Wirtschaft : „Stachel im Fleisch der großen Energiekonzerne“

Ein Ehepaar verkauft Ökostrom – und erhält den Deutschen Gründerpreis

Philip Kuhn

Freiburg - Wie die Zentrale eines Energieunternehmens sehen die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) im Südschwarzwald nicht aus. An den Wänden des Flachbaus hängen Familienbilder und Kinderzeichnungen, im Büro der Geschäftsführerin Ursula Sladek steht ein runder Holztisch, an dem die Mitarbeiter gemeinsam zu Mittag essen. Die EWS verkaufen ihren Kunden zu 100 Prozent Ökostrom – zum Beispiel Energie aus Wasserkraftwerken oder Solaranlagen.

„Wir sind der Stachel im Fleisch der großen Energiekonzerne“, sagt Michael Sladek, der die Firma vor zehn Jahren mit seiner Frau gegründet hat. Vor einer Woche haben die Sladeks in Berlin dafür den von „Stern“, „ZDF“, „Porsche“ und Sparkassen initiierten und vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützten Deutschen Gründerpreis in der Kategorie „Sonderpreis“ gewonnen. Den Sonderpreis gibt es für Unternehmen, die auf besondere unternehmerische Herausforderungen kreativ reagiert haben.

Tatsächlich aber hatten die Sladeks nie vor, ein Unternehmen zu gründen. Auslöser für ihr zunächst nur politisches Engagement war der Reaktorunfall von Tschernobyl. Damals hätten sie das Gefühl gehabt, etwas gegen Atomenergie unternehmen zu müssen, erzählt Ursula Sladek. Zusammen mit Freunden gründeten sie in Schönau eine Bürgerinitiative, organisierten Stromsparwettbewerbe und verärgerten damit den lokalen Energielieferanten „Kraftübertragungswerke Rheinfelden“ (KWR). „Passen Sie auf, dass wir Sie nicht wegen Geschäftsschädigung verklagen“, drohte der Konzern damals. „So viel Arroganz gegenüber dem Dorf hat uns natürlich angestachelt“, sagt Ursula Sladek.

Als es darum ging, den Energieliefervertrag zwischen KWR und der Gemeinde zu verlängern, funkten die Sladeks und ihre Mitstreiter dazwischen. „Da haben wir beschlossen, ein Bürgerbegehren zu initiieren“, sagt Ursula Sladek. KWR verlor die Abstimmung, noch aber gehörten dem Konzern die Stromleitungen im Ort. Deshalb beschloss die Initiative, das Stromnetz zu kaufen. Weil KWR dafür die überhöhte Summe von 8,7 Millionen Mark forderte, startete die Bürgerinitiative eine bundesweite Spendenkampagne unter dem Motto „Ich bin ein Störfall“. Am 1. Juli 1997 endlich war es so weit: Das Stromnetz gehörte den Schönauern, das dazugehörige Energieunternehmen hatten die Sladeks inzwischen gegründet.

Heute gehört die Firma 650 Gesellschaftern aus ganz Deutschland. 31 Mitarbeiter erwirtschaften einen jährlichen Umsatz von fast 30 Millionen Euro. Seit Jahren schreibt EWS schwarze Zahlen. Manche Gesellschafter hätten ein paar Euro investiert, andere mehrere tausend, sagt Sladek. Für ihn ist das Unternehmen vor allem ein gesellschaftspolitisches Projekt. Dass diese unternehmerische Form des „dezentralen Widerstands“, wie er es formuliert, den Nerv der Zeit trifft, zeigen die vielen Anträge wechselwilliger Stromkunden. Unter dem Betreff „Zusammenhalt macht stark“ kündigt ein potenzieller Neukunde per E-Mail an, bald zu EWS zu wechseln. Zwei seiner Freunde würden folgen. Besonders aus Berlin habe es zuletzt viele Anträge gegeben, weil viele dort mit dem Stromversorger Vattenfall unzufrieden seien, sagt Sladek.

Noch hat EWS bundesweit nur etwa 50 000 Kunden. „Ein Tropfen auf dem heißen Stein“, räumt Sladek ein. Weniger als ein Prozent der Deutschen sind Kunde bei einem Energieversorger, der ausschließlich Ökostrom ins Netz speist. Ab etwa drei Prozent werde jedoch eine kritische Masse erreicht, wie eine Studie zeige. Dann würden auch die großen Stromkonzerne gezwungen, sich mit alternativen Energien auseinanderzusetzen.

Im 40 Kilometer entfernten Freiburg etwa sei das schon der Fall: Etwa fünf Prozent der Bürger dort beziehen „sauberen“ Strom. Das löse Nervosität beim lokalen Energieunternehmen „Badenova“ aus, sagt Sladek. Zwar biete auch Badenova Öko-Strom an. Dass die Kunden damit saubere Energiegewinnung förderten, sei allerdings ein Trugschluss: „50 Prozent der Erlöse von Badenova gehen an den Energiekonzern Eon. Und die liefern Strom aus Atomkraftwerken.“ Philip Kuhn

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