Start-up-Hotspots : Berliner Kreative im Start-up-Check

Nirgendwo in Deutschland tummeln sich so viele Gründer wie an der Spree – im Spiel um die weltweit besten Standorte für große Deals reicht das aber nicht aus.

Susanne Ehlerding
Das kalifornische Silicon Valley gilt als Zentrum der digitalen Innovationen und ist laut dem 2012 veröffentlichten „Start-up Ecosystem Report“ der bedeutendste Start-up-Standort der Welt. Foto: Polaris/laif
Das kalifornische Silicon Valley gilt als Zentrum der digitalen Innovationen und ist laut dem 2012 veröffentlichten „Start-up...Foto: Polaris/laif

Berlin feiert sich gerne als kreatives Zentrum der Wirtschaft im Lande. Ist es ja auch. Nirgendwo sonst werden so viele neue Unternehmen gegründet wie hier. Was den Kapitalzufluss angeht, lag die Stadt im europäischen Vergleich bisher aber immer hinter der Finanzmetropole London.

Dieser Trend hat sich 2015 zum ersten Mal umgekehrt. Wie das VentureCapital- Magazin auf Grundlage von Zahlen des Datendienstleisters Pitchbook berichtet, sammelten Berliner Unternehmen im ersten Quartal sage und schreibe 876 Millionen Euro ein. In London waren es im gleichen Zeitraum nur knapp 700 Millionen Euro. Allerdings sei dies vor allem dem Megadeal um Delivery Hero zu verdanken, schreibt das Magazin. Der Essenslieferdienst habe zuletzt fast 500 Millionen Euro eingesammelt. Im Jahresvergleich für 2014 lag Berlin mit 1,6 Milliarden Euro Kapitalzufluss aber hinter London mit 2,5 Milliarden.

So deutlich spürbar und belebend der Zuzug der Kreativen in die Stadt ist – im weltweiten Spiel um die besten Plätze für Investitionen hat die Stadt noch Nachholbedarf. In Konkurrenz steht Berlin dabei nicht nur mit London, sondern auch mit New York und Tel Aviv.

Das finanzielle Engagement für junge Unternehmen könnte besser werden

Immer wieder genannt werden zwei Standortfaktoren, die sich noch verbessern könnten. Zum einen ist es die Zusammenarbeit zwischen etablierten und neuen Unternehmen. „Hier müsste ein stärkeres Miteinander stattfinden“, sagt Anna Berger vom Team Start-ups der IHK Berlin. Die Serviceeinheit bündelt die gefühlt eine Million Angebote für junge Gründer in der Stadt.

„Es gereicht nicht nur den jungen Start-ups zum Erfolg, wenn sie ein erfahrenes Unternehmen für sich gewinnen könnten“, sagt Berger. Auch die alten Hasen könnten ihre eigenen Innovationsprozesse mit Hilfe junger Unternehmen voranbringen. „Auf diesem Beziehungsmarkt tummeln sich allerdings bisher zu wenige etablierte Unternehmen für zu viele Start-ups“, sagt sie.

Zweiter Punkt ist das finanzielle Engagement für junge Unternehmen. „Hier gehen große Konzerne voran, und es bleibt zu hoffen, dass der Mittelstand immer mehr folgt“, sagt Anna Berger. Massiv zugenommen hätten besonders die privaten Investitionen in risikoreiche Ideen und Unternehmungen, wie sie beispielsweise über Crowdinvesting stattfinden.

Glücklicherweise habe der Gesetzgeber zuletzt davon Abstand genommen, diese Investitionsform per Gesetz deutlich einzuschränken. „Mit der im April im Bundestag verabschiedeten Fassung des Kleinanlegerschutzgesetzes trägt er der Tatsache Rechnung, dass sich in den vergangenen Jahren eine deutliche Bereitschaft privater Geldgeber im Bereich der Start-up-Finanzierung entwickelt hat“, berichtet die IHK-Mitarbeiterin.

Ein drittes Problem beginnt sich gerade abzuzeichnen: „Junge Unternehmen siedeln sich zahlreich in Berlin an, haben aber zunehmend Schwierigkeiten, ausreichend Fachkräfte zu finden“, sagt Anna Berger.

Für ausländische Fachkräfte gibt es immer noch zu viele Hürden

Auf der anderen Seite punktet Berlin mit zahlreichen Hochschulen, die den Zugang zu Nachwuchs sichern, sagt die Personalberaterin Constanze Buchheim vom Start-up i-potentials. 25 000 Absolventen aus dem In- und Ausland verlassen die Berliner Hochschulen jedes Jahr. „Als Standort ist Berlin attraktiv für nationale und zunehmend für internationale Talente – besonders im Kreativbereich, weil Berlin dafür die richtige Kultur entwickelt hat“, sagt Constanze Buchheim.

Die günstigen Lebensbedingungen und damit auch die relativ niedrigen Lohnkosten ermöglichten es insbesondere den Start- ups, in der ersten Zeit kosteneffizient zu arbeiten. Außerdem biete Berlin ein „sehr enges und aktives Start-up-Netzwerk, das hier seinen Mittelpunkt hat und ein funktionierendes Ökosystem um sich herum geschaffen hat“, sagt die Expertin.

Es ist also kein Zufall, dass ein Unternehmen wie Zalando in Berlin gegründet wurde, sagt Moritz Hau, Country Manager für Deutschland. „Hier herrscht eine Aufbruchstimmung und es gibt das richtige Netzwerk. In Berlin finden wir Modedesigner genauso wie Tech-Experten und Manager für unsere ausländischen Märkte. Berlin ist eine internationale, attraktive Stadt, und hier wird sowieso überall Englisch gesprochen. Das weckt weltweit Interesse und lockt kreative, smarte Kolleginnen und Kollegen hierher.“ Bei Zalando arbeiten in Berlin inzwischen 3500 Menschen aus mehr als 70 Ländern.

Allerdings wird es ausländischen Fachkräften immer noch schwer gemacht, in der Hauptstadt anzukommen: „Die anzusprechenden Stellen für Visa et cetera sind nach wie vor zahlreich, wobei viele relevante Informationen weiterhin nur auf Deutsch vorliegen“, bemängelt Anna Berger.

In einem Ranking der Start-up-Hotspots schafft es Berlin erst auf Platz 15

Insgesamt zeigt sich also ein durchwachsenes Bild, das Berlin in einem internationalen Ranking der guten Start-up-Standorte nur den 15. Platz einbrachte. Auf Platz 1 des 2012 veröffentlichten „Start-up Ecosystem Reports“ liegt das Silicon Valley, gefolgt von Tel Aviv, der quirligen, Kreativstadt mit dem guten Netzwerk investionsbereiter älterer Unternehmen. Erst nach einer Handvoll Metropolen in den USA und Kanada, nach London, Moskau, Paris, São Paulo und Sydney kommt Berlin.

Zur Zeit hingen Berliner Start-ups im Vergleich zum Silicon Valley noch viel mehr von der Finanzierung durch Banken ab als von Wagniskapitalgebern, schreiben die Autoren des Berichts. Die Gründer haben weniger Mentoren und die Märkte, die sie anpeilen, seien kleiner. Dafür liegt die Stadt zusammen mit Sydney auf Platz 1 des Trendsetter Indexes. Er misst, wie schnell neue Businessmodelle, neue Technologie und Managementprozesse adaptiert werden. Wenn demnächst ein neuer „Start-up Ecosystem Report“ erscheint, könnte Berlin also aufgeholt haben.

Anna Berger sieht die Stadt ohnehin nicht in einer Konkurrenzsituation zu anderen Metropolen weltweit. „Vielmehr ist Berlin Teil eines globalen Netzes an Start-up-Hotspots. Hier besteht großes Interesse an einem Erfahrungsaustausch. Dazu tragen direkte Verknüpfungen zwischen den Standorten bei – ob das New York, London oder Tel Aviv ist.“

Den weltweiten „Ecosystems Start-up- Report“ für 2012 gibt es im Internet unter bit.ly/1K6AGQx

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