Wirtschaft : Start Up - Come Back: Die Gründer kehren heim in den Schoß der Familie

Shirley Leung

Die Szene spielt sich bei Hunderten von Internetunternehmen ab, die ums Überleben kämpfen: Der 24-jährige Finanzvorstand Michael Periu versucht verzweifelt, am Telefon Kapital aufzutreiben. Seit zwölf Stunden sitzt er schon am Schreibtisch. Während ihm wieder ein potenzieller Investor eine Absage gibt, ruft im Hintergrund eine Stimme: "Mikey, das Abendbrot ist fertig!" Der Gründer eines ein Jahr alten Softwareunternehmens ist im vergangenen November bei seinen Eltern eingezogen - aus Kostengründen.

Periu ist kein Einzelfall. Immer mehr Möchtegern-Internet-Mogulen zieht es zurück ins elterliche Heim. Periu schätzt das kostenlose Wohnen, die saubere Wäsche und die mütterlichen Mahlzeiten, die den gestressten Unternehmer 45 Pfund haben zulegen lassen. Doch er schämt sich, wenn die Mutter während eines wichtigen Telefonats zum Abendessen ruft. Seine Strategie: Weitersprechen. "Man hofft einfach, dass der Gesprächspartner nichts gehört hat", sagt er. Der 24-Jährige muss sich dieser Tage von seinen Eltern viel anhören. "Man denkt, dass seine Kinder nach der teuren Ausbildung auf dem Weg zum Erfolg sind", sagt etwa seine Mutter Livia Periu. "Stattdessen erleben wir auf einmal einen neuen Abschnitt im Leben unseres Sohnes und in unserem eigenen."

Nachdem die Hoffnungen der Internet-Branche verflogen sind, bekommt das auch das Privatleben der Hoffnungsträger zu spüren. Gescheiterte Jungunternehmer suchen zu Hause Schutz und Auskommen. Dabei hatten vor kurzer Zeit noch Eltern gestrahlt, wenn ihre Kinder bei Internet-Start-ups anfingen. Nun denken viele wie Bhoonsri Thumasathits, die Mutter des 32-jährigen Thi, dessen Ausbildung an der Stanford University die Familie umgerechnet 54 000 Euro gekostet hat: Sie will, dass sich der Sohn bei einem Unternehmen der Old Economy bewirbt, statt bei einer anderen Dot-com-Firma zu arbeiten. 10 000 Dollar der Familie hat Thi Thumasathits in den Sand gesetzt, als sein Unternehmen Shoppinglist.com im Dezember in Konkurs ging. Das Unternehmen hatte Anzeigen der Sonntagsausgaben von Zeitungen ins Netz gestellt. Seit Shoppinglist.com Pleite gemacht hat, reist der 32-Jährige im Ausland herum.

Doch viele der Jungunternehmer können nicht klein beigeben. Matthew Cohen, Mitgründer des Online-Beratungsdienstes für Schulen, Pure Advice Inc, hat seit drei Monaten kein Gehalt mehr gesehen. Cohen und das Unternehmen versuchen mit den 35 000 Dollar zu überleben, die ihm seine 80-jährige Großmutter gegeben hat. Seine Mutter hat ihm 4000 Dollar geliehen. Als der 27-Jährige die 2000 Dollar teure Miete seiner Wohnung in Manhattan nicht zahlen konnte, rief er seinen Vater an, und bat ihn in gebrochener Stimme um das Geld. Doch als Pure Advice im Oktober eine größere Summe brauchte und der junge Cohen - dieses Mal unter Tränen - seinen Vater um ein Darlehen von 25 000 Dollar bat, lehnte der Papa ab.

Tagesspiegel Online Spezial:
www.tagesspiegel.de/neweconomy

Der Sohn ist gekränkt. "Er hat mich verletzt", sagt Matthew Cohen. James Cohen hingegen denkt, dass der Misserfolg von Matthews Unternehmen eine Lehre für den Sohn ist. "Vielleicht kostet es ihn Geld - der Familie. Vielleicht kostet es ihn schlaflose Nächte", sagt der ältere Cohen. "Aber er ist erst 27 Jahre alt." Robert Matheson, 28 Jahre, hat in seine Website k12nation.net rund 750 000 Dollar von 22 Familienmitgliedern gesteckt. Die kostenlose Website für Lehrer, Eltern und Schüler würde viel genutzt werden, sagt er. Doch seinem Vater ist nicht klar, wie das Unternehmen nur mit den Anzeigen Gewinn machen soll. Nachdem die beiden Gründer im vergangenen Juli 23 Angestellte entlassen haben, ist Matheson zu seinen Eltern gezogen und lebt nun im Gästehaus auf der elterlichen Farm in Virginia.

Für Michael Periu ist es unangenehm, seine Verwandten zu sehen. Vor zwei Jahren ergötzte er seine Tanten, Onkel und Cousins mit Anekdoten seiner Weltreisen. Nun, wo die Internetgeneration in einer Flaute steckt und sein eigenes Unternehmen ums Überleben kämpft, spricht er nicht viel über seine Abenteuer. Und seine Verwandten sind zu diskret, Fragen zu stellen. "Sie haben Angst", sagt Periu.

Für die Mutter war Sohn Michael immer etwas Besonderes. Als er sich mit elf Jahren zu alt für seine Spielzeuge fühlte, verkaufte er sie für 1000 Dollar auf dem Flohmarkt. An der High-School verdiente er als Tutor etwa 8000 Dollar. Nun muss sich der einst viel versprechende Sohn anhören, wie seine Mutter mit dem künftigen Arbeitsplatz seines jüngeren Bruders prahlt. Wenn der 21-jährige Albert Periu im Mai sein Studium abschließt, wird er bei einer Investmentbank anfangen.

Da er kein Gehalt hat, beschränkt Michael Periu seine monatlichen Ausgaben auf 200 Dollar. Er hat seinen Sportwagen verkauft und fährt nun im Sedan der Familie zu geschäftlichen Terminen. Zu Hause zu wohnen, heißt für Periu, sich den Regeln der Familie zu fügen, anzurufen, wenn er später kommt und zu Hause keinen Alkohol zu trinken. Letzteres ist besonders schwer für Periu, weil er daran gewöhnt ist, mit Kunden essen zu gehen und dabei Weingläser zu leeren. Als er sich einmal über die Familienregel hinwegsetzte und nach einem aufreibenden Telefonat ein Glas Black Label trank, wurde er prompt "erwischt". Seine Mutter sah, dass in der Whisky-Flasche etwas fehlte. Auch Perius Vorstand, der 27-jährige Alejandro Zuzenberg, ist im vergangenen Jahr zu seinen Eltern gezogen. Bevor er morgens mit der Arbeit anfängt, macht er sein Bett, wie ihn seine Mutter geheißen hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar