Wirtschaft : Standpunkt: Nächstenliebe und Wettbewerb müssen keine Gegensätze sein

Gert G. Wagner

Nächstenliebe wird niemals so oft beschworen wie in der Weihnachtszeit. Viele sehen in der Nächstenliebe auch einen Gegensatz zum Wirtschaftssystem, das von Wettbewerb bestimmt ist. In der Bibel, insbesondere im Neuen Testament, wird wirtschaftlicher Reichtum sogar so negativ gesehen, dass "eher ein Tau durch ein Nadelöhr ginge als dass ein Reicher in den Himmel käme". Freilich müssen Nächstenliebe und Kommerz keine Gegensätze sein, sondern die Nächstenliebe kann sich des wirtschaftlichen Wettbewerbs als Instrument bedienen, um die Qualität von "sozialen Diensten" zu heben und sparsam zu wirtschaften.

In den vergangenen 100 Jahren hat sich in Deutschland eine institutionalisierte Form der Nächstenliebe herausgebildet, bei der soziale Dienste entweder von frei-gemeinnützigen Anbietern - insbesondere den Kirchen - oder vom Staat direkt erbracht werden. Das geschieht zum Beispiel in der Betreuung, Alten- und Jugendpflege, Sozialhilfe und "Hilfe zur Arbeit". Es gibt aber eine zunehmende Unzufriedenheit mit der Qualität dieser Dienste und mangelnder Sparsamkeit; da und dort werden Spenden und Steuergelder regelgerecht verschwendet. Man denke etwa an die Probleme, die das Rote Kreuz hat.

Soziale Dienste kann man natürlich nicht einfach dem freien Markt überlassen, da viele Nachfrager nicht genügend Geld haben, um sich einen Dienst zu Marktpreisen kaufen zu können - zum Beispiel junge Eltern, die Hilfe bei der Kinderbetreuung brauchen. Und einige Klienten wissen gar nicht, dass sie Hilfe benötigen wie etwa jugendliche Dauerarbeitslose.

Der Staat muss dafür sorgen, dass für derartige Dienste genügend Geld vorhanden ist, indem er Steuern einnimmt, und er muss Vorschriften über die Qualität der Dienste erlassen. Die Dienste selber müssen aber weder von frei-gemeinnützigen Organisationen noch vom Staat angeboten werden, sondern dies können auch private Anbieter erledigen, die im Wettbewerb untereinander stehen und sich deswegen anstrengen, eine gute Qualität zu günstigen Preisen anzubieten.

Die private Altenpflege ist ein Beispiel dafür, dass soziale Dienste, die von an Gewinn orientierten Unternehmern erbracht werden, flexibler sind als Non-Profit-Dienste. Viele der Berliner Kinderläden sind übrigens auch ein Beispiel für die Vorteile freien Unternehmertums, denn hinter so manchem Kinderladen-Verein steht faktisch eine Kindergärtnerin, die sich selbstständig gemacht hat und die das Vereinsdach nur braucht, um Zuschüsse zu erhalten.

Im Interesse der Qualität und Flexibilität vieler sozialer Dienste sollte der Staat systematisch prüfen, wo der Wettbewerb zwischen privaten Anbietern ausgenutzt werden kann. Neben der Altenpflege sind die Kinderbetreuung und die Arbeitsvermittlung von Sozialhilfeempfängern besonders prüfenswerte Bereiche.

Das Plädoyer für "mehr Markt in der Sozialpolitik" bedeutet im Übrigen nicht, dass der Staat sich aus diesem Bereich vollständig zurückziehen sollte. Im Gegenteil: Der Staat muss nach wie vor dafür sorgen, dass die Mittel für soziale Dienste zur Verfügung stehen und bei den Richtigen ankommen. Darüberhinaus muss der Staat für eine unabhängige Qualitätskontrolle und -sicherung sorgen.

Auf einem Markt für soziale Dienste käme auch die Nächstenliebe nicht zu kurz, da frei-gemeinnützige Anbieter ja nicht vom Markt verdrängt würden. Wenn allerdings die Kirchen einige Aufgaben abgeben würden, könnten sie sich stärker auf neue, innovative soziale Dienste konzentrieren, wie zum Beispiel die aktive Gestaltung des Ruhestandes und die Betreuung Hochbetagter über die reine Pflege hinaus.

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