Wirtschaft : Stammzell-Entscheidung: Menschliche Stammzellen vor Gericht

Sandra Louven

Die Arbeit mit Stammzellen gilt in den USA als gewinnträchtiger Forschungszweig. Sollte die Forschung tatsächlich die Hoffnungen erfüllen, die heute in sie gesetzt werden, so dürfte das Potential in der Tat gewaltig sein.

Stammzellenforscher wollen Gewebe und sogar ganze Organe zur Transplantation züchten - und damit Krankheiten wie Diabetes, Parkinson, Alzheimer oder Herzkrankheiten besiegen. Die University of California in San Francisco hat errechnet, dass alleine im Bundesstaat Kalifornien die Kosten für die Behandlung von Alzheimerkranken von derzeit 22,4 Milliarden Dollar jährlich bis 2040 auf 68,1 Milliarden Dollar pro Jahr steigen werden.

Der Markt für mögliche Produkte rund um die menschliche Stammzelle ist schon jetzt heiß umstritten - obwohl bislang unklar ist, wann und ob überhaupt Erfolge erzielt werden können. So musste das kalifornische Unternehmen Geron, das weltweit zu den größten privaten Forschungseinrichtungen im Bereich Stammzellen gehört - es besitzt auch das Patent auf das Klonschaf Dolly - Anfang diesen Jahres auf einige Patentrechte verzichten. Die Patentagentur der University of Wisconsin in Madison hatte im August vergangenen Jahres gegen die Kalifornier geklagt. Geron-Chef Thomas Okarma ließ sich auf einen außergerichtlichen Vergleich ein.

Hintergrund der Klage war ein Streit um die Nutzungsrechte von embryonalen Stammzellen, die die University of Wisconsin mit der finanziellen Unterstützung von Geron hergestellt hatte. Dem Wissenschaftler James Thomson, der für die Universität arbeitet, war es 1998 erstmals gelungen, embryonale Stammzellen im Labor zu vermehren. Geron hatte das Unternehmen finanziert - und kassierte im Gegenzug die Exklusivrechte, um weitere Zelllinien zu entwickeln und kommerziell zu verwerten.

Damit war die Alumni Research Foundation (WARF), die Patentagentur der Universität von Wisconsin, im August vergangenen Jahres jedoch nicht mehr einverstanden. Kurz zuvor hatte der amerikanische Präsident George W. Bush die staatliche Förderung bestimmter embryonaler Stammzellen gebilligt und damit der Branche neuen Rückenwind verliehen. WARF wollte nun die Stammzellen der Universität von Wisconsin möglichst vielen Forschern anbieten, um das Finanzpolster der Uni aufzubessern. Anstatt satter Gewinne hat ihr Forschungserfolg der Hochschule nämlich bislang nur 1,5 Millionen Dollar Schulden eingebracht.

Zudem entstand politischer Druck auf Geron, weil nach Bushs Entscheidung sowohl die National Institutes of Health (NIH), eine nationale Forschungseinrichtung, als auch akademische Institute befürchteten, Geron behindere mit seinen Exklusivrechten den Fortschritt der Forschung. Anfang dieses Jahres einigten sich Geron und WARF schließlich außergerichtlich darauf, dass die Kalifrnier Teile ihrer Exklusivrechte abgeben. Geron hat seitdem nur noch die Hoheit über Herz-, Nerven und Bauchspeicheldüsenzellen.

Die Universität von Wisconsin will von den Verkäufen aller weiteren Stammzellen profitieren. 5000 Dollar bezahlen Interessenten für eine Zelllinie und unterschreiben zudem einen umfassenden Lizenzvertrag, bei dem die WARF die Rechte für die kommerzielle Verwertung von Produkten oder Verfahren behält, die aus der Arbeit an den Stammzellen resultieren.

George W. Bush hatte im vergangenen August die staatliche Förderung der Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt, die bereits als Abfallprodukte aus künstlichen Befruchtungen gewonnen worden waren. Zuvor hatten die NIH 60 solcher Stammzellenlinien in diversen Kliniken weltweit ausgemacht. Private Institute können nach US-Recht zwar zusätzliche Zelllinien entwickeln - diese dürfen jedoch nicht staatlich gefördert werden. Therapeutisches Klonen ist in den Vereinigten Staaten dagegen verboten.

In den USA sind derzeit knapp 1300 Biotechnologie-Unternehmen registriert - gegenüber fast 1600 Firmen in Europa auf den ersten Blick keine allzu beeindruckende Zahl. Allerdings sind die USA mit 162 000 Mitarbeitern in der Branche mehr als doppelt so gut besetzt wie die Europäer. In den NIH arbeiten zudem viele der weltweit angesehensten Wissenschaftler. Die US-Regierung will jährlich 250 Millionen Dollar für die Forschung an den 60 ausgemachten Stammzellenlinien ausgeben.

Wie viel Geld bereits in die private Forschung geflossen ist, lässt sich nicht klären. Die Marktkapitalisierung von Geron etwa liegt zurzeit bei 203 Millionen Dollar. In der Presse kursieren Aussagen nicht näher benannter Experten, die für den Markt mit embryonalen Stammzellen weltweite Umsätze zwischen sechs und 14 Milliarden Dollar jährlich prognostizieren. Analysten hüten sich jedoch, Schätzungen zum Marktpotential von Stammzell-Produkten abzugeben. "Die meisten Unternehmen befinden sich in ihrer Forschung wirklich noch in einem sehr frühen Stadium" sagt Annabel Samimy von der Investmentbank UBS Paine Webber in New York. "Es ist noch zu früh, etwas über ihre Ertragsaussichten zu sagen."

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