Wirtschaft : Stammzellforschung: Im Grenzbereich

Maren Peters

Es noch nicht lange her, da flog Christopher Reeve als "Superman" über die Kinoleinwände, um die Welt vor dem Bösen zu retten. Das geht heute nicht mehr: Seit einem Reitunfall vor sechs Jahren ist der US-Schauspieler gelähmt. Seinen Kampf gegen das Böse setzt der 48-Jährige trotzdem fort, im Rollstuhl. Doch der Gegner ist mächtiger als jemals zuvor: Reeve kämpft gegen seine eigene Behinderung, die er mit Hilfe der ethisch höchst umstrittenen menschlichen embryonalen Stammzellforschung zu besiegen hofft.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik "Diese Zellen haben das Potenzial, Krankheiten wie Parkinson und Multiple Sklerose, Diabetes und Herzmuskelkrankheiten, Alzheimer und vielleicht sogar Querschnittslähmungen zu heilen", ließ der US-Schauspieler unlängst in einem Statement vor dem amerikanischen Kongress verlesen. Reeve will erreichen, dass der Staat die embryonalen Stammzellforschung finanziell fördert - und damit die Entwicklung neuer Medikamente und Therapien stärker vorantreibt als bisher.

Doch der Schauspieler und mit ihm die gesamte Stammzell-Lobby schürt Hoffnungen, von deren Erfüllung die Pharmaindustrie noch viele Jahre und viele Milliarden Mark entfernt ist. "Bis die ersten Produkte marktreif sind, könnten bis zu 15 Jahren vergehen", sagt Michael Steiner, Pharma-Experte der Unternehmensberatung Boston Consulting. Wenn überhaupt etwas herauskommt - denn wirtschaftlich spielt die Stammzellforschung noch keine Rolle.

"Die Stammzellforschung macht heute vielleicht ein bis zwei Prozent der gesamten medizinischen Biotechnologie aus" sagt Steiner. Um so ärgerlicher, dass die Pharmaindustrie jetzt befürchten muss, dass durch die heftige Debatte um die Forschung an embryonalen Stammzellen auch die etablierte Biotechnologie in Frage gestellt werden könnte, die bereits Milliarden-Umsätze abwirft und glänzende Zukunftsperspektiven verspricht. Doch das eine hat mit dem anderen wenig gemein. "In der öffentlichen Wahrnehmung werden beide Dinge zusammengebracht", sagt ein Aventis-Pharma-Sprecher, "aber die Stammzellforschung hat mit der Biotechnologie nichts zu tun."

Auch Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller, beeilte sich, darauf hinzuweisen, dass die ethischen Fragen nicht mit dem "bewährten Einsatz der Biotechnologie für die Erforschung und Entwicklung innovativer Arzneimittel" in einen Zusammenhang gestellt werden dürften. Auch Bayer, Boehringer Ingelheim und Aventis-Pharma betonen, dass sie nicht mit embryonalen humanen Stammzellen forschen. Sie warten das Votum des Nationalen Ethikrates ab, der bis Ende des Jahres eine Entscheidung treffen will, und halten sich derweil alle Optionen offen: "In dem Moment, wo wir es brauchen, werden wir abwägen", sagt der Aventis-Pharma-Sprecher.

Das Thema ist heikel: Mit der Biotechnologie, die vor allem mit Hefen und Bakterien arbeitet, wurden im Jahr 2000 insgesamt bereits 35 Milliarden Dollar verdient, davon entfielen allein 16 Milliarden Dollar auf biotechnologisch hergestellte Medikamente. Bis zum Jahr 2005 wird der Gesamt-Umsatz nach einer Studie von Bain & Company auf 83 Milliarden Dollar steigen, auf Gen-Medikamente entfällt ein Anteil von 38 Milliarden Dollar.

Bis zum Jahr 2005 sollen knapp 50 Prozent der jährlich neu zugelassenen Medikamente aus der Biotechnologie kommen. Biopharmazeutika weisen mit einem jährlichen Umsatzzuwachs von 18 Prozent eine mehr als doppelt so schnelle Wachstumsrate auf wie der Pharma-Markt insgesamt. Die größte Hoffnung der Industrie ist, mit Hilfe des Genoms einmal maßgeschneiderte Medikamente für Patienten zu entwickeln.

Im Moment sind es vor allem kleine, ehrgeizige Start-ups, die sich an die menschlichen Stammzellen herantrauen. Pionier ist die Firma Geron, mit Sitz in Menlo Park in Kalifornien. Deutsche Start-ups wie Cardion aus Erkrath bei Düsseldorf oder Cytonet aus Weinheim beschränken sich dagegen noch auf die Forschung an den ethisch unumstrittenen Stammzellen von Erwachsenen, würden aber gern weitergehen. "Wir werden auch mit embryonalen menschlichen Stammzellen forschen, wenn sich eine eindeutige Meinungslage ergibt", sagt Cardion-Sprecher Wolf-Henning Kriebel. Auch Cardion schürt große Hoffnungen. "Auf Basis der Stammzellforschung kann man Arzneimittel in fast jede Richtung entwickeln", sagt Kriebel.

Cardion konzentriert sich vorerst auf die Entwicklung von Bauchspeicheltransplantaten, die bei Diabetikern die Produktion von Insulin übernehmen sollen. Damit würde das Spritzen des Medikaments überflüssig. "Wir sind relativ nah dran." In etwa zehn Jahren, hofft er, könnte das erste Produkt auf dem Markt sein. Für das lange Warten hofft Cardion später großzügig entlohnt zu werden. Rund zwölf Millionen Diabetikern könnte das Zelltransplantat zugute kommen, rechnet Kribel, das macht einen potenziellen Umsatz von 1,5 Milliarden Mark pro Jahr.

Prominente Unterstützung kommt derweil nicht nur von US-Mieme Reeve, sondern auch von Nancy Reagan. Kürzlich hat sich die "große alte Dame" der Republikanischen Partei im "Wall Street Journal" zu Wort gemeldet: Die embryonale Stammzellenforschung sei zu begrüßen, sagte Nancy Reagan. Sie ist Frau des an Alzheimer erkrankten Ex-Präsidenten Ronald Reagan.

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