Wirtschaft : Stagnation in Japan: Konsumschwäche und hohe Schulden zögern den Aufschwung hinaus

Bernd Frank

An der Tokioter Börse werden die Nerven der Anleger nicht geschont. Rechtzeitig vor dem Absturz unter die 16 000-Punkte-Marke hat der Nikkei-Index zwar in dieser Woche noch einmal die Kurve gekriegt. Der 225 Werte umfassende Index schloss die Woche mit 16 800 Punkten, nachdem er in der Vorwoche mit knapp über 16 000 Punkten auf den tiefsten Stand seit einem Jahr gesunken war. Ob dies aber die Trendwende war, darf bezweifelt werden. Durch den Absturz von einem Niveau über 20 000 Zählern binnen weniger Wochen ging ein großer Teil der seit Anfang 1999 mühsam errungenen Kursgewinne wieder verloren. Hauptgrund war natürlich das weltweit schwache Börsenumfeld; die Tokioter Börse reagierte ebenso wie die europäischen Märkte auf schlechte Vorgaben von der New Yorker Wall Street. Es sind aber auch weiterhin hausgemachte Probleme, mit denen sich Japans Wirtschafts- und Finanzwelt herumschlagen muss und die einem dauerhaften Kursaufschwung entgegenstehen. Vor allem drei Schwachpunkte stehen im Vordergrund: Die schwache Konsumkonjunktur, die hohe Verschuldung des Staates und vieler Unternehmen sowie die in Teilen der "Old Economy" nur zögerlichen Anstrengungen zur Umstrukturierung.

"Die Hoffnungen auf einen selbst tragenden Aufschwung werden immer nur enttäuscht. Es gibt keine wirklich guten Indizien für einen Aufschwung", sagt Rainer Schröder, Volkswirt bei der Fondsgesellschaft Invesco. Industrieproduktion und Auftragseingang steigen zwar - im März wurde ein Plus von 4,5 beziehungsweise sechs Prozent verzeichnet -, die Zuwachsrate war aber bereits wieder rückläufig. Wobei das Vergleichsniveau des Vorjahres durch die Auswirkungen der Asienkrise ohnehin sehr niedrig war. Beim Konsum sieht es ganz traurig aus: Der Einzelhandelsumsatz sinkt nach wie vor, im März lag er um 3,4 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Eine Ursache dafür ist die steigende Arbeitslosigkeit, 4,9 Prozent ist in Japan eine sehr hohe Quote. "Wohin das Auge blickt, nur enttäuschende Meldungen", sagt Schröder.

Die Wachstumsprognose japanischer Volkswirte für das Kalenderjahr 2000 in Höhe von 1,1 Prozent ist nicht gerade berauschend. Für das abgelaufene Fiskaljahr zum 31. März 2000 hat die Regierung bereits angekündigt, die Statistik für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach unten zu revidieren. Das bescheidene Wachstumsziel von 0,6 Prozent wurde vermutlich noch nicht einmal erreicht. Eine Belastung ist auch der starke Yen, der die Exportwirtschaft trifft. So hat der im abgelaufenen Geschäftsjahr um 60 Prozent gesunkene Gewinn beim exportabhängigen Autokonzern Mazda kürzlich zum Rücktritt des Finanzchefs geführt.

Mit einer Konjunkturbesserung im zweiten Halbjahr rechnen die Volkswirte vom Deutsche Bank Research - auch vor dem Hintergrund des positiven weltwirtschaftlichen Umfelds. Die Experten der BHF-Bank sehen erste positive Anzeichen für eine Belebung der Unternehmensinvestitionen. Sie haben zwar den Eindruck eines sich fortsetzenden Konjunkturaufschwungs, angesichts der hohen Arbeitslosenquote "ist mit einer positiven Entwicklung der Konsumnachfrage allerdings noch nicht zu rechnen".

Die Beobachter der Deutschen Bank verweisen in einer aktuellen Studie auf die hohen staatlichen Finanzierungsdefizite. Die Regierungsprogramme zur Konjunkturstimulierung in den vergangenen Jahren waren kostspielig. Für das Fiskaljahr 2000 rechnet Deutsche Bank Research mit einem Haushaltsdefizit von fast acht Prozent des BIP. Die Staatsverschuldung insgesamt werde voraussichtlich 120 Prozent des BIP übersteigen. Der Staatshaushalt ist damit einer erheblichen Gefahr von der Zinsseite ausgesetzt. Die seit langem herrschende Niedrigzinspolitik hat die öffentliche und private Verschuldung angeheizt. So wäre selbst eine stärker anziehende Konjunktur mit einem Risiko verbunden. Zusammen mit dem staatlichen Finanzierungsbedarf könnte sie für steigende Zinsen sorgen, was Probleme sowohl für den durch Zinszahlungen belasteten Staatshaushalt als auch für hoch verschuldete Unternehmen mit sich brächte. Die Notenbank steht vor dem Dilemma, eine neue Kreditexpansion mit Zinserhöhungen bremsen zu müssen, ohne den ersehnten Konjunkturaufschwung abzuwürgen. Für Invesco-Volkswirt Schröder ein "Kunstwerk der Geldpolitik, das kaum gelingen kann".

All dies sorgt offenbar für Zurückhaltung von Anlegern am japanischen Aktienmarkt. Zudem stehen am 25. Juni Unterhauswahlen bevor. Ministerpräsident Yoshiro Mori hat am Freitag das Unterhaus aufgelöst und wie erwartet Neuwahlen ausgerufen. Aber auch danach wird die Unsicherheit bleiben. Jüngst wurden die Märkte vom Zusammenbruch des Versicherers Daihyaku überrascht, die japanische Finanzaufsicht hatte das Unternehmen geschlossen. Für Verunsicherung sorgte jüngst auch der Verdacht, die Regierung habe Wachstumszahlen geschönt. Finanzminister Kiichi Miyazawa stritt aber ab, dass die Regierung Druck auf die für Statistik zuständige Wirtschaftsplanungsbehörde EPA ausgeübt habe, um bestimmte Daten wegzulassen und so das BIP-Ergebnis zu beschönigen.

Die BHF-Bank verweist in ihrer Studie auf die mangelnde Entschlossenheit vieler alt eingesessener Unternehmen zur Umstrukturierung. Schröder von Invesco zufolge passen sich kleine Firmen schneller den Veränderungen an als große. Lange Zeit stabile Lieferbeziehungen würden aufgebrochen, der Preiswettbewerb werde härter, Unternehmen seien zunehmend auf mehr innovative Produkte und die Senkung von Kosten angewiesen.

Hoffnungsschimmer für Anleger an der japanischen Börse sind frei werdende Sparbeträge. Während der Hochzinsphase Anfang der 90er Jahre wurden, so die BHF-Bank, "sehr hohe Beträge bei der öffentlichen Postsparkasse langfristig angelegt. In den nächsten zwei Jahren werden davon schrittweise 106 Billionen Yen (rund 2,1 Billionen Mark) frei." Bei der Wiederanlage dürften die Anleger angesichts der niedrigen Renditen bei Festverzinslichen nach Alternativen Ausschau halten und einen Teil davon auch am Aktienmarkt investieren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar