Wirtschaft : Starker Euro gefährdet das Wachstum nicht

OECD: Wirtschaft in Europa gewinnt an Tempo

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Berlin - Der Kursanstieg des Euro bereitet der deutschen Industrie bisher keine Probleme. Die Konzerne hätten sich auf die Dollar-Schwäche zum Jahresende eingestellt, sagte Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), am Dienstag in Berlin. „Einige Cent kann die Wirtschaft verkraften“, argumentiert er. Ein sprunghafter Anstieg auf 1,40 Dollar oder mehr wäre aber sicher ein Problem.

Der Kurs des Euro war in den letzten Tagen auf den höchsten Stand seit mehr als eineinhalb Jahren gestiegen und legte auch am Dienstag wieder zu. Die Europäische Zentralbank setzte den Referenzkurs auf 1,3147 Dollar fest. Ein starker Euro erschwert die Ausfuhren außerhalb der EU und könnte für exportorientierte Branchen wie die Automobil- oder Chemiewirtschaft zum Problem werden.

Die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sieht aber im aktuellen Euro-Dollar-Verhältnis keine Gefahr für das Wachstum in Europa. Die Werterhöhung gegenüber dem US-Dollar sei angesichts des starken Exports der Euro-Zone nicht überraschend, sagte OECD-Chefvolkswirt Jean-Philipe Cotis bei dem halbjährlichen Wirtschaftsausblick am Dienstag in Paris. Der Weltwirtschaft stehe kein einschneidender Konjunkturrückgang, sondern vielmehr eine Verlagerung des Wachstums bevor. „Die Wirtschaftstätigkeit in den USA verlangsamt sich, im Euro-Raum gewinnt sie an Tempo“, sagte er. Nachfrage und Angebot stünden global gesehen aber im Lot.

Auch für Deutschland sieht die OECD einen robusten Wachstumskurs. Im laufenden Jahr werde die Wirtschaft um 2,4 Prozent wachsen. Bereinigt um die Zahl der Arbeitstage seien es sogar 2,6 Prozent. Wegen der Mehrwertsteuererhöhung komme es 2007 nur kurzfristig zu einer leichten Abschwächung bei einem Wachstum von 1,7 Prozent. Doch schon 2008 soll die Wirtschaft mit 2,4 Prozent wieder ähnlich stark wachsen wie 2006. Dann werde vor allem der private Verbrauch zu einer echten Konjunkturstütze.

„Die Position Deutschlands hat sich stark verändert“, sagte Andreas Fuentes, Deutschland-Experte der OECD. Wichtige Gründe für den positiven Trend sieht er im starken Export, verstärkten Investitionstätigkeiten der Unternehmen und der steigenden Binnennachfrage, die durch die verstärkte Konsumneigung der Privathaushalte gestützt werde.

„Mit einer gewissen Verzögerung greifen nun auch die Arbeitsmarktreformen“, sagte Fuentes. Nach Angaben der OECD steigt die Beschäftigung Jahr für Jahr um 0,5 bis 0,6 Prozent. Noch im Laufe des Jahres 2007, so schätzt die Organisation, könne die Zahl der arbeitslos gemeldeten Personen bei der Bundesagentur für Arbeit unter die Marke von vier Millionen sinken. Besonders die kürzere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I habe die strukturelle Arbeitslosigkeit verringert, sagte Fuentes mit Blick auf die Diskussion in der Union. Dort wollen viele Politiker die Bezugsdauer für Ältere wieder verlängern.

Auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, der am Dienstag zusammen mit BDI-Chef Thumann die Erwartungen der Wirtschaft an die EU-Ratspräsidentschaft präsentierte, sprach sich gegen die vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) vorgeschlagene Staffelung der Bezugsdauer nach Beitragsjahren aus. „Das ist der falsche Weg“, sagte Hundt. ibr/stek

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