen Zentralbank (EZB) übernehmen, als Nachfolger des Niederländers Wim Duisenberg.

Auf dieses Amt hat der 61-Jährige Trichet 30 Jahre lang hingearbeitet. Er ist einer, der sich gern als 100-prozentiger Europäer outet, auch auf die Gefahr hin, seine eigene Regierung zu brüskieren. Auf die Frage, was er von der aufmüpfigen Pariser Finanzpolitik im Zusammenhang mit dem Stabilitätspakt halte, antwortete Trichet humorvoll bei seiner Anhörung im Europaparlament, er sei kein Franzose. „Ich bin Chef der unabhängigen Bank von Frankreich und habe rein gar nichts mit der Finanzpolitik der französischen Regierung zu tun“, sagte Trichet den erstaunten Abgeordneten – und gab einen kleinen Ausblick auf seine künftige Tätigkeit in Frankfurt (Main): „Als Chef der EZB werde ich keine Nationen mehr kennen, sondern nur noch Europäer.“

Erst vor kurzem hat er diese Ankündigung unter Beweis gestellt. In beinahe rüdem Ton ging er Frankreichs Regierung an, die unter Premier Jean-Pierre Raffarin derzeit in der Euro-Zone die wenigsten Anstrengungen macht, die Maastricht-Kriterien einzuhalten. Trichet verteidigte ausdrücklich das Ziel einer Defizitgrenze von maximal drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts und kritisierte den deutsch-französischen Versuch, den Stabilitätspakt zu lockern. „Zwischen Stabilität und Wachstum gibt es keinen Widerspruch“, konterte Trichet. Vielmehr sei Stabilität eine wesentliche Voraussetzung für Wachstum. Die Vermutung, er könnte sich als oberster europäischer Währungshüter womöglich als Handlanger der Pariser Regierung erweisen, dürfte damit ausgeräumt sein.

Als langjähriger Spitzenbeamter im Dienste des französischen Staates – 1986/87 Chefberater von Finanzminister Edouard Balladur, seit 1993 zehn Jahre lang Gouverneur der französischen Zentralbank – ist Trichet mit allen Tücken der Bürokratie vertraut. Er agiert mit nahezu preußischer Diszplin, gilt als Teamarbeiter und nicht als Mann einsamer Entscheidungen. Er hat entscheidend an der Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung mitgewirkt, internationale Erfahrungen bei fast 50 Treffen der wichtigsten Industrienationen (G7) gesammelt und sich auch in eigener Sache immer wieder zäh und widerstandsfähig gezeigt: Erst im vergangenen Juni wurde er von einem Gericht im Bankenskandal um die staatliche Crédit Lyonnais freigesprochen. Damit wurde der Verdacht entkräftet, Trichet habe bei der Verschleierung von Millionenschulden des Geldinstituts zu Lasten des Steuerzahlers aktiv mitgearbeitet. Heute ist das im Jahr 2000 eröffnete, nervenzermürbende Gerichtsverfahren vergessen. Trichet kann jetzt nach vorne schauen, auf den krönenden Abschluss seiner Karriere. Acht Amtsjahre an der Spitze der EZB liegen vor ihm. In Zeiten der weltweiten Wirtschaftsschwäche und starker Wechselkursschwankungen erwartet ihn allerdings keine leichte Aufgabe.

Zu seinem künftigen Kurs wollte sich Trichet vor seinem Amtsantritt nicht äußern. Aber man weiß, dass er als erstes Ziel das Vertrauen der Unternehmen in den Euro stärken und inflationäre Tendenzen stoppen will. Seine Berufskollegen sind schon jetzt voll des Lobes. Für Daniel Bouton, Chef der französischen Großbank Société Générale, ist Trichet „einer der besten Zentralbanker der Welt“.

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