Stadtentwicklung : Straßen verkaufen

Im Wettbewerb „Mittendrin Berlin“ machen sich Händler gemeinsam stark – für den Kiez und neue Kunden.

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Sie sind Fahrrad-Fans. Schlüsseldienst-Chef Michael Fagel, Buchhändlerin Manuela Molnos, Modehändlerin Anna Schneider und die Augenoptikerin Anett Hoffmann-Theinert (von links) sind die treibenden Kräfte der Gewerbegemeinschaft Halensee, die einen Radverleih und weitere Aktionen plant. Noch führt der westliche Ku’damm eher ein Schattendasein. Foto: Thilo Rückeis
Sie sind Fahrrad-Fans. Schlüsseldienst-Chef Michael Fagel, Buchhändlerin Manuela Molnos, Modehändlerin Anna Schneider und die...Foto: Thilo Rückeis

Ein Fahrradverleih-System, Drachenbootrennen und Chorgesänge als Zugabe zum Shopping – die drei Gewinner im diesjährigen Wettbewerb „Mittendrin Berlin!“ haben sich einiges einfallen lassen, um ihre Einkaufsstraßen mit Kundschaft zu füllen. Ab Mai werden die Gewerbetreibenden in Halensee, rund um den Charlottenburger Mierendorffplatz und in der Schöneberger Crellestraße ihre Projekte umsetzen. Doch die Aktionen sollen keine Strohfeuer sein, sondern zur nachhaltigen Aufwertung führen. Geschäftsleute brächten immer wieder den besonderen Charakter ihrer Kieze „auf den Punkt“, sagt Vize-Hauptgeschäftsführer Christian Wiesenhütter von der IHK Berlin, die den Wettbewerb seit 2005 mit der Stadtentwicklungsverwaltung ausrichtet. Außerdem sei es gelungen, „neue Netzwerke zu schaffen und bestehende Kooperationen auszuweiten und zu festigen“.

Der Wettbewerb „bewegt sogar dort etwas, wo es keine Preisträger gibt“, urteilt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, Nils Busch-Petersen. Ein Beispiel sei die Licht- und Kunstinstallation „Pankower Traumboulevard“ in der Berliner Straße. Die Anlieger setzen ihre Idee um, obwohl sie 2009 nicht prämiert worden war.

Dem wenig frequentierten westlichen Teil des Kurfürstendamms und der Umgebung mit der Joachim-Friedrich- und der Westfälischen Straße widmet sich seit 2007 die Gewerbegemeinschaft Halensee. Jetzt gewannen die 60 Mitglieder mit dem Projekt „Erfahre Halensee“: Für Touren durch das „Quartier der Spezialisten“, wie die Händler ihre mittelständisch geprägte Gegend nennen, werden 41 Fahrräder gegen eine geringe Gebühr verliehen. Die Idee sei entstanden, weil „viele Kunden schon mit dem Rad kommen“ und einige Händler Zweirad-Fans seien, sagt Anett Hoffmann-Theinert vom Augenoptikergeschäft „Bellavista“ .

Zum Auftakt am 14. Mai auf dem Henriettenplatz wird es auch einen „Fahrradcheck“ und eine „Rätselrallye“ durch den Kiez geben. Mitte Juni folgt ein Fahrrad-Freiluftkino auf dem nach dem Filmhistoriker Siegfried Kracauer benannten Kracauerplatz. Außerdem ist ein Filmwettbewerb geplant, bei dem spontan Videos in Halensee gedreht werden. Und Anfang September gibt es ein Fahrradfest mit einem Dichterwettstreit („Poetry Slam“). Vorab wird das Programm am 11. April ab 19.30 Uhr in der Schaubühne am Lehniner Platz vorgestellt.

Schon jetzt denkt die Gewerbegemeinschaft über weitere Aktionen nach, um die Anlieger „im Boot zu halten“. Bei der Kundschaft zielt man vor allem auf Halenseer ab. Dass plötzlich viel mehr Touristen den Kiez entdecken, glaubt Anett Hoffmann-Theinert nicht. Dennoch habe dieser „viel Potenzial“. Es gebe gute Verkehrsverbindungen, und der am Güterbahnhof Halensee geplante große Bauhaus-Baumarkt werde viele Neukunden auf die Gegend aufmerksam machen.

Der 2009 gegründete Unternehmerstammtisch Mierendorffkiez feiert den 200. Geburtstag der deutschen Kaiserin Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, weil die Kaiserin-Augusta-Allee durch das Quartier führt. Da es von Wasser umgeben ist, gibt es am 22. Mai Dampferfahrten. Am 25. Juni folgt ein Drachenbootrennen mit zehn Teams – darunter Vertreter aller BVV-Fraktionen. Ausnahmsweise säßen die Politiker mal in einem Boot, scherzt Koordinator Frank Baumann vom „Büro Blau“. Geplant sind auch ein Trödelmarkt im August und eine „Geburtstagstafel“. Am 30. September werden Teile der Allee für Autos gesperrt, dafür gibt es dort Gastronomie und ein Kulturprogramm.

Die Umgebung des Mierendorffplatzes ist vor allem ein Nahversorgungszentrum. Als Problem nennt Baumann „hohe bis überzogene Mietforderungen“ der Vermieter. Daran kann ein Wettbewerb nichts ändern. Die Teilnahme habe aber „die Identifikation der Unternehmer mit ihrem Kiez gestärkt“, sagt Baumann. Er lobt auch die Wirtschaftsförderung in der City West, die Vertreter von Einkaufsstraßen seit Jahren zu Treffen einlädt.

Auf Musik setzt das Schöneberger Netzwerk „Crelle-Kiez.de“: Am 14. Mai gibt es ein Chorfest in der Crellestraße, zudem läuft ein Komponistenwettbewerb. Im Juli soll Chormusik aus 30 Lautsprechern erklingen – als „Gegenentwurf zur üblichen Beschallung in Kaufhäusern“, wie die Gastronomin Karin Strahmann sagt. Da es an Laufkundschaft mangele, sei das Projekt über die Wettbewerbsphase hinaus „auf drei Jahre ausgelegt“. Nur von Mai bis Anfang Juli läuft eine Rabattaktion: Zu bestimmten Zeiten erhalten Kunden, die ihre Wünsche singend vortragen, in den Läden einen Preisnachlass.

Die Nachhaltigkeit hängt von verschiedenen Faktoren ab. Vor und nach der „Fashiontour 2009“ in Friedrichshain sei es kaum gelungen, die „Mode- und Designszene unter einen Hut zu bekommen“, sagt Carola Schneider vom Unternehmerverein Friedrichshain-Kreuzberg, der damals unter den Preisträgern war. Kreative agierten „naturgemäß“ individuell. Oft fehle es den Kleinbetrieben auch an „Zeit, Kraft und Geld“. Immerhin habe man das wenig bekannte Modequartier um den Boxhagener Platz „in den Mittelpunkt gerückt“, sagt Schneider. Sie glaubt, dass Berliner weiterhin den 2009 verteilten „Fashionguide“ zur Hand nehmen.

Große Unterschiede je nach Standort sieht Gregor Langenbrinck von der Agentur „Urbanizers“. Diese unterstützt die Halenseer Anrainer und war 2009 am Siegerprojekt in der Wilmersdorfer Straße beteiligt. Daraus ging ein bis heute bestehendes „Kinderparadies“ in den Wilmersdorfer Arcaden hervor. Die Filialbetriebe in der Fußgängerzone hätten sich aber wenig engagiert, da sie „keine Entscheidungsfreiheit“ und nur selten individuelle Budgets hätten, sagt Langenbrinck. In Gegenden wie Halensee mit einem hohen Anteil inhabergeführter Geschäfte sei die Beteiligung viel höher.

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