Wirtschaft : Star Alliance kauft künftig gemeinsam ein

Luftfahrt-Bündnis hat erstmals Milliarden-Auftrag ausgeschrieben – Hoffnung auf hohe Preisnachlässe

Rainer W. During

Berlin. Die Lufthansa nutzt völlig neue Wege, um ihre Kosten zu senken. Zum ersten Mal seit ihrem sechsjährigen Bestehen hat das Luftfahrtbündnis Star Alliance, zu dem die Lufthansa und 15 weitere Luftverkehrsgesellschaften gehören, eine gemeinsame Ausschreibung zur Beschaffung von Flugzeugen gestartet. Die Star Alliance entwickelt sich damit zu einer ernsthaften Nachfragemacht. Die Partner kontrollieren 60 Prozent des Weltluftverkehrs.

Zunächst geht es nach Informationen des Tagesspiegel um 100 Festbestellungen und 100 Kaufoptionen eines neuen Regionaljets mit etwa 100 Sitzplätzen, der von Lufthansa, Austrian Airlines, SAS und Air Canada benötigt wird. Das Auftragsvolumen liegt bei sieben bis acht Milliarden US-Dollar. Weitere Star-Alliance-Partner können sich später einer Bestellung anschließen. Durch die Gemeinschaftsausschreibung erhoffen sich die Unternehmen hohe Preisnachlässe.

Star-Alliance-Sprecher Christian Klick bestätigte die Gemeinschaftsorder: „Wir sind sehr enthusiastisch.“ Nachdem die Partner in der Vergangenheit bereits bei kleineren Zulieferer-Aufträgen die Synergieeffekte der Gruppenbestellung genutzt haben, wurde jetzt erstmals Einigung über die Ausstattung eines komplett neuen Flugzeugmodells erzielt. Die 15 Allianz-Mitglieder sind sich einig, dass nicht zwangsläufig immer sofort alle Partner aktiv an einem solchen Vorhaben beteiligt werden müssen. Auf der Vorstandsebene zeichnet Austrian-Chef Vagn Soerensen für das Projekt verantwortlich. Als wahrscheinlich gilt, dass sich auch die übrigen Mitglieder der Allianz bei entsprechendem Bedarf an dem Ausschreibungsergebnis orientieren werden. Bis zum Jahresende wird mit einer Entscheidung gerechnet.

Vier Hersteller bewerben sich um den Zuschlag der Star Alliance. Die kanadische Firma Bombardier, die mit kleineren Modellen bereits bei drei der beteiligten Airlines vertreten ist, geht mit dem 86-Sitzer CRJ 900 ins Rennen, von dem erst 25 Exemplare verkauft worden sind. Das erste Flugzeug ging im Februar an die US-Gesellschaft Mesa. Das brasilianische Unternehmen Embraer hat die Modellreihe 190 (98 Sitze, bisher 110 Verkäufe, Auslieferung ab Ende 2004) und 195 (108 Sitze, bisher 15 Verkäufe, Auslieferung ab Ende 2005) im Angebot. Airbus offeriert mit der A318 (107 Passagiere, 84 Aufträge) das neueste und kleinste Modell der A320-Familie. Die erste Maschine des Typs wird in diesen Tagen an die amerikanischen Frontier Airlines ausgeliefert. Die amerikanische Konkurrenz hat der Star Alliance angeboten, aus der Boeing 717-200 (106 Sitze) eine eigene Flugzeugfamilie zu entwickeln und so mehr Flexibilität zu gewährleisten. Vorgeschlagen werden die durch Einfügung von zwei Rumpfsegmenten um 4,34 Meter verlängerte 717-300X für 128 Passagiere sowie eine 717-200 Light mit 85 bis 90 Sitzen und entsprechend verringertem Startgewicht.

Im Gegensatz zu den klassischen Regionaljets von Bombardier und Embraer bieten die Modelle von Airbus und Boeing als Versionen großer Verkehrsflugzeuge größere und somit komfortablere Kabinen. Mit der Erweiterung zu einer Flugzeugfamilie hofft man bei den Amerikanern, dem 717-Projekt, das bereits mehrfach auf der Kippe stand, doch noch zum Durchbruch zu verhelfen. Das ursprünglich als MD-95 entwickelte Modell wurde als einziges Projekt des Herstellers McDonnell Douglas nach dessen Übernahme durch Boeing fortgesetzt. Seit dem Erstflug 1998 konnten aber bisher nur 155 Maschinen abgesetzt werden.

Die 717 ist als einziges Verkehrsflugzeug mit den im brandenburgischen Dahlewitz gefertigten715-Triebwerken von Rolls-Royce ausgestattet. Sie machen dort rund ein Fünftel der Produktion aus und sichern einen Teil der rund 1000 Arbeitsplätze. Zusatzaufträge würden zunächst die derzeit brachliegende Kapazitäten füllen, sagt Firmensprecher Norbert Burgner. Erst wenn deren Obergrenze erreicht ist, sei wieder mit Neueinstellungen zu rechnen.

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