Wirtschaft : Start eines Jahrhundertprojekts

HEIK AFHELDT

VON HEIK AFHELDT"Das beste an der Entscheidung für den Euro ist, daß damit endlich die zeit- und kräfteraubenden Diskussionen beendet sind und Politik und Wirtschaft sich wieder wichtigeren Aufgaben zuwenden können", so der deutsch-amerikanische Wirtschaftsprofessor Rüdiger Dornbusch vor einem Jahr.Er hat natürlich nur zum Teil recht - wie bekanntlich alle Ökonomen.Das war der Grund, weshalb Präsident Roosevelt sich einen Einarmigen als ökonomischen Berater gewünscht hat, damit er nicht immer hören müsse "on the one hand ..and on the other." Tatsächlich hat die Ökonomenzunft vor allem in Deutschland seit Jahren über nichts so verbissen und kontrovers gestritten, wie über das Projekt einer einheitlichen Europäischen Währung.Der Streit geht bis vors Bundesverfassungsgericht.Dabei ging es vordergründig auch um die Frage nach Sinn und Unsinn der im Maastricht-Vertrag und seinen Anlagen vereinbarten vier Kriterien, über den richtigen Zeitpunkt für den Start und die dann qualifizierten Teilnehmer.Das waren auch die Knackpunkte der heftigen Attacke von Helmut Schmidt gegen den Präsidenten der Bundesbank, Hans Tietmeyer in seinem offenen Brief in der "ZEIT" vor einem Jahr.Aber hinter der Kritik am vereinbarten Zeitplan und an dem Komma-Tanz um die Stabilitätskriterien stand bei vielen die grundsätzliche Abneigung gegen die Aufgabe der D-Mark und gegen die neue Einheitswährung.Mit ihr geht tatsächlich das Instrument der Korrektur von Wechselkursen verloren, das - wenn auch im Europäischen Währungssystem nur noch bedingt - zum Ausgleich unterschiedlicher Lohnkosten und Produktivitäten zwischen einzelnen Ländern Europas dienen könnte.Und es war die Sorge davor, die früheren "Weichwährungsländer" wie Italien oder auch Frankreich könnten zu ihren alten Unarten zurückkehren und die Unabhängigkeit der Europäischen Währungshüter nicht wirklich ernst nehmen. Nun geht der Streit über den Start der Euro-Rakete zunächst zu Ende - Gottseidank.Zwei Riesenschritte hin zu einem neuen und anderen Europa werden Anfang Mai und dann zu Beginn des Jahres 1999 getan.Ob die Gründerväter der Europäischen Gemeinschaften bei der Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957 wirklich geglaubt haben, daß die Mitglieder sich zu diesem großen Symbol Europäischer Einigung und Identität noch in diesem Jahrhundert würden zusammenraufen können - und nicht nur die sechs Mitglieder von damals, sondern ein viel diffuserer Club von heute schon 15 Ländern. Warum ist dieser historische Schritt so positiv.Nicht nur, weil er in einer Zeit der Reformbarrieren ein Zeichen von enormem politischen Gestaltungswillen und der Fähigkeit zur Einigung ist.Nicht nur, weil Europa seine Wirtschaft in einer Epoche des weltweiten Wettbewerbs im Inneren von Wechselkursrisiken befreit und nach außen mit einer hoffentlich starken internationalen Währung in den Wettstreit mit dem Dollar schickt.Nicht nur, weil damit künftig "Wechsel-Kosten" in Höhe von rund 30 Mrd.D-Mark pro Jahr eingespart werden können.Sondern vor allem, weil hier ein bewährtes deutsches Modell der Stabilität mit der sie garantierenden unabhängigen Bundesbank von den übrigen Europäern übernommen wird - freiwillig und aus Überzeugung.Deutschland ist zu recht immer stolz auf seine anhaltenden Exporterfolge gewesen.Hier aber dürfen die deutschen Kämme nun wirklich ein wenig anschwellen.Die Bundesrepublik gibt zwar nach 50 Jahren die gute D-Mark auf, aber sie gewinnt einen "deutschen Euro" und mit ihm die begründete Hoffnung, die gewohnte Stabilitätskultur auch nach dem erfolgreichen Test zum Eintritt in die Klasse der Fortgeschrittenen weiter entwickeln zu helfen - auch Zuhause.Die Schularbeiten zur Stabilität - da hat Waigel recht - müssen immer neu gemacht werden, wenn das Jahrhundertprojekt nicht eines Tages zu einem Flop werden und dann gar seinen "worst case" erleben sollte, den Austritt einzelner Mitglieder oder den Zerfall des europäischen Währungs- und Wirtschaftssystems.Risiken bleiben, aber sie sind bereits deutlich geringer geworden.

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