Starkes Wachstum im Medizinbereich : Berlin: Deutschlands Gesundheitsstadt

Experten zufolge könnte der Medizinbereich in den nächsten fünf Jahren zum größten Arbeitgeber der Stadt werden. Neue Jobs sollen vor allem in der Privatwirtschaft entstehen.

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Auf Expansionskurs. Bayer-Schering Pharma ist einer der größten Arbeitgeber Berlins und plant Millioneninvestitionen in seinen Weddinger Firmensitz. Foto: dpa Foto: dpa/dpaweb
Auf Expansionskurs. Bayer-Schering Pharma ist einer der größten Arbeitgeber Berlins und plant Millioneninvestitionen in seinen...Foto: dpa/dpaweb

Der Senat und der Verein „Gesundheitsstadt Berlin“ hatten sich bereits vor rund sechs Jahren ein hohes Ziel gesetzt: Bis 2010 sollte Berlin die führende Rolle in der deutschen Gesundheitsbranche einnehmen, und man hoffte auf bis zu 70 000 neue Arbeitsplätze. Das erste Ziel sei erreicht, urteilt nun beispielsweise der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl. Er sieht nicht nur sein Uni-Klinikum als bundesweite „Nummer eins in der Gesundheitswirtschaft“, sondern billigt diesen Rang auch der ganzen Stadt zu. Der Zuwachs an Arbeitsplätzen fiel laut Gesundheits- und Wirtschaftsverwaltung jedoch geringer als erhofft aus: 2004 waren knapp 207 000 Berliner im Gesundheitswesen tätig, heute sind es rund 220 000 – und für das Jahr 2030 werden etwas mehr als 230 000 Jobs prognostiziert.

Optimistischer zeigt sich Thorben Bardowicks von der Personal- und Unternehmensberatung Kienbaum Berlin, der am heutigen Mittwoch bei einer Fachtagung der „Gesundheitsstadt Berlin“ über die Entwicklungen und Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt Gesundheitswesen sprechen will. Bereits in fünf Jahren könne die Gesundheitswirtschaft der „wichtigste Berliner Arbeitgeber mit den meisten Stellen und dem größten Umsatz“ sein, schätzt Bardowicks. Im Medizin- und Medizintechnikbereich gebe es viele neue Start-Up-Firmen und „pulsierendes Leben“, allerdings benötige Berlin mehr Fachärzte für die Forschung. Die Bemühungen der Landesregierung um Unternehmensansiedlungen hält der Berater für richtig und vielversprechend. „Man hat ja schon einiges gemacht“, sagt er mit Blick auf die Ansiedlung von Konzernen wie Pfizer und Sanofi-Aventis.

Einen generellen Ärztemangel sieht Bardowicks nicht, nur in Einzelfällen „kann mal ein Strahlentherapeut oder ein spezieller Chirurg fehlen“. Statistisch gesehen komme ein Arzt auf 191 Einwohner, damit sei Berlin „bei der Arztdichte topp“. Nur in Bremen und Hamburg sei die Versorgung quantitativ noch besser. Ganz anders sei die Situation jedoch in Brandenburg abseits der größten Städte: „Dort fehlen Landärzte für die Basisversorgung.“ Viele Mediziner ziehe es nach ihrem Studium ins Ausland. In Schweden etwa ließen sich „Beruf und Familie besser vereinbaren“, und es gebe dort ein „Kollegialsystem statt Hierarchie“. Bei den Einkommen liege Deutschland allerdings im „oberen Mittelfeld“ und sei sehr attraktiv für Zuzügler. Aktuell kämen zahlreiche Ärzte aus Polen, Tschechien oder Ungarn. Allmählich würden die guten Mediziner dort jedoch knapp. Ein „großes Potenzial“ sieht Bardowicks noch in Bulgarien und Rumänien – nur seien leider die Sprachkenntnisse der Interessenten „oft katastrophal“.

Umstritten bleibt, welche Folgen eine Fusion der Charité-Universitätsmedizin mit dem ebenfalls landeseigenen Klinikkonzern Vivantes unter einer Holding bringen würde. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin hatte die Zusammenlegung im Frühjahr wegen „Synergien und Einsparungen in Millionenhöhe“ gefordert. Doch Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) glaubt, dass diese „Megalösung“ im kommenden Jahrzehnt nicht erreichbar sein wird. Auch Thorben Bardowicks hält eine Fusion vorerst für „absolut unmachbar“, obwohl er wie die IHK eine mögliche „enorme Kostenersparnis“ sieht.

Neue Jobs im Medizinbereich könnten vor allem in der Privatwirtschaft entstehen. Die Bayer Schering Pharma AG zum Beispiel ist schon jetzt mit rund 2000 Forschern und 2500 weiteren Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Doch damit nicht genug: Im Frühjahr stellte das Unternehmen seine Pläne für den Ausbau des Stammsitzes in Wedding vor, das 18 Hektar große Gelände soll im Laufe der kommenden drei Jahrzehnte zum „Pharmacampus“ mit zahlreichen Neubauten werden. Der Senat hofft, dass sich weitere Unternehmen aus der Medizinbranche in der Nachbarschaft in Richtung Hauptbahnhof ansiedeln und so ein Quartier für die Gesundheitswirtschaft („Medical Science City“) entsteht – als Ergänzung zu etablierten Standorten wie dem Campus Berlin-Buch.

Das Beratungsunternehmen McKinsey hat die Gesundheitswirtschaft erst vor kurzem zu „einer der zentralen Branchen, die die Wertschöpfung der Hauptstadt steigern können“ erklärt. Standortvorteile seien unter anderem die Nähe zur Bundespolitik und die vielfältige Forschungslandschaft. Um Firmenansiedlungen in der Region bemühen sich vor allem die Technologiestiftung Berlin, die Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner und die Zukunftsagentur Brandenburg.

Wirtschaft und Wissenschaft sollen auch noch stärker vernetzt werden. Charité-Vorstandschef Einhäupl betonte vor wenigen Tagen bei der Podiumsdiskussion zur Tagesspiegel-Serie „Berlin 2030“, dass allein durch Drittmittel 2921 zusätzliche Stellen in der Uni-Medizin geschaffen werden konnten. Die „Charité Research Organisation“ betreibe erfolgreich Auftragsforschung und sei seit 2009 profitabel – drei Jahre früher als erwartet.

DIE BRANCHE

In Berlins Gesundheitswirtschaft arbeiten etwa 222 000 Menschen, darunter rund 17 700 Ärzte und 3700 Zahnärzte. Es gibt 67 Kliniken, 22 Pharmaunternehmen sowie 150 Medizintechnik- und 160 Biotechnologiefirmen. Neben Unis und Fachhochschulen existieren 70 außeruniversitäre Forschungsstätten.

BEKANNTE ADRESSEN

Die Charité (rund 14 500 Mitarbeiter) gilt als größtes Uniklinikum Europas, Vivantes (mehr als 13 000 Beschäftigte) ist der zweite landeseigene Klinikkonzern. Zu den großen Firmen zählen Bayer-Schering, Berlin-Chemie, Pfizer und Sanofi-Aventis. Technologieparks bestehen bisher in Buch und Adlershof.

GESUNDHEITSSTADT

Ende 2003 gründeten Ex-Gesundheitssenator Ulf Fink und einige führende Mediziner den Verein „Gesundheitsstadt Berlin“ (www.gesundheitsstadt- berlin.de). Zu den vielfältigen Aktivitäten gehört auch die Kooperation mit dem Tagesspiegel bei den Berliner Klinik-, Pflegeheim- und Praxisführern.

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