Wirtschaft : Standpunkt: Die Goldpreise steigen weiter

Wolfgang Drechsler

Kein Thema hat an den internationalen Metallmärkten zuletzt für mehr Gesprächsstoff gesorgt als die Entwicklung des Goldpreises. Auf der einen Seite stehen Skeptiker wie Nick Goodwin von der Johannesburger Brokerfirma SG Securities. Sie sehen in dem zeitweiligen Anstieg des Unzenpreises auf 300 Dollar nur ein Strohfeuer. In der Tat ist der Goldpreis seit seinem letzten größeren Ausbruch auf 418 Dollar im Februar 1996 schon mehrfach um 20 Dollar gestiegen - um kurz darauf wieder auf seinen alten Tiefstand oder sogar darunter zurückzufallen.

Auf der anderen Seite hat sich die Zahl der Goldfans in den letzten Wochen spürbar erhöht. Wie viele andere Experten ist auch die australische Brokerfirma Macquarie Research Equities trotz des jüngsten Rückfalls auf 291 Dollar davon überzeugt, dass viele der Faktoren, die dem Goldpreis zum Aufschwung verholfen haben, in den kommenden Monaten andauern werden.

Ganz oben steht dabei die nachlassende Sorge des Marktes vor unkontrollierten Verkäufen der Zentralbanken, die ihrerseits noch immer rund 33 000 Tonnen Gold und somit mehr als zehn Jahresproduktionen in ihren Tresoren lagern.

Als direkte Folge dieser Entwicklung haben viele Minenfirmen den (preisdrückenden) Verkauf künftig geförderten Goldes am Terminmarkt stark eingeschränkt. Nachdem bereits der südafrikanische Goldkonzern Anglogold eine Reduzierung seiner Absicherungsgeschäfte um ein Drittel angekündigt hatte, will nun auch die kanadische Barrick Gold rund die Hälfte der eigenen Produktion am Sportmarkt verkaufen. Dies gilt als Indiz dafür, dass die großen Produzenten mit einem Anstieg oder zumindest einer Stabilisierung des Goldpreises auf seinem gegenwärtigen Niveau rechnen. Wie Anglogold gehörte auch Barrick bislang zu jenen Gesellschaften, die traditionell umfangreiche Preissicherungsgeschäfte vornehmen.

Ein wichtiger Grund für das Zurückschrauben der Terminverkäufe liegt laut Wrzesniok-Rossbach darin, dass die Lücke zwischen den Kosten für das Ausleihen von Gold und den für Spargelder entrichteten Zinsen durch die steten Zinssenkungen der US-Notenbank stark geschrumpft ist. Anders als in der Vergangenheit ist es dadurch derzeit weniger attraktiv, gegen Gold zu spekulieren. Als die Differenz zwischen beiden Raten noch bei fast fünf Prozent lag, war es für Spekulanten lukrativ, Gold auszuleihen, auf dem Spotmarkt sofort weiter zu verkaufen und den Gewinn auf ein Sparkonto zu legen. Dabei ging der Spekulant davon aus, dass der Goldpreis nicht steigen würde. Dies ist bei den gegenwärtigen Marktverhältnissen und einer Gewinnmarge von knapp einem Prozent nun nicht mehr der Fall. Zudem haben die anhaltenden Fusionen, Aufkäufe und Rationalisierungsmassnahmen dazu geführt, dass die Goldproduktion in diesem Jahr vermutlich erstmals seit langem wieder fallen wird, was ebenfalls preistreibend wirkt.

Der wichtigste Grund für den festeren Preis ist nach Expertenansicht aber das neue geopolitische Umfeld. Vor dem Hintergrund größerer globaler Unsicherheit seit dem 11. September investieren Private und Institutionelle seit Wochen verstärkt in Gold. Die Meinung, dass die Anschläge in Amerika nicht Höhepunkt, sondern erst Beginn einer längeren Phase globaler Unsicherheit sind, findet sich auch in der Investorennachfrage nach Gold im vierten Quartal des vergangenen Jahres. Diese stieg um rund acht Prozent auf über 100 Tonnen. Besonders hoch war die Nachfrage in Japan und den USA, wo die Verkäufe an Investoren um 54 beziehungsweise 70 Prozent über den Zahlen des Vorjahres lagen. "Es gibt heute weit bessere Gründe als noch vor wenigen Monaten in Gold zu investieren", resümiert Keith Frances vom Johannesburger Brokerhaus Barnard Jacobs Mellet. Er glaubt an eine Preiskonsolidierung bei 300 Dollar.

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